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EU-Wirtschaftswachstum: Positive Prognose trotz Unsicherheitsfaktoren


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EU-Wirtschaftswachstum: Positive Prognose trotz Unsicherheitsfaktoren

Zum ersten Mal seit gut 10 Jahren wird für alle Länder in Europa ein positives Wirtschaftswachstum prognostiziert. Die große Frage bleibt aber, ob dieses Wachstum schon dieses Jahr kommt oder erst im nächsten, angesichts der uns umgebenden politischen Ungewissheit. Sorge bereiten nicht nur die gemischten Signale der neuen US-Regierung, sondern auch die vielen anstehenden Wahlen in Europa, der Brexit und die Lage in China. Unsere Analyse des wirtschaftlichen Ausblicks unter anderem mit der Ökonomin Lucrezia Reichlin von euronews-Reporterin Maithreyi Seetharaman.

Trotz ungewöhnlich großer Unsicherheiten prognostiziert die EU-Kommission der europäischen Wirtschaft ein gutes Jahr. Für alle Länder, auch die am stärksten von der Rezession betroffenen, wird ein Wachstum in diesem und im nächsten Jahr erwartet. In der Eurozone dürfte es zunächst schwächer ausfallen als im Vorjahr, aber 2018 wieder anziehen. Verantwortlich dafür sind nicht nur Exportsteigerungen. Kehrseite dürfte allerings eine höhere Inflation sein.


Inflation und Wachstum – Wie funktioniert’s?


Unsere Durchschnittskundin Helen macht ihre Einkäufe vom Preisniveau für Waren und Dienstleistungen abhängig. Ein paar Jahre lang hat sie mit Neuanschaffungen gewartet und angesichts sinkender Preise auf weitere Preisnachlässe gehofft. Doch das hat ihre Kaufkraft geschwächt. Weil die Geschäfte weniger verkauften, wurde weniger investiert und eingestellt, das Lohnniveau ist gesunken.

Ein entscheidender Wirtschaftsfaktor war der Rückgang der Erdölpreise. Der jüngste Ölpreisanstieg hat jedoch dazu beigetragen, dass sich die Inflation dem Niveau nähert, das nach Ansicht der Europäischen Zentralbank zu stabilen Preisen führt.

Im Euroraum wird in diesem Jahr mit einem Anstieg der Inflationsrate auf 1,7 Prozent gerechnet, 2018 soll sie 1,4 Prozent erreichen. In der EU wird für 2017 ein Anstieg der Inflationsrate auf 1,8 Prozent prognostiziert.

Das bedeutet, dass Unternehmen stärker investieren werden, was das Wachstum gemeinsam mit einer stärkeren Inlandsnachfrage fördern wird. Sollte die Inflation jedoch zu stark ansteigen, würde Helens Familie nicht mehr Geld ausgeben.


Wirtschaftliche Erholung: Nur langsam und unvollständig


Im Kontext betrachtet bedeutet das: Die Erholung verläuft nur langsam und unvollständig. Das bestätigt die Prognose für die vier wichtigsten Wirtschaftsmärkte der Eurozone. Nur Deutschlands Wachstumsrate wurde nach oben korrigiert, während in Frankreich Erholung und Wachstum nur knapp über früheren Voraussagen liegen.
Was erwarten die Unternehmen angesichts der Tatsache, dass das Wachstum des Privatsektors in der Eurozone im Februar ein 6-Jahreshoch erreichte? euronews-Reporter Guillaume Desjardins hat eine französische Firma in Frankreich befragt.

Sie heißt Maviflex und stellt seit über 30 Jahren Türen her. Diese werden von Zwischenhändlern in ganz Frankreich und Europa vertrieben. Die allgemeine Wirtschaftslage hat also einen großen Einfluss. Die rohen Metallteile werden von 40 Werksangestellten verarbeitet und zusammengesetzt. Hinzu kommen Verkaufsabteilung und Kundenbetreuung, insgesamt hat die Firma 88 Mitarbeiter. Weitere Einstellungen sind geplant, die Geschäftslage hat sich verbessert.

Laurent Melia, Maviflex: “Im Vergleich zu 2011 zum Beispiel haben wir unsere wöchentliche Produktionskapazität um 30 bis 40 Prozent gesteigert. 2011 waren es gut 50 Türen pro Woche, heute sind es 85 bis 90, manchmal sogar bis zu 100 Türen pro Woche.”

Das Wachstum dieser Firma ist ein Indikator für den Aufschwung im Privatsektor, vor allem in der verarbeitenden Industrie. Dies ist in der gesamten Eurozone zu spüren, auch bei anderen Firmen wird mit Einstellungen gerechnet. Die Arbeitslosenquote in der Eurozone soll von 10 auf 9,1 Prozent sinken, in der EU von 8,5 auf 8,1, Prozent.

