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Aus dem Lager in die Schule: Flüchtlingskinder in Griechenland

Mit Hilfe der EU und der IOM bekommen Kinder aus Flüchtlingslagern in Griechenland Unterricht in der Schule

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Aus dem Lager in die Schule: Flüchtlingskinder in Griechenland

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Mehr als 72.000 Menschen kamen zwischen Januar und Juni nach Europa, die meisten auf dem Seeweg. Auch wenn die Zahl der Neuankömmlinge in Griechenland im Vergleich zum Vorjahr drastisch zurückging, leben inzwischen etwa 62.000 gestrandete Migranten und Flüchtlinge hier (DTM, Internationale Organisation für Migration). Mehr als 20.000 von ihnen sind laut Unicef minderjährig. IOM und EU haben ein Projekt gestartet, das den Flüchtlingskindern in den Lagern den Einstieg in die Schule ermöglichen soll: Busse bringen sie zu eigens für sie eingerichteten Nachmittagsklassen in Schulen im Umkreis.

Abbas Noori zum Beispiel. Der kleine Afghane ist zehn Jahre alt und kam vor gut anderthalb Jahren mit seiner Familie ins Malakasa-Flüchtlingslager in Griechenland. Er ist eins von 2.500 Kindern, die in Flüchtlingsunterkünften wohnen und mit einer formalen Ausbildung in einer griechischen Schule begonnen haben. Die letzten Monate vor den Sommerferien ging er jeden Nachmittag von halb zwei bis sechs Uhr zur Schule – ein Bus brachte die Kinder hin. “Ich gehe seit drei Monaten zur Schule”, erzählt er stolz. “Es ist sehr wichtig zu lernen – das ist wichtig für meine Zukunft.”

Die Flüchtlingskinder wurden in über neunzig Schulen auf dem griechischen Festland aufgenommen – dank eines Transport-Projekts, das von der Abteilung für humanitäre Hilfe der EU finanziert und von der Internationalen Organisation für Migration durchgeführt wird. Es startete im Oktober in fünf Lagern – zum Ende des Schuljahres band es über dreißig Lager an.


Bildung ist ein Menschenrecht


Iannis Baveas, Projektkoordinator bei der IOM: “Vor Beginn dieses Programms hatten die Kinder keinerlei formalen Schulunterricht. Es gab nur informellen Unterricht in den Lagern. Und das ist sehr wichtig, denn jedes Kind hat das Recht, zur Schule zu gehen, Bildung ist kein Privileg, sondern ein grundlegendes Menschenrecht.”

Über siebzig Busse in ganz Griechenland fuhren die Kinder bis zum Ferienbeginn jeden Nachmittag zu den ausgewählten Schulen im Umkreis von zwei bis knapp zwanzig Kilometern. Abbas ist in einer Viertelstunde in der Avlona-Grundschule. Sie hat zwanzig Schüler aus dem Malakasa-Lager aufgenommen – zusätzlich zu ihren gut 230 einheimischen Schülern. Lehrer Giannis Stefanidis: “Viele dieser Kinder waren in ihrer Heimat noch nie in der Schule. Was bedeutet, dass sie noch nicht einmal wussten, wie man sich in einer Schule benehmen muss. In gut zweieinhalb Monaten haben sie etwa dreihundert Wörter gelernt. Ich denke, das ist genug, aber das Beste ist, dass sie alle ein breites Lächeln auf ihrem Gesicht haben!”


Aid Zone 3 Greece

Die Kinder werden in Griechisch, Englisch, Mathematik, Informatik, Kunst und Sport unterrichtet. Unterrichtssprachen sind Griechisch und Englisch. Das Projekt kommt rund achtzig Prozent der Flüchtlingskinder in den Unterkünften auf dem Festland zugute. Wie viele Flüchtlingskinder in Griechenland vom formalen Schulunterricht abgeschnitten sind, weiß man nicht genau. Bei denjenigen, die in den Städten leben, geht man davon aus, dass sie am üblichen Unterricht morgens mit den griechischen Kindern teilnehmen.


Die hohe Mobilität unter den Flüchtlingen ist allerdings auch eine Herausforderung bei der Beschulung der Kinder. Yorgos Kapranis von der Humanitären Hilfe der EU: “Bei vielen Familien war es ein Kampf, ihnen zu erklären, wie wichtig es für ihre Kinder ist, in die Schule zu gehen. Selbst wenn sie in ein anderes Land weiterziehen wollen. Das Programm ist befristet, denn diese Unterkünfte sollen nicht ewig hier bleiben, es sind Übergangslager. Die Familien ziehen schon aus, die EU zahlt für Wohnungen, und dann gehen die Kinder in den regulären Unterricht am Morgen. Das Programm soll sie darauf vorbereiten, sich besser ins nationale Schulsystem einzugliedern.”

Abbas’ Vater träumt davon, in die Schweiz weiterzuziehen. Doch er ist stolz, dass seine Kinder hier zur Schule gehen. In den vergangenen 21 Jahren, die er im Iran lebte, war eine seiner Hauptsorgen, wie seine Kinder Unterricht bekommen: “Ich hoffe, dass der Junge in der regulären Schule lernen kann, denn das gefällt ihm. Ich bin zuversichtlich für seine Zukunft. Und wir hoffen, dass sich das auch erfüllt. Einer der Gründe, warum wir aus dem Iran weggingen, war, dass wir Bildung für unsere Kinder wollen.”

Jetzt sind erst einmal Ferien. Danach werden die Schulen laut Bildungsministerium die Kinder aus den Flüchtlingslagern auch wieder aufnehmen. Dann sollen sie am regulären Unterricht teilnehmen.