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Wahl-Spezial: Die Franzosen und der Front National


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Wahl-Spezial: Die Franzosen und der Front National

Beaucaire ist eine südfranzösische Stadt mit 16.000 Einwohnern. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 20%. Es gibt es einen hohen Anteil an Franzosen mit maghrebinischer und südamerikanischer Herkunft. Sie arbeiten vor allem in der Landwirtschaft.

Beaucaire ist außerdem eine von elf Gemeinden, die bei den Wahlen vor drei Jahren an den rechtsextremen Front National gingen.

Bürgermeister Julien Sanchez schaffte es bereits auf die Titelseiten, indem er demonstrativ Parteichefin Marine Le Pen einlud, die nach dem Anschlag auf (das Satiremagazin) Charlie Hebdo vom Solidaritätsmarsch in Paris ausgeschlossen wurde, und, weil er eine Straße nach dem Brexit benannte.

Das Erfolgsrezept des Front National auf lokaler Ebene: Nähe, Kontakt zu den Menschen, Sichtbarkeit.

Julien Sanchez mischt sich unter das Volk. Er hat das Kontingent der Polizei erhöht und wahrt die Traditionen der Region.

Seine Politik kommt an. Allerdings wollen sich auf dem Wochenmarkt nur wenige Menschen vor laufender Kamera zum Bürgermeister und Front National bekennen. Die Brotverkäuferin Astrid Quirin hat damit kein Problem: “Er ist vom Front National. Alle meine Kunden reden gut über ihn, selbst die, die nicht den Front National wählen. Ich werde jedenfalls für ihn stimmen, ich habe keine Angst, das offen zu sagen. Die Franzosen haben Priorität. Sollte es nach ihrer Wahl immer noch nicht besser gehen, werde ich nicht mehr wählen. Dann bin ich wirklich enttäuscht von der Politik.”

Mit Politik hat Julien Sanchez früh begonnen. Der 33-Jährige ist ein geschliffener Redner, der in den vergangenen Jahren das Image des Front National aufpolierte. Er gehört zum Wahlkampfteam Marine Le Pens. “Ich bin mit 16 Jahren beim Front National eingetreten. Die Hälfte meines Lebens habe ich in der Partei verbracht,” erinnert sich der junge Bürgermeister. “Ich denke, wenn man gute Lösungen will, muss man die richtigen Schlüsse ziehen. Heutzutage ist der Front National die einzige Partei, die kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um die Lage im Land geht. Sie kann als einzige angemessene Lösungen vorschlagen.”

Der Front National macht Boden gut. Die Partei ist sehr aktiv in den sozialen Netzwerken. Marine Le Pen hat mehr als eine Million Abonnenten auf Facebook, wie auch auf Twitter. Sie richtet sich an junge Leute und Frauen. Wichtigste Themen des Front National bleiben Sicherheit, Immigration und Arbeitsplätze. Die Wähler der ersten Stunde sehen sich bestätigt. Wie die frühere Buchhalterin Laurence Sylvestre:
“Am Anfang habe ich für Jean-Marie gestimmt. Es stimmt allerdings, dass er harte Ansichten über Immigranten hatte. Marine ist flexibler. Ich habe nichts gegen Muslime. Doch angesichts aller Migranten, die ins Land kommen, muss man meiner Meinung nach die Grenzen schließen. Wir haben jetzt schon keine Arbeit mehr.”

Ihre Tochter Sabrina Berqué sagt, “wir haben alles versucht. Nun ist nur noch Marine übrig. Sie muss einfach gewinnen, wir werden schon sehen. Wir wollen eine Zukunft für unsere Kinder, das ist wichtig. Derzeit wissen wir doch gar nicht mehr, wohin unser Land steuert, was wird dann erst mit unseren Kindern?”

