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CERN-Chefin Fabiola Gianotti: Wir kennen nur fünf Prozent des Universums


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CERN-Chefin Fabiola Gianotti: Wir kennen nur fünf Prozent des Universums

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Wie viel weiß man inzwischen über den Urknall? Wie arbeitet der Teilchenbeschleuniger nach der Winterpause? Vom Higgs-Teilchen bis zur Suche nach dunkler Materie: Das CERN-Kernforschungszentrum bei Genf eröffnet uns immer neue Horizonte. “Das unendlich Kleine erforschen, um das unendlich Große zu verstehen” ist das Mantra der CERN-Forscher. Wir sprachen mit Generaldirektorin Fabiola Gianotti.

Claudio Rosmino, euronews:
“Der Teilchenbeschleuninger wurde vor kurzem nach der alljährlichen Winterwartungspause und weiteren Ausbauarbeiten wieder angeworfen. Wie funktioniert diese riesige Maschine, die die Mysterien der Materie unseres Universums ergründet?”



Fabiola Gianotti, CERN:
“Der Teilchenbeschleuniger, der Large Hadron Collider, ist der stärkste Beschleuniger, den die Menschen je gebaut haben. Er ermöglicht es, Protonenstrahlen aus entgegengesetzten Richtungen in einen 27 Kilometer langen ringförmigen Tunnel zu schießen und sie an vier Stellen, an denen vier große Detektoren installiert sind, kollidieren zu lassen.

Dank dieser Kollisionen können wir die fundamentalen Elemente der Materie und des Universums erforschen, und auch die grundlegenden Elemente all dessen, was in der Natur vorkommt, erkennen, sowie die Struktur und die Evolution des Universums.”



euronews:
“Der Teilchenbeschleuniger kann nun auf einem höheren Energieniveau arbeiten als dem, das zur Entdeckung des Higgs-Bosons führte. Welche wissenschaftlichen Ziele haben Sie jetzt, was wollen Sie herausfinden?”

Fabiola Gianotti:
“Wir wollen zum Beispiel herausfinden, woraus die dunkle Seite des Universums besteht. Was wir derzeit sehen können, wenn wir die Sterne, Planeten und Galaxien beobachten, das sind tatsächlich nur fünf Prozent des Universums. Die übrigen 95 Prozent bestehen aus Materie und Energie, die wir gar nicht kennen. Das ist die große Unbekannte für uns, und deshalb nennen wir sie ‘dunkel’. ‘Dunkel’ steht für unsere Unwissenheit, aber auch für die Tatsache, dass diese Formen von Materie und Energie nicht direkt mit unseren Instrumenten zusammenwirken, mit Teleskopen zum Beispiel. Deshalb leiten wir ihre Existenz von indirekten Beobachtungen und Beweisen ab.”

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euronews:
“Sie sind seit Januar 2016 Generaldirektorin des CERN. Wie schätzen Sie Ihre ersten gut eineinhalb Jahre ein? In einem Interview haben Sie gesagt, es sei so, wie Bürgermeister in einem kleinen Dorf zu sein.”

Fabiola Gianotti:
“Es ist eine sehr bereichernde, stimulierende Arbeit, bei der man es mit sehr verschiedenen Aspekten zu tun hat. Da gibt es die wissenschaftliche Seite, auf der natürlich meine Priorität liegt, und die das meiste meiner Zeit beansprucht – die Begleitung wissenschaftlicher Projekte, Planung für die Zukunft. Aber dann sind da auch noch die anderen Aspekte – Budget, Personal, internationale Beziehungen. Das ist befruchtend und vielfältig. Am meisten gefällt mir, dass ich jeden Tag etwas dazulerne. Es gibt doch nichts Lohnenderes, als nach Hause zu kommen und sagen zu können: ‘Wie viel ich heute gelernt habe!’”

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euronews:
“Kommen wir zum 4. Juli 2012, als das CERN die Entdeckung des Higgs-Bosons weltweit bekanntgab, des Teilchens, das allem anderen Masse verleiht. Was sind Ihre Erinnerungen an diesen Tag, wie haben Sie sich damals gefühlt?”

