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Wiedervereinigung könnte Zyperns Wirtschaft beflügeln


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Wiedervereinigung könnte Zyperns Wirtschaft beflügeln

Anna Marangou ist griechischsprachige Zyprerin, Orhan Tolun türkischsprachiger Zyprer. Gemeinsam zeigen sie ihren Landsleuten die Schönheiten und Kulturschätze ihrer Mittelmeerinsel, die seit 1974 in den türkischsprachigen Norden und den griechischsprachigen Süden geteilt ist. Diesmal bringen sie eine Gruppe griechische Zyprer in die Stadt Famagusta im Norden. Eine wichtige Hafen- und Handelsstadt, die an die gemeinsame Vergangenheit erinnert.

“Wir haben ein gemeinsames Kulturerbe von ganz frühen Zeiten bis heute”, bekräftigt Anna. “Wir können zusammenleben, das haben wir bewiesen, griechische und türkische Zyprer haben zusammengearbeitet.”

Gemeinsam zu Wohlstand kommen – das ist eine der Hoffnungen bei den Verhandlungen über die Wiedervereinigung. Diese könnte insbesondere dem Tourismus Aufschwung geben. Doch das ist nicht das Hauptmotiv, das Anna und Orhan bei ihren Touren leitet. “Wir machen das nicht um des Profits willen”, sagt Orhan, “nicht, um Geld zu verdienen, sondern für unsere Zukunft – um ein gutes Land für unsere Zukunft zu schaffen, für unsere Kinder und Enkel.”


Geisterstadt Varosha: Badeort im Dornröschenschlaf


Der Stadtrundgang endet an einem der symbolträchtigsten Orte: in Varosha, dem einst glamourösen Strand- und Hotelviertel von Famagusta, das seit der Besetzung durch türkische Truppen 1974 militärisches Sperrgebiet ist. Ein Badeort im Dornröschenschlaf…




Bei einer Wiedervereinigung könnte die Geisterstadt Varosha, das Symbol für die Teilung, zum Sinnbild für eine rosige Zukunft werden. Ein Eco-City-Projekt befasst sich mit ihrer Wiederbelebung. Die Architekten Andreas Lordos und Ceren Boğaç – er griechischsprachiger Zyprer, sie türkischsprachige Landsfrau – gehören zu einem Team von Stadtplanern, die das verfallene Viertel und die Stadt Famagusta in ein Ökoviertel umwandeln wollen, in ein Modell für nachhaltiges Wohnen und Arbeiten – als künftiges Prunkstück der wiedervereinigten Insel.


Famagusta Ecocity Project teaser from Vasia Markides on Vimeo.


Andreas: “Die Eco-City kann zum Dreh- und Angelpunkt für Zivilisationen und Handel werden, mit einer levantinischen Küste. Man kann die bestehenden Gebäude bewahren, Erinnerungen wachhalten, und gleichzeitig von der Infrastruktur und den ökologischen Errungenschaften des 21. Jahrhunderts profitieren.”

Und Ceren fügt hinzu: “Ich denke, dieses Projekt gibt vielen gefangenen Seelen eine Stimme. Und wir versuchen, sie hinter diesen irrealen Vorhang zu ziehen. Die Menschen haben hier einst gelebt, und sie wollen wieder hier leben. Die eine Hälfte ihrer Seele ist dort. Und eine Hälfe unserer Seele ist leer, denn wir können nicht zusammenkommen.”


Mehr Handel durch Wandel


Wer an einem der Grenzübergänge von einem in den anderen Teil der Insel gehen oder fahren möchte, muss sich ausweisen. Der beiderseitige Handel ist beschränkt und dümpelt auf einem Bruchteil dessen, was möglich wäre.



