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Frankreich wappnet sich gegen den Terror


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Reservisten-Kurse für Freiwillige bei der Gendamerie

Sie sind Studenten, Angestellte, Freiberufler, Unternehmer. Alle zwischen 18 und 40. Sie opfern ihren Urlaub in diesem Frühjahr für ein zweiwöchiges Training, einen sogenannten “militärischen Vorbereitungskurs der Gendarmerie” in Toulouse. Danach werden die meisten der über hundert Teilnehmer in die operationelle Reserve der Gendarmerie aufgenommen, die die Sicherheitskräfte unterstützen soll. Seit der Reihe von Anschlägen in Frankreich in jüngster Zeit ist die Zahl der Freiwilligen sprunghaft gestiegen.

Lieutenant-Colonel Bernard Blondeau: “Die Mentalität hat sich verändert. Man sieht es bei den jungen Leuten und auch bei den nicht ganz Jungen. Sie entscheiden sich, ihre Freizeit der französischen Gesellschaft zu opfern, der Sicherheit der Bevölkerung.”

Festnahmen, Erste Hilfe – die Freiwilligen haben praktisches und theoretisches Training. Der Tag beginnt für sie um sechs Uhr morgens und endet gegen 23 Uhr. Aber alle sind mehr als motiviert. Kursteilnehmerin Chloé Chiron: “Es ist wichtig, dass es junge Leute gibt, die dieselben Werte teilen, wichtige Werte Frankreichs, denn das schmiedet eine Gesellschaft, und deshalb sind wir hier.”

Ihr Mitstreiter Najib Belkaci sagt: “Die Attentäter waren nordafrikanischer Herkunft – so wie ich. Und ich habe mich danach noch mehr misstrauisch beäugt gefühlt. Deshalb wollte ich zeigen, dass wir nicht alle gleich sind, dass wir nicht alle diese Ideen haben. Und so bin ich hier. Wenn ich meine Freizeit anderen widmen und den Franzosen helfen kann, denn ich bin Franzose, kein Problem, dann mache ich das!”

Als Reservisten können sie später 30 bis 150 Tage im Jahr zur Unterstützung der Gendarmerie mobilisiert werden. Ob Reservisten wie in Toulouse, freiwillige Feuerwehr oder Ehrenamtliche in Vereinen: Man schätzt, dass jeder fünfte junge Mensch in Frankreich sich seit den Anschlägen von 2015 derart engagiert. Das Risiko, einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen, ist in den Köpfen sehr präsent. Aber die Leute wollen sich nicht von Angst unterkriegen lassen. Elodie Renaud-Lafage, ebenfalls beim Training in Toulouse: “Das grenzt jetzt schon ein bisschen an Psychose, wenn man sich fragt, ob es nicht gleich um einen herum einen Anschlag gibt. Sich zu sagen, dass das im Innern unseres Landes verankert ist, dass wir noch nicht wissen, wie wir dagegen ankämpfen können. Alles, was wir tun können, ist abwarten. Aber leider muss man sich schützen können, und das will ich heute versuchen zu lernen.”


Anti-Terror-Übungen schon vom Kindergarten an


Eine Woche nach unserem Dreh in Toulouse gab es das nächste Attentat auf den Pariser Champs-Elysées. Ein Polizist wurde getötet, der Angreifer erschossen. Die Anschlagsserie hat das öffentliche Leben in Frankreich verändert. Andauernder Ausnahmezustand, Soldatenpatrouillen allerorten – bis hin zu Anti-Terror-Übungen in Kindergärten und Schulen.



“Kinder werden nicht als Terroristen geboren”: Mutter eines Opfers hält Vorträge in den Schulen


Latifa Ibn Ziaten geht einen anderen Weg. Ihr Sohn, ein Fallschirmjäger, war das erste Opfer von Mohamed Merah, der 2012 sieben Menschen niedermetztelte, weil sie Militärs oder Juden waren, darunter drei Kinder. Seit vier Jahren reist Latifa durch Frankreich, um speziell die junge Generation zu sensibilisieren. Bei ihrem Vortrag in einem Lycée in Chartres sagt sie den Schülern: “Ihr wisst, wenn man schwach und anfällig ist, dann wird man ganz leicht von jemanden vereinnahmt. Und wenn man einen Jugendlichen vereinnahmt, kann man mit ihm machen, was man will. Ihr könnt heute nicht in die Falle des Daesch, des Islamischen Staates tappen. Habt Vertrauen in Euch selbst! Ich versichere Euch, dass Ihr das könnt!”



Und auf die Frage eines Schülers, ob sie Frankreich seit den Anschlägen für islamfeindlich hält: “Die Leute haben heute Angst. Sehr große Angst. Wir müssen miteinander reden! Wir müssen uns kennen! Und es ist an Euch, an der Jugend – denn Ihr seid die Zukunft! Frankreich heute – schaut: Frankreich, das seid Ihr – eine bunte Mischung, und das ist ein Reichtum!”

Mit ihrer Botschaft traf sie ins Schwarze. Nehemie Dzabatou, Schüler mit afrikanischem Hintergrund: “Die Ratschläge, die sie gegeben hat, scheinen mir sehr wichtig. Mein Viertel zum Beispiel: Da gibt es so viele Leute, die früh mit der Schule aufhören, gleich nach der Mittelstufe, weil sie sich sagen, dass das schon im Collège nichts wurde, also gehen sie von der Schule ab. Dann suchen sie eine Arbeit – und finden keine. Sie fangen mit Drogen an, und landen oft deswegen im Knast. Sie können als Terroristen enden, wie Frau Iben-Ziaten es gesagt hat. Und das hat mich sehr berührt, denn das hätte auch ich sein können, ich wäre auch beinahe da reingeschlittert, aber ich bin rausgekommen, mit meinen Eltern und anderen, ich hab mir das erspart.”

Latifa Ibn Ziaten ist überzeugt: “Wer kann Frankreich Hoffnung geben? Das ist die Gesellschaft. Und die Gesellschaft ist auch diejenige, die uns erhellt. Denn der Staat kommt nicht ganz allein voran. Viele tragen die Verantwortung: Sei es der Staat, die Politik der Städte, die Familien, die Schule, die Gesellschaft, die Medien. Alle haben heutzutage gegenüber dem Kind Verantwortung. Denn das Kind wird doch nicht von allein ein Krimineller. Es wird nicht als Krimineller geboren, es wird nicht als Terrorist geboren, sondern es ist wie alle Kinder.”

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Kampf gegen Radikalisierung muss schon in der Schule ansetzen