Guillaume Desjardins, euronews: “In den vergangenen Monaten hat der schwache Euro den Export europäischer Produkte vereinfacht und die Wettbewerbsfähigkeit gesteigert. Doch dieser Effekt lässt nach. Eine Steigerung der Inlandsnachfrage infolge rückgängiger Arbeitslosenzahlen käme also genau richtig.”

Doch der eventuelle Inflationsanstieg dürfte die Kaufkraft der Privathaushalte schmälern. Unternehmen brauchen heute mehr denn je eine Wachstumsstrategie.

Anne-Sophie Panseri, CEO, Maviflex: “Wir suchen vor allem im Ausland nach Wachtumspotenzial, ein bisschen in Frankreich, aber vor allem auf internationaler Ebene, in erster Linie in Europa.”

Angesichts der Tatsache, dass das Investitionsniveau in Europa bereits vor der Krise zurückging, stehen Firmen wie Maviflex vor dem Dilemma: Sie müssen investieren – aber fürchten das politisch unsichere Klima.

Anne-Sophie Panseri, CEO, Maviflex: “Das ist schon beängstigend: Die Instabilität schränkt unsere Entwicklungsperspektiven ein wenig ein. Wir wissen, dass Wahljahre in Frankreich generell die Investitionsfreudigkeit schmälern, alles steht still.”


Wachstum trotz Unsicherheitsfaktoren


Für die gesamte EU erwartet die Kommission in diesem und im kommenden Jahr 1,8 Prozent Wachstum. In der 19 Staaten umfassenden Eurozone wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2017 um 1,6 Prozent und 2018 um 1,8 Prozent zunehmen. Ist ein Wachstum trotz aktueller Unsicherheitsfaktoren möglich? Wir haben die anerkannte Ökonomin und Professorin an der London Business School, Lucrezia Reichlin, befragt

Maithreyi Seetharaman, euronews: “Sprechen wir zunächst über die Ungewissheiten. Von den anstehenden Wahlen in Europa über die neue US-Regierung, bis hin zu China und den Brexit, welche ist Ihre Ansicht nach die größte?”

Lucrezia Reichlin: “Wenn wir auf die USA blicken, ist Trump eindeutig der größte Unsicherheitsfaktor, ebenso die generelle Entwicklung der US-Wirtschaft, von der viele meinen, dass sie ihren Höhepunkt erreicht hat.
Europa hat seine eigenen Probleme. Sollten die USA entschleunigen und einseitig handelspolitische Schutzmaßnahmen ergreifen, wäre Europa betroffen. Andererseits erlebt Europa gerade eine überzeugende Erholung.”

euronews: “Wie kann man Investitionen steigern angesichts der Sorge um die Lage in den USA und hier bei uns?”

Lucrezia Reichlin: “Genau daran müssen wir arbeiten. Wir müssen sichergehen, das schwächere Unternehmen von der Technologie profitieren, die zur Verfügung steht. Aber der Privatsektor muss auch daran glauben können, dass es Wachstumsaussichten gibt. Sobald sich die politische Unsicherheit gelegt hat, wird mehr Optimismus vorherrschen.”

euronews: “Gibt es eine unbekannten Variable? Allein Deutschlands Wachstum scheint standzuhalten?”

Lucrezia Reichlin: “Deutschland steigert sich, aber auch Spanien. Das einzige sagen wir enttäuschende Land ist Italien. Italien muss wirklich dafür sorgen, dass sich schwächere Regionen des Landes den höheren Wachstumsraten anschließen.”

euronews: “Angesichts der etwas zuversichtlicheren Arbeitslosenzahlen und der Lohnentwicklung mancherorts – was müssen wir tun, um den positiven Trend zu fördern und zu verbessern?”

Lucrezia Reichlin: “Die Kerninflation, also die Inflationsrate ohne Energie- und Lebensmittelkosten, ist immer noch schwach. Die Zentralbank hat die Möglichkeit, für weitere Anreize zu sorgen. Diese Maßnahmen jetzt einzustellen, wäre schädlich für die Realwirtschaft und die Finanzstabilität. Denn das würde bedeuten, dass die langfristigen Zinssätze steigen. Und für stark verschuldete Länder wäre das ein Problem. Ganz allgemein muss der Euroraum an seinen Führungsstrukturen arbeiten und für gesamtwirtschaftliche Konjunkturmaßnahmen sorgen.”

euronews: “Wie macht man das?”

Lucrezia Reichlin: “Wir sollten von unseren Politikern, unseren Wirtschaftsinstitutionen, den wirtschaftlichen Führungskräften der Eurozone, in Europa und darüber hinaus, Aktionspläne fordern, die die Umsetzung von Technologien unterstützen und die Unternehmen stärken. Ich glaube, unsere Wirtschaft braucht immer noch eine Art Anstoß.”

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