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Jungwähler im Iran sind scharf aufs Wählen

Am Freitag wählen die Iraner einen neuen Präsidenten und entscheiden damit, ob sich das Land öffnet - oder abschottet.

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Jungwähler im Iran sind scharf aufs Wählen

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Am 19. Mai wird im Iran gewählt. 24 Prozent der Gesamtbevölkerung sind Jugendliche im Alter von 15 bis 29 Jahren – fast ein Viertel der 80 Millionen Einwohner des Landes. Und egal, ob sie Anhänger des amtierenden Präsidenten und als Reformer geltenden Hassan Rohani oder des konservativen Kandidaten Ebrahim Raisi sind, die iranische Jugend scheint politikinteressiert.

Reihaneh Taravati ist Fotografin. Ihre Instagram-Seite hat etwa 170.000 Followers. Sie wurde bekannt, als sie mit anderen Jugendlichen zu Pharrel Williams Lied “Happy” tanzte und für das Posting im Internet verhaftet wurde. Ein Unterstützungstweet von Rohani beschleunigte ihre Freilassung, sagte sie. Sie geht wählen, weil sie große Hoffnung auf eine Veränderung hat:

“Viele Jugendliche, die ich treffe, sind der Meinung, dass jeder wählen sollte. Unter den 16- bis 26-Jährigen gibt es nur wenige, die sagen, dass sie nicht wählen gehen wollen.”


Laut offiziellen Zahlen gibt es 1,35 Millionen junge Erstwähler:

“Jeder Jugendliche hat ein Handy, alle sind mit Social Media vertraut. Sie sind im Internet Zuhause. Unabhängig von ihrem sozialen Stand, sind Jugendliche gut informiert. Sie folgen berühmten Leuten und Prominenten, verfolgen ihre Ansichten und die Nachrichten auf ihren Handys. Diese Generation ist mit dem Mobiltelefon aufgewachsen. Kinder, die kein Mobiltelefon haben, werden es sich von ihrer Mutter ausleihen, das sind Kinder der Technik”, so Reihaneh Taravati.

Bardia ist ein Freund der jungen Fotografin. Auch er machte bei dem “Happy”-Video mit und wurde ebenfalls verhaftet.

“Wenn die Politik in einem Land auf dem richtigen Weg ist, dann sind auch all die kleinen und großen Ereignisse, die es gibt, auf dem richtigen Weg. Für mich, als jemand, der im Bereich der Kunst arbeitet, ist Kultur wichtig. Ich habe beobachtet, dass in den vergangenen Jahren die Kultur mehr Aufmerksamkeit bekam und meiner Meinung nach lag es an Rohanis Politik, die eine solche Atmosphäre schuf”, so Bardia.

Die Radio- und TV-Debatten der Kandidaten sind sehr beliebt und werden von vielen Iranern verfolgt und in den sozialen Medien kommentiert.


Jafar studiert Pharmazie an der Universität von Teheran:

“Ich glaube, dass die Universität von Teheran, an der ich studiere, einer der politischsten Orte der Akademiker des Landes ist. Meine Kommilitonen und die anderen Studenten meiner Universität sind sich bewusst, dass eines der Elemente eines demokratischen Landes Wahlen sind. Für sie ist es nur logisch, sich diese Gelegenheit nicht entgehen zu lassen.”

Für Shervin ist unter anderem die hohe Inflationsrate ein Grund, wählen zu gehen;

“Als die hohe Inflation den Preis für den Dollar hochtrieb, fielen meine Ersparnisse, die 1000 Dollar betrugen, auf 250 Dollar und das hatte eine direkte Auswirkung auf mein Leben. Ein anderer Aspekt sind soziale Freiheiten, die sich ändern können, wenn Regierungen wechseln. Eine andere Frage ist das Problem der internationalen Isolation, unter der unser Land seit Jahren leidet. Die Regierung ist jetzt in der Lage, dieses Problem durch Dialog zu lösen und gegenseitigen Respekt zu erreichen. Aus all diesen Gründen ist es notwendig, wählen zu gehen.”

Die iranische Jugend spürt erste positive Auswirkungen des Atomabkommens mit dem Westen. Die junge Generation scheint entschlossen, alle Möglichkeiten auf eine weitere politische Öffnung durch Wahlen zu nutzen.