Doch in Beaucaire hat der Bürgermeister auch Gegner. Weil diese in der Unterzahl sind, demonstrieren sie Einigkeit. Sie werfen Sanchez penetrante Rhetorik und Lügen vor.
Auf ihre Erfahrungen auf lokaler Ebene angesprochen, sagen die FN-Gegner, sie sähen schwarz für ein Land unter Führung des Front National.

Stéphane Linossier gehört zur linken Gruppierung “Réagir pour Beaucaire”. Er sagt, “hier in der Gemeinde konzentriert sich die Macht in den Händen eines einzigen Mannes, Sanchez delegiert nicht. Eine Marine Le Pen, die auf nationaler Ebene die absolute Macht in den Händen hält, wie es die fünfte Republik möglich macht, ist ein sehr erschreckendes Szenario.”

Der Verband “Rassemblement citoyen de Beaucaire” kämpft gegen Rassismus und Diskriminierung. Auch dort sorgt man sich. Laure Cordelet:

“Marine le Pen hat es auf die persönlichen Freiheiten abgesehen. Hier in Beaucaire wendet sich der Bürgermeister gegen die freie Meinungsäußerung. Wenn Sie sagen, was Sie denken, sind Sie zwangsläufig gegen ihn, er sieht sich als Opfer. Ich bin zwar keine Politikerin oder Wirtschaftsexpertin, aber die Schließung der Grenzen ist totaler Quatsch. Ich bin gegen den Austritt aus der EU, ich bin eine überzeugte Europäerin.”

Über Europa sprechen hier wenige Wähler des Front National, auch wenn der Austritt aus dem Euro einige beunruhigt. Der Front National auf lokaler Ebene polarisiert. Für Bürgermeister Sanchez gibt es nur eine Trennlinie in der Bevölkerung: die Menschen, die sich an Regeln halten, und die anderen, die sie missachten.

euronews-Journalistin Sandrine Delorme sprach mit der Historikerin und Forscherin Valérie Igounet, Spezialistin für den Front National.

euronews:
“Valérie Igounet, sie haben 20 Jahre lang die Wählerschaft des Front National beobachtet. Ihre Untersuchungen schrieben Sie im Buch “L’illusion nationale” nieder. Was ist Ihnen besonders aufgefallen?”

Valérie Igounet, Historikerin:
“Was wir zuallererst wahrnahmen, ist eine komplette Desillusionierung in der französischen Politik. Das heißt, dass die Menschen früher an die Politik glaubten und dieser Glaube jetzt verloren gegangen ist. Viele sprachen von Versprechen, die nicht gehalten wurden.
Wie Personen, die sich einmal umgeben von Kameras blicken ließen und danach nie wieder kamen. Oder wie Versprechen im Wahlkampf.
Sie haben Vertrauen in Marine Le Pen, weil sie kein Blatt vor den Mund nimmt; aber auch, weil die Partei noch nie an der Macht war. Das haben wir auch oft gehört.”

euronews:
“Sie sagen, der Front National habe sich weiterentwickelt. Ist es eine tiefgehende oder eine oberflächliche Veränderung?”

Igounet:
“Heutzutage bezeichnet sich die Partei sowohl als rechts, als auch als links. Sie gibt vor, ein Sammelbecken für alle zu sein. In den 144 Wahlkampfversprechen von Marine Le Pen ist für jeden etwas dabei.
Wenn es um Inhalte geht, hat sich der Front National nicht geändert. Das muss ausdrücklich gesagt werden. Der Unterschied ist, dass die Wähler denken, die Frau, die seit einigen Jahren an der Spitze des Front National ist, habe die Partei verändert. Einige denken, diese sei gar nicht mehr rassistisch.
Wenn eine Partei mit Islamfeindlichkeit Stimmung macht, dann kann man den Front National als ausländerfeindlich bezeichnen – wozu er auch steht. Wenn es jedoch um die nationale Prioritäten geht, kann man nicht anders als von Ausländerfeindlichkeit sprechen, daran besteht kein Zweifel.”