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Frankreich: Luxus-Taschen, gutes Essen, Menschenrechte

Vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich stellen wir in Zusammenarbeit mit der örtlichen Presse das französische “Wahlvolk” vor – Stimmberechtigte oder die, die es gern wären. Diesmal trifft Valérie Pernette, Journalistin bei der Tageszeitung ‘La Nouvelle République’, Isaure de Sainte-Marie, eine Schlossbesitzerin an der Loire.

Das Château de Troussay in Cheverny, südlich von Blois, ist eines der kleinsten Schlösser im Loire-Tal. Isaure de Sainte Marie, 38: “Ich bin eine Französin, die ein Drittel ihres Lebens im Ausland gelebt hat. Ich habe sowohl eine literarische Ausbildung als auch eine Managementschule besucht. Ich habe in Lateinamerika gelebt – in Venezuela, Mexiko, Argentinien, und ich bin durch viele Länder gereist. Ich lerne gerne andere Menschen kennen.”

Valérie Pernette, ‘La Nouvelle République’:
“Finden Sie, dass es Frankreich an Attraktivität mangelt? Können Sie die heutige Jugend verstehen, die ‘für immer’ geht?”

Isaure de Sainte-Marie:
“Ja, ich kann sehr gut verstehen, dass man Frankreich verlassen will. Viele Länder bieten tolle Möglichkeiten – wirtschaftlich und zur Selbstentfaltung, Autonomie im Unternehmerbereich – Möglichkeiten, die wir in Frankreich nicht haben. Und die man absolut wieder herstellen müsste, um unserem Land mehr Dynamik zu verschaffen, es wettbewerbsfähiger und glücklicher zu machen. Denn es ist sehr bereichernd, autonom sein zu können, als Unternehmer arbeiten zu können. Viele Leute wünschen sich das. Und unser Land kann das heute nicht bieten, so verkrustet sind die Gesetze, vor allem das Arbeitsrecht. Das kann solche Möglichkeiten nicht bieten.”

Dennoch hat Isaure sich entschieden, aus Lateinamerika zurückzukommen und das Schloss von ihrem Vater zu übernehmen. Sie öffnet es von Ostern bis September für Besichtigungen, vermietet Räume für Familienfeiern und betreibt Gästezimmer im historischen Ambiente. “Ich finde, Frankreich ist ein Land mit unglaublichem Potenzial, was es auch bewiesen hat”, meint sie. “Es muss seine Stärken wiederfinden und seine Identität. Das ist eine Übergangsphase, die ich auch durchlebt habe, und ich denke, so etwas kann auch für ein Land gelten. Man muss manchmal andere Dinge ausprobieren, sich auch mal irren – und das haben wir, glaube ich, ganz gut getan. Jetzt ist es Zeit, auf das Wesentliche zurückzukommen.”

Und das erwartet sie vom nächsten Präsidenten – dass er aufs Wesentliche zurückkommt: “Zuerst einmal muss man Frankreich wieder eine Identität geben. Frankreich – das ist nicht bloß das Land der Luxus-Taschen, der guten Küche und der Menschenrechte. Wenn es das Land der Luxus-Taschen ist, dann deshalb, weil es ein Land mit einem großen Sinn für Ästhetik ist, das Künstler aus aller Welt angezogen hat. Und das bis heute für seine Eleganz, seine Raffinesse und seine Feinsinnigkeit bekannt ist, für seinen Sinn für Schönheit.
Des weiteren: Wenn es das Land des guten Essens ist, dann deshalb, weil wir eine starke Landwirtschaft und ein wunderbares landschaftliches Profil haben, eine Vielfalt in der Natur und Vegetation, Knowhow und Traditionen in jedem Dorf, in jeder Region, die extrem reichhaltig und vielfältig sind.
Und schließlich, wenn es das Land der Menschenrechte ist, dann deswegen, weil dieses Land immer zum Nachdenken erzogen wurde, zum Überlegen, es war gewohnt, große Denker zu haben, eine große Bildung.
Und ich denke, ein Präsident muss in der Lage sein, diese großen Kräfte zu bündeln, diese Trümpfe, die wir international hatten.”

Die Wahlbeteiligung bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahl 2012 lag in Cheverny bei 87 Prozent.

Producer: Olivier Péguy, euronews
in Zusammenarbeit mit Valérie Pernette, La Nouvelle République
Schnitt: Emma Belay

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