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Boom der Marihuana-Industrie in Europa


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Boom der Marihuana-Industrie in Europa

Die vom deutschen Bundestag in Berlin beschlossene Ausweitung des medizinischen Einsatzes von Marihuana ab 2019 hat einen wahren Goldrausch ausgelöst. An der Messe „Marijane“ in Berlin nahmen vor wenigen Tagen etwa 150 Aussteller aus aller Welt teil. Unter den Besuchern waren natürlich die zu erwartenden Konsumenten, aber auch viele Geschäftsleute mit Schlips und Anzug auf der Suche nach dem großen Geschäft.

Auf der größten Messe für Produkte rund um Cannabis ging es allerdings nicht nur ums „Kiffen“. Immer mehr Lebensmittel und Kosmetika mit Hanf-Bestandteilen drängen auf den Markt. Auch Kleidung aus der Naturfaser erlebt eine Renaissance. “Cannabis ist als Genussmittel angekommen in der Gesellschaft und als ganz normales Genussmittel ist auch eine Messe dazu ganz normal”, sagte Georg Wurth vom Deutschen Hanfverband. Die Lobby-Gruppe fordert die weitgehende Liberalisierung des Konsums der Pflanze. Aber er räumt ein: so weit will die deutsche Regierungskoalition so schnell wohl doch nicht gehen.

Somit ist der illegale Handel mit Hanf noch immer der Alltag in Deutschland. Von Berlin muss man 50 Kilometer weit fahren, um ein legales Hanffeld zu finden. Es ist mehrere Hektar große. Landwirt Bernd-Ebert Böttcher hat eine Lizenz, um Hanf mit einem niedrigen Anteil psychoaktiver Wirkstoffe anzubauen – die Züchtung eines spezialisierten Herstellers aus Frankreich. “Der Hanf wird vor allem verwendet als Dämmstoff, als Hausdämmstoff“, so Böttcher. „Es ist eine dickere Faser und dämmt sehr gut. Und es ist einfach Natur und kein Kunststoff.” Dabei waren Hanfprodukte früher weit verbreitet, als Garn für Taue und Kleidung, sowie zum Bauen – aber auch als Medizin.

Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Cannabis wegen seiner berauschenden Inhaltsstoffe verboten. Die Kriminalisierung der Pflanze und ihres Konsums führte in eine Sackgasse, denn es gelang nie, den Handel und den Konsum gänzlich zu unterbinden. “Heute haben wir eine andere Situation, wo man immer mehr auf Nachhaltigkeit kuckt, auf “impact”, auf die Natur. Und da steht Hanf ganz vorne dran“, so Marijn Roersch van der Hoogte vom Unternehmen Hanffaser Prenzlau. Dort stellt man Baustoffe mit der Hanfpflanze her. So werden deren Fasern in Lehmziegel eingebettet. Das sorgt nicht nur für Stabilität, sondern soll auch helfen, das Raumklima in Gebäuden deutlich zu verbessern. Denn die Hanffasern sorgen für einen ausgeglichenen Feuchtigkeitshaushalt in Räumen und verhindern die Entstehung von gefährlichen Schimmelflecken.

In der Heimat von Roersch van der Hoogte, den Niederlanden, waren Cannabis-Produkte schon lange ein prima Geschäft. Vom Hanfsamen bis zum Hanfkeks bis zum Joint wurde Holland zum „Mekka der Kiffer“ in Europa. Für Holland ein Milliardengeschäft, während die übrigen Länder Europas einen wenig erfolgreichen Feldzug nach dem anderen gegen Cannabis führten. Drogenhändler und Mafiabosse profitierten von der Ächtung der Pflanze.

Gleichzeitig wurde die Forschung zur medizinischen Wirkung von Cannabis sträflich vernachlässigt, meint Dr. Silke Will vom Cannabis-Startup „Growholistic“ aus Süddeutschland. „Wir hoffen, dass in Zukunft die Regulierungen liberalisiert werden“, so Will. Mit ihrem Team erforscht sie die Wirkung der im Hanf enthaltenen Substanzen. Gerade in Deutschland könnte jetzt die Entkriminalisierung der Pflanze nun eine Zeitenwende für ganz Europa bescheren.

So ging es auf der Messe in Berlin auch in Podiumsdiskussionen um die rechtlichen und medizinischen Folgen einer schrittweisen Cannabis-Freigabe. Beispielsweise wurde ein Frauen-Netzwerk zum Einsatz von Cannabis gegründet. Und digitale Apps sowie Soziale Medien rund um Cannabis sind am Start. Doch die Entkriminalisierung stellt die Länder Europas auch vor große Herausforderungen. Viele hoffen, damit das illegale Milliardengeschäft der Drogenkartelle zurückzudrängen und dass die Gesellschaften und Unternehmen Europas ebenso davon profitieren wie die Finanzämter.

Wolfgang Karg