Fabiola Gianotti:
“Klar, es war ein wunderbarer Tag aus beruflicher Sicht. Und vielleicht der begeisterndste Tag meines Lebens. An diesem Tag vertrat ich eine Gemeinschaft von Physikern aus der ganzen Welt, aber auch viele junge Leute, die mit Begeisterung und Hingabe daran mitgearbeitet hatten, unsere Maschine zu bauen und später die Daten auszuwerten. Ich war also sehr stolz, sagen zu können: Heute haben wir dazu beigetragen, das Wissen der Menschheit einen kleinen Schritt voranzubringen. Das war ein großartiges Gefühl.”



euronews:
“Dank dieser erstaunlichen Maschine, die der Teilchenbeschleuniger ist: Inwieweit verstehen Sie jetzt den Urknall?”

Fabiola Gianotti:
“Wir sind den Charakteristika und der Entwicklung des Universums kurz nach dem Urknall sehr nahegekommen. Unser Wissen bezieht sich auf das Millionste des Millionsten einer Sekunde nach dem Urknall. Das hört sich nach Nichts an, in Wirklichkeit ist davor aber eine Menge passiert. Wir sind immer noch weit davon entfernt, zu begreifen, was wirklich zum exakten Zeitpunkt des Urknalls geschah. Wir haben jetzt verschiedene Annahmen. Und wir haben wichtige Fortschritte gemacht, um eine Vorstellung von dem zu haben, was in den frühen Phasen der Entstehung des Universums ablief.”

euronews:
“Wie sehen Sie die wissenschaftliche Forschung in Europa – gibt es genügend Möglichkeiten für junge Forscher?”

Fabiola Gianotti:
“Allgemein gibt es ein Problem, um Geld für Grundlagenforschung zu bekommen, da könnte es in einigen Ländern mehr geben. Angewandte Forschung findet in der Regel leichter eine Finanzierung, denn sie bringt kurzfristig Resultate. Es ist natürlich wichtig, angewandte Forschung zu finanzieren, aber man darf nicht vergessen, dass die Grundlagenforschung genauso wichtig ist, auch wenn man da nicht sofort Ergebnisse sehen kann, sondern eher langfristig.”

euronews:
“Einstein hat gesagt: “Logik bringt dich von A nach B. Deine Fantasie bringt dich überall hin. Welche Rolle spielen Fantasie und Leidenschaft in der Arbeit eines Wissenschaftlers?”

Fabiola Gianotti:
“Sie sind fundamental. Wissenschaft und Forschung basieren auf Ideen und Kreativität. Ideen, Kreativität und Vorstellungskraft sind grundlegend, aber sie müssen gepaart sein mit großer Hingabe, damit diese Ideen auch in die Praxis umgesetzt werden können. Leidenschaft, Motivation und Kreativität sind die treibenden Kräfte für das, was wir hier tun.”



euronews:
“Leidenschaft und Fantasie bringen uns zu den Träumen: Wovon haben Sie als Kind geträumt? Wann ist Ihnen klargeworden, dass Sie Wissenschaftlerin werden wollen?”

Fabiola Gianotti:
“Als Kind hatte ich ziemlich ausgefallene Träume, vielleicht nicht so einfach, um erfüllt zu werden. In einer Zeit habe ich klassischen Tanz gelernt und wollte Tänzerin werden. Dann habe ich Klavierspielen gelernt und dachte über eine Karriere in der Musik nach. Musik ist immer noch sehr wichtig in meinem Leben. Ich war sehr neugierig als Kind und stellte mir immer viele Fragen. In einem bestimmten Moment, bei den Mathematik- und Physikstunden in der Oberschule, stellte ich fest, dass die Arbeit auf dem Feld der Physik, vielleicht der grundlegendsten aller Wissenschaften, mir erlauben würde, diese Suche nach Antworten und diese Neugier zu befriedigen.”

euronews:
“Hier im CERN sind Sie von hoch wissenschaftlichen Geräten umgeben. Welches Verhältnis haben Sie in Ihrem Alltag zur Technologie?”

Fabiola Gianotti:
“Ich nutze sie gewöhnlich als ein Mittel, das unser Leben effizienter und angenehmer macht. Aber es gibt da auch einen negativen Effekt für unser tägliches Leben: Manchmal macht uns die Technologie zur einer Art Sklaven. Heute müssen wir ständig über Telefon, Mails und SMS erreichbar sein. Man muss also aufpassen, diesen Innovationen nicht zu viel Raum zu lassen und süchtig nach ihnen zu werden.”

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