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Die lachende Ministerin Najat Vallaud-Belkacem (39): "Das Leben stellt sich mehr für Dich vor"


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Die lachende Ministerin Najat Vallaud-Belkacem (39): "Das Leben stellt sich mehr für Dich vor"

Zur Signierstunde kommt sie knappe 10 Minuten zu spät in die Buchhandlung in Lyon, aber die Ministerin entschuldigt sich ganz oft bei den Menschen, die in der Schlange auf sie gewartet haben. Najat Vallaud-Belkacem lacht dabei – wie so oft. Sie nimmt sich für jeden einzelnen, der ihr Buch unterschrieben haben möchte, Zeit: für die, die sie aus ihrer Zeit in Lyon kennen, und für die unbekannten Fans. Die Erziehungsministerin der Regierung von François Hollande hat für jeden einen persönlichen Satz, und sie unterschreibt ganz einfach mit “Najat”.

Eigentlich wollte Najat Vallaud-Belkacem gar keine Biografie schreiben, sie wollte ihre Kindheitserinnerungen für sich behalten, Privates privat sein lassen. Jetzt macht sie ihr Leben doch in einem Buch öffentlich: “La vie a plus d’imagination que toi” (“Das Leben stellt sich mehr für Dich vor als Du selbst”). Diesen Satz, der besagt, dass das Leben mehr für das Mädchen geplant hat, als es sich selbst vorstellen kann, den hat Najats Mutter ihr immer wieder ins Ohr geflüstert – wie eine Art Mantra.

Ihr Leben als Vorbild

Das Buch hat Najat Vallaud-Belkacem aber auch für ihre beiden kleinen Kinder geschrieben, für die sie nicht immer genug Zeit hat, und für alle, denen sie ein Beispiel sein kann, für Frauen und junge Leute mit Migrationshintergrund. In ihrer Autobiografie erzählt sie, wie sie schreibt: “eine wahre Geschichte, die von mir berichtet, aber vor allem von Frankreich”.

Geboren ist die französische Politikerin in Beni Chiker, in einem kleinen Dorf in Marokko. Dort gibt es zwar Sonne, aber kein fließend Wasser. Im Alter von vier Jahren folgt sie zusammen mit der Mutter und den Geschwistern ihrem Vater nach Frankreich. Die Familie lebt in einem Vorort von Amiens. Auch als Jugendliche kennt Najat Vallaud-Belkacem das Zentrum der nordfranzösischen Stadt kaum. Zum Glück gibt es den Bibliotheksbus, der jede Woche vor ihren Wohnblock kommt. Najat und ihre Schwester verschlingen alle Bücher, die der “Bibliobus” zu bieten hat. Die Bücher sind ein Tor in die Welt.

Ministerin für Chancengleichheit

Najat Vallaud-Belkacem ist eine engagierte Verfechterin des öffentlichen (staatlichen und laizistischen) Schulsystems (“l‘école de la République”), über das allen ein sozialer Aufstieg ermöglicht werden soll. In ihrem Buch verteidigt die Sozialistin auch die von ihr gegen enormen Widerstand durchgesetzen Reformen des Schulsystems. Und sie erzählt viele nette Anekdoten, wie die, dass sie den Schülerinnen und Schülern verschiedenener staatlicher Modeschulen versprochen hat, jeweils mittwochs zum Ministerrat im Elysée-Palast ihre Kreationen zu tragen.

Nur am Rande erwähnt Najat Vallaud-Belkacem die Erniedrigungen, die Hetze gegen sie – auch im Internet -, weil sie einen vemeintlich zu kurzen Rock anhat oder weil ein Träger ihrer Unterwäsche bei einer ihrer Reden einen Moment lang durchblitzte.

Selbstkritisch berichtet Najat Vallaud-Belkacem, wie wütend sie auf sich selbst war, weil sie an jenem 21. April 2002 in der ersten Runde nicht zur Wahl gegangen ist. Damals schaffte es Jean-Marie Le Pen in die Stichwahl für das Präsidentenamt.

Im Gespräch mit euronews hat die Ministerin, die den Namen ihres Ehemannes vor ihren Mädchennamen gestellt hat, einige Fragen beantwortet.

euronews:
Was ist für Sie persönlich Ihr größter Erfolg?

Najat Vallaud-Belkacem:
Ganz einfach dass ich durchgehalten habe. Ich bin jedes Mal wieder erstaunt, wie sehr jede politische Aktion im Grunde genommen ein Kampf ist.
Es sei denn, man sieht die Verantwortung nur als ein Privileg an und begnügt sich mit dem Verwalten. Das ist nicht meine Art, ich habe in jedem meiner Ministerien Reformen angepackt und immer Reformen eingeleitet, um das Schicksal derer, für die ich verantwortlich war, zu verbessern: das der Frauen, als ich Ministerin für die Rechte der Frauen war, das der jungen Leute und der Vorstädte, für die ich kurzzeitig die Verantwortung hatte, und jetzt seit zweieinhalb Jahren für die Schüler und Studenten.

