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Irland: Entsetzen über Kinderleichen in früherem Heim für unverheiratete Mütter

Auf dem Gelände eines einstigen Heims für unverheiratete Mütter und ihre Kinder sind in Irland viele menschliche Überreste entdeckt worden. Eine genauere Zahl gibt es noch nicht.

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Irland: Entsetzen über Kinderleichen in früherem Heim für unverheiratete Mütter

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Auf dem Gelände eines einstigen Heims für unverheiratete Mütter und ihre Kinder sind in Irland viele menschliche Überreste entdeckt worden. Eine genauere Zahl gibt es bisher nicht.

Meinung

Ich will eine Entschuldigung, um sie meiner Mutter am Grab vorzulesen.

PJ Harvey Geboren im katholischen Mütterheim von Tuam

Das Heim in dem Ort Tuam schloss 1961, nach fast vier Jahrzehnten; bekannt war bisher, dass dort in dieser Zeit fast achthundert Kinder ums Leben kamen. Es ist schon lange abgerissen; betrieben wurde es von dem katholischen Schwesternorden Bon Secours.

Den Orden gibt es immer noch; er teilte mit, er unterstütze die Arbeit der Ermittler, könne zu den jetzigen Funden aber nach der langen Zeit nichts sagen. Alle Unterlagen habe man 1961 den Behörden übergeben.

Die jetzigen Funde in unterirdischen Kammern (ihr eigentlicher Zweck ist unklar) deuten darauf hin, dass viele der Kinderleichen dort vergraben wurden – statt sie auf Friedhöfen beizusetzen.

Von einer erschreckenden Nachricht spricht die zuständige Ministerin Katherine Zappone. Sie sagt auch, die Funde stammten aus der Zeit, in der das Heim in Betrieb war – und nicht aus früheren Zeiten wie etwa der großen Hungersnot hundert Jahre zuvor.

Die Historikerin Catherine Corless, die in der Gegend wohnt, hatte vor einigen Jahren nach dem Schicksal der Kinder geforscht. Von ihr stammt auch die Zahl von 798 gestorbenen Kindern, gut zwanzig jedes Jahr – das alleine war jedoch für solche Einrichtungen in jener Zeit nicht ungewöhnlich.

Corless ließ sich alle Sterbeurkunden dieser Kinder aushändigen: Das kostete sie jedes Mal vier Euro, insgesamt
mehr als dreitausend Euro. “Hätte ich es nicht getan, hätte es auch kein anderer getan”, sagt sie. Die Urkunden verzeichnen vor allem Todesursachen wie Tuberkulose, Masern, Grippe oder Keuchhusten.

Sie konnte jedoch in keinem dieser Fälle einen Hinweis darauf entdecken, ob und wo die Kinder beigesetzt wurden.

Die bisher untersuchten menschlichen Überreste stammen von Kindern, die nach 35 Wochen Schwangerschaft starben, aber auch von Kindern im Alter von zwei bis drei Jahren.

Ein Interview mit Catherine Corless (auf Englisch)

Eine eigens gegründete Kommission untersucht auch noch die Ereignisse in weiteren Heimen für unverheiratete Mütter.

Die Ergebnisse von Tuam machen überlebende Heimbewohner wütend: “Meine Mutter hat nichts dafür gekonnt, das waren die Kirche, der Staat, dieses Land, das sie im Stich gelassen hat”, sagt PJ Haverty, der 1951 in dem Heim zur Welt kam. “Ich will eine Entschuldigung vom Staat und von der Kirche: Damit kann ich dann zu meiner Mutter ans Grab gehen und ihr dort vorlesen, dass sie nichts Falsches getan hat.”

Haverty lebte in dem Heim, bis er sechs Jahre alt war. Seine Mutter musste dagegen das Heim – und ihn – schon nach einem Jahr verlassen: Eine enge Bindung zwischen Mutter und Kind war nicht erwünscht.

Die Kinder wurden die ersten Jahre von den Nonnen großgezogen, manche Mütter blieben in dem Heim, mussten dort aber schwer arbeiten.

Haverty kam zu Pflegeeltern, fand aber Jahre später seine Mutter in London wieder. Er bezeichnet sich daher als einen der Glücklichen.

Nächstes Jahr will die Kommission ihren Abschlussbericht vorlegen.