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Die Welt nach Multikulti: Wie gelingen Integration und Miteinander?


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Die Welt nach Multikulti: Wie gelingen Integration und Miteinander?

Angela Merkel ließ im Oktober 2010 keinen Zweifel: “Natürlich war der Ansatz ‘Jetzt machen wir hier mal Multikulti und leben so nebeneinander her und freuen uns übereinander’ – dieser Ansatz ist gescheitert. Absolut gescheitert!”, erklärte die deutsche Bundeskanzlerin damals.

Auch Jahre nach Merkels Rede ist das Thema aktueller denn je. In einer Diskussionsrunde beim Weltwirtschaftsforum in Davos nahm euronews den Faden auf: Unter dem Motto “Die Welt nach Multikulti” begrüßte Isabelle Kumar vier Gäste: Die türkische Schriftstellerin Elif Shafak, den belgischen Vize-Ministerpräsidenten Alexander de Croo, den britischen Aktivisten Brendan Cox sowie Lonnie Bunch, Direktor des US-Nationalmuseums für Afroamerikanische Geschichte und Kultur.


Für Integration Europas Werte in Frage stellen?

Belgien wird als Land, das unterschiedliche Kulturen und Sprachen vereint, mitunter als “Europa im Miniaturformat” bezeichnet. De Croo, der Vize-Regierungschef des Landes, sagte bezüglich der Herausforderungen, die Einwanderung mit sich bringen: “Es gibt Integrationskurse und eine kleine Prüfung, die man ablegen muss: Doch auf diese Weise werden Menschen nicht integriert. Nur weil man die Grundlagen der Sprache lernt, wird Integration danach nicht einfach so geschehen”, so de Croo, der Mitglieder der liberalen flämischen Partei Open VLD ist. “Es geht darum, einen Arbeitsplatz zu haben, Teil einer Gemeinschaft zu sein und gemeinsame Werte mit dieser Gemeinschaft zu haben, in der man landet”, erläuterte er. Er vermisse eine öffentliche Debatte über das Thema Integration und die Frage, inwieweit ein liberales Gesellschaftsmodell wie das europäische auch gewillt wäre, seine auf der Aufklärung basierenden Werte zur Diskussion zu stellen. Cox betonte, ein Problem des Liberalismus sei, dass dieser oft Vielfalt zelebriere, dies aber nicht in gleicher Weise mit Gemeinsamkeiten tue. Die Herausforderung sei, beides gleichzeitig zu tun, so der Brite.


Nach Shafaks Ansicht werden in Europa zurzeit nicht nur Vielfalt und Kosmopolitismus in Frage gestellt, sondern auch das Konzept der Demokratie an sich. Und Demokratie sei sehr viel brüchiger als man glaube, so die türkische Schriftstellerin. Man dürfe Demokratie nicht als selbstverständlich ansehen, sondern müsse immer an ihr arbeiten. Shafak warnte vor dem Risiko, Fehler, die unsere Vorfahren begangen haben, zu wiederholen.

Identität und Angst: “Eine giftige Kombination”

Bunch betrachtete Multikulti aus US-amerikanischer Sicht: Der Direktor des US-Nationalmuseums für Afroamerikanische Geschichte und Kultur betonte: “Die Herausforderung für uns in den Vereinigten Staaten ist zu verstehen, dass Rasse und Ethnizität unsere nationale Identität geschaffen haben. Das geben wir nur nicht zu.” Die Herausforderung bestehe nicht einzig in der Notwendigkeit von Integration, sondern auch im Verständnis, dass die Frage von Rasse die Amerikaner geformt habe und immer formen werde, erläuterte Bunch.

Die Definition von Identität sei sehr viel komplexer als der Identitätsbegriff, der bislang in der Politik verwendet werde, sagte de Croo. Den Identitätsbegriff in der Politik mit Angst zu verbinden, sei eine “giftige Kombination”, die immer dazu führe, Menschen mit Etiketten zu versehen. Letztlich laufe das dann jedes Mal auf die Formel hinaus: “Wir sind die Guten und Ihr die Bösen”, meint der belgische Politiker. Bunch warnte davor, umfassende Themen auf knappe Formeln zu reduzieren: “Die Herausforderung für die USA im 21. Jahrhundert ist, Menschen bei der Erkenntnis zu helfen, dass es auf komplexe Fragen keine einfachen Antworten gibt.”

Wie werden Ängste abgebaut?

Es sei verständlich und nachvollziehbar, dass Menschen Angst angesichts der Zukunft und angesichts von Flüchtlingen haben, sagte Elif Shafak. Doch man dürfe sich nicht von Angst leiten lassen, betonte die türkische Autorin. Brendan Cox sagte, zu oft werde der Fehler gemacht, auf Ängste von Menschen mit Fakten zu reagieren. Stattdessen müsse man eine Verbindung mit den Menschen auf emotionaler Ebene herstellen. Er sagte, die größte Angst, die größte Intoleranz und Frustration seinen in den Gebieten zu finden, in denen die Zahl von Migranten am geringsten sei. Er plädierte für zwischenmenschliche Kontakte, um Ängste und Missverständnisse abzubauen. Cox sagte, die Medien sollten nicht nur “trockene Fakten” bringen, etwa Zahlen darüber, welchen ökonomischen Beitrag Flüchtlinge für ein Land leisten, sondern sie sollten auch Nachrichten mit Gesichtern verbinden.


De Croo sprach sich für härtere Maßnahmen gegen Diskriminierung aus. “Es ist unmöglich zu sagen ‘Du musst einer von uns sein’ und dann Diskriminierung zuzulassen”, so der Belgier. Nach Bunchs Auffassung gibt es in den USA zwar Minderheitenschutz, aber oft nur, weil “Menschen ihr Leben verloren haben, weil Menschen Änderungen gefordert haben und weil die afroamerikanische Gemeinde den Staat aufgefordert hat, seinen Idealen gerecht zu werden”, sagte der Historiker.

Jede Geschichte kann aus vielen Perspektiven erzählt werden. euronews Journalisten berichten in ihren Sprachen, mit ihrer Sicht der Dinge.

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