Wenn ich an das erste und das letzte meiner Ministerien denke, würde ich sagen, das Gesetz zur Gleichheit von Frauen und Männern vom 4. August 2014 (mit Strafen für die Unternehmen, die das Gesetz nicht einhalten, Maßnahmen gegen Gewalt gegen Frauen, das Teilen der Elternzeit oder die Garantieleistungen für nicht bezahlten Unterhalt…) oder gegen die Prostitution, diese waren solche wichtigen Aktionen.

Im Erziehungsministerium hatte ich bisher nicht dagewesene Budgets, und ich habe die Zahl der Vor- und Grundschullehrer erhöht, immer mehr Kinder unter drei Jahren gehen in die Vorschule, die älteren Schüler im Collège werden besser unterstützt, die Lehrer besser bezahlt, die Stipendien und Sozialfonds für Studenten erhöht. Die schönsten Ergebnisse sind die sinkenden Zahlen von Schulabbrechern und von Opfern von Mobbing in der Schule.

euronews:
Was war für Sie die schlimmste Diskriminierung wegen ihres “Migrationshintergrundes”?

Najat Vallaud-Belkacem:
Ich glaube, es war meine erste Erfahrung mit Rassismus. Es richtete sich nicht direkt gegen mich. Es war eine Broschüre vom FN (Front National), die ich durch Zufall gesehen habe, ich war damals ungefähr 13 Jahre alt. Ich erinnere mich, dass ich das gelesen habe und mich von der Gewalt der Aussagen angegriffen fühlte.
Danach hatte ich nicht das Gefühl, dass ich direkt diskriminiert werde, aber ich musste immer dagegen kämpfen, nicht in die Schublade der “Vielfalt” gesteckt zu werden. Ich wollte als echte Politikerin anerkannt werden. Deshalb habe ich es auch so lange abgelehnt, über meine Vergangenheit zu sprechen.

euronews:
Gibt es in Ihrem Verhalten im Alltag noch etwas “Marrokanisches”?

Najat Vallaud-Belkacem:
Tatsächlich ist es nicht meine “marrokanische” Vergangenheit – ich habe dort nur die ersten Jahre meines Lebens verbracht -, es ist mehr die Vergangenheit in meiner Familie. Wir hatten damals so gut wie nichts, und ich habe den Sinn für den Wert der Dinge behalten.
Das mag anekdotisch klingen, aber um ein konkretes Beispiel zu nennen: wenn man als Kind daran gewöhnt war, auf dem Esel zum Brunnen zu reiten, um Wasser zu holen, dann verschwendet man kein Wasser…
Und dann – aber das hat nichts mit dem Verhalten zu tun, aber mit dem, das mich geprägt hat: der Reichtum, eine andere Kultur zu kennen, eine andere Sprache zu sprechen, mich dank der Schule zu emanzipieren. Das ist tief in mir verankert, und das hat meinen Sinn geschärft für den Kampf, den ich dafür führe, dass die anderen jungen Leute in diesem Land dieselben Chancen auf Erfolg haben.

euronews:
Wann hat ihre Mutter den Satz, der der Titel Ihres Buches ist, zum ersten Mal gesagt? Hatten Sie den Titel vor dem Schreiben des Buches?

Najat Vallaud-Belkacem:
Ich habe das Gefühl, diesen Satz schon immer gehört zu haben: “Das Leben stellt sich mehr für Dich vor als Du selbst”. Jahre später habe ich erfahren, dass François Truffaut der Autor ist. Dieser Satz war mir eine Hilfe für meine Träume als kleines Mädchen, und sicher gehöre ich deshalb nicht zu denen, die ihr Leben auf Jahre im voraus planen.
Ich ergreife die Verantwortungen, die mir aufgegeben werden, eine nach der anderen, ich bin mir der Ehre, die ich erfahre, bewusst, und ich versuche, dem Vertrauen, das in mich gesetzt wird, gerecht zu werden.
Als ich das Buch mit den vertraulichen Geschichten meines Lebenswegs fertiggeschrieben hatte, war es für mich klar, dass dieser Satz auf dem Titel stehen musste.

Jede Geschichte kann aus vielen Perspektiven erzählt werden. euronews Journalisten berichten in ihren Sprachen, mit ihrer Sicht der Dinge.

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