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Belgiens Graffiti-Geisterdorf

Das Dorf Doel soll abgerissen werden, ist weitgehend verlassen, doch die Besucher strömen

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Belgiens Graffiti-Geisterdorf

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*Die Häuser verlassen und verbarrikadiert, die Fenster zerschlagen, Schutthaufen, nur wenige Häuser, die noch bewohnt werden, im Hintergrund die Kühltürme des nahegelegenen Atomkraftwerks – und dazwischen eine mannsgroße Ratte und andere Graffiti: Das ist das Dorf Doel in Nordbelgien, ganz in der Nähe des Hafens von Antwerpen.

Wegen des Hafens ist das Dorf dem Untergang geweiht: Für dessen Erweiterung soll Doel abgerissen werden. Doch während die meisten Bewohner sich aus dem Staub gemacht haben und nur ein paar Dutzend sich Behörden und Projektentwicklern widersetzen, haben Graffiti-Sprüher und Künstler die eigentümliche Kulisse für sich entdeckt. Ein Geisterdorf, das zum Open-Air-Museum wird und Touristen und Schaulustige anlockt…*



Etwas seltsam Lebendiges liegt über dem baufälligen Ort. Ein Schild “Dieses Haus ist immer noch bewohnt” prangt am Dorfplatz, im harten Kontrast zu den verlassenen Gebäuden rundherum. In manchen zerbrochenen Fenstern wehen noch die Gardinen im Wind, Reste von verrottendem Mobiliar sind innen zu sehen.

Einst war Doel ein blühendes Dorf an der Schelde. 1970 lebten hier mehr als 1.000 Menschen. Heute sind es um die dreißig. Sie versuchen, ihr Dorf am Leben zu erhalten und kämpfen gegen den Abriss. Seit vier Jahrzehnten schwebt die Ungewissheit über dem Ort: In den siebziger Jahren wollte die Regierung den Hafen von Antwerpen in Konkurrenz zu Rotterdam ausbauen. Doel stand im Wege, also wurden dort alle Neubaupläne gestoppt. Junge Familien zogen weg. Doch Protestgruppen und Lokalpolitiker stellten sich in den späten Siebzigern dem Abrissvorhaben in den Weg und verzögerten es.

In den neunziger Jahren kam die Hafenerweiterung wieder ins Gespräch, ein neues Dock und zwei Container-Terminals sollten errichtet werden. Bis zum Jahr 2000 hatten die meisten Dorfbewohner Doel verlassen und ihre Häuser verkauft – solange sie noch die Wahl hatten, eine Verkaufsprämie lockte und keine Zwangsenteignung drohte. Eine Handvoll Nachbarn hingegen widersetzte sich und gründete die Bewegung Doel2020.

Ihr Ziel: Ein Künstlerdorf zu schaffen, mit Cafés, Restaurants und einem Marinemuseum an der Schelde. Künstler sprangen den standfesten Anwohnern zur Seite, darunter der namhafte zeitgenössische belgische Maler Luc Tuymans und Michelangelo Pistoletto, bekannter Vertreter der italienischen “Arte Povera”. Straßenkünstler aus Belgien, den Niederlanden und Frankreich hinterließen ebenfalls ihre Spuren auf Doels Mauern.

Doch auch dieser Elan konnte den Niedergang nicht aufhalten. Hinzu kamen unwillkommene Besucher: Plünderer, Hausbesetzer, Vandalen, und es gab nächtliche Partys und Autorennen.

Doels Zukunft steht weiterhin unter einem schlechten Stern. Der Kampf zwischen den verbliebenen Bewohnern, die gelegentlich auch die Justiz einschalten, und den Behörden geht weiter. Die, die um Doels Existenz kämpfen, argumentieren, dass der Hafen selbst ohne Erweiterung seine Kapazitäten nicht voll nutze. Sie verweisen auf die besondere Landschaft mit ihren Poldern und das kulturelle Erbe – eine der ältesten Windmühlen Belgiens und ein Haus aus dem 17. Jahrhundert, das der Familie des flämischen Malers Peter Paul Rubens gehörte. Diese sollen Stein für Stein an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. Andere Dorfbewohner haben die Hoffnung auf eine Zukunft für Doel aufgegeben – sie bleiben einfach da, solange sie noch können.

Graffiti ghost town in Belgium

Text:Margitta Kirstaedter, Lorelei Mihala Fotos: Andreea Stoica

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www.faz.net

www.aachener-zeitung.de