Die Geschäftsleute auf beiden Seiten der Demarkationslinie wünschen sich die Wiedervereinigung. Fikri Toros, Präsident der Handelskammer des türkisch-zyprischen Teils, ansässig in der geteilten Stadt Nikosia, verspricht sich von einer politischen Lösung wirtschaftlichen Aufschwung: “Die türkischsprachigen Zyprer würden von den Sanktionen befreit werden. Und wir könnten vom kompletten zyprischen Markt profitieren. Ganz zu schweigen von anderen europäischen Märkten. Geopolitisch würde der gesamte östliche Mittelmeerraum riesigen Nutzen ziehen, denn die regionale Zusammenarbeit würde sich ausweiten. Und die griechisch-zyprische Gemeinde würde umgehend wirtschaftlichen Nutzen dadurch haben, dass sie mit der Türkei Handel treiben könnte.”



Mangels einer politischen Übereinkunft dümpelt der beiderseitige Handel bei nicht mal zehn Prozent dessen, was möglich wäre. Phidias Pilides, Präsident der griechischsprachigen Handelskammer, ebenfalls in Nikosia, berichtet, dass die Unternehmer im Norden und Süden längst miteinander sprächen – sie warteten nur auf die Aufhebung der Restriktionen: “Die Geschäftsleute beider Teile reden schon lange miteinander über mögliche Partnerschaften, Joint Ventures, Kooperationen. Nach Gesprächen mit Investoren habe ich den Eindruck, dass es neues Interesse an großen Projekten geben wird. Vergessen wir nicht, dass Zypern an der Transport-Route für Erdgas nach Europa liegt, und dass viele Gasvorkommen im östlichen Mittelmeerbecken entdeckt wurden.”


Laut aktuellen Prognosen könnte eine wirtschaftliche Zusammenführung die jährliche Wachstumsrate auf der Insel bis zu verdreifachen – und den Arbeitsmarkt beflügeln.



Keine guten Jobs: Jugend wandert ab


Der Soziologe Gregoris Ioannou und der Politikwissenschaftler Sertac Sonan sind Ko-Autoren eines Berichts über die Jugendarbeitslosigkeit, die in Zypern deutlich über dem EU-Durchschnitt liegt. Auch wenn die Gründe dafür im Norden und Süden unterschiedlich sind, seien die Folgen dieselben. Sertac: “Die türkischen Zyprer leiden unter der wirtschaftlichen Isolation, und diese hat die Entwicklung des privaten Sektors behindert. Wir habe viele Hochschulabsolventen, aber nicht viele Jobs für sie. Solange der türkisch-zyprische private Sektor nicht Teil der globalen Wirtschaft ist, wird es für uns sehr schwierig sein, qualifizierte Jobs zu schaffen.” Gregoris: “Viele Leute, vor allem junge, qualifizierte Leute mit Abschlüssen, suchen im Ausland Arbeit. Ich denke, die Wiedervereinigung würde dank neuer Investitionen, die getätigt würden, und dank neuer Bedürfnisse, die aufkommen, diesen Abwanderungs-Trend der jungen Leute stoppen.”

Auch Hakan Çoban, türkischer Zyprer, sieht mangels politischer Lösung keine Perspektiven für die Jugend im Land. Er hat gerade seinen Abschluss in Internationalen Beziehungen gemacht und will sein Glück in Portugal versuchen: “Mehrere meiner Freunde sind fertige Ingenieure und jobben immer noch in der Bank oder im Supermarkt. Also habe ich ein Ticket gebucht und mir gesagt, statt hier zu warten, kann ich auch nach Lissabon gehen.”

Andria Georgiou, griechische Zyprerin, hat ein Management-Diplom und eine Teilzeitstelle unter ihrer Qualifikation, schlecht bezahlt. Auch sie wollte weg – aber: “Ich habe vor kurzem beschlossen, dass ich hierbleiben werde, denn das ist mein Land. Meine Familie und meine Freunde sind hier. Wenn wir alle weggehen, wenn die jungen Leute Zypern den Rücken kehren, wer wird dann unser Land weiterentwickeln und es verändern?”

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