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Meck-Pomm: Der einsame Osten

Die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern fühlen sich von der Politik im Stich gelassen.

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Meck-Pomm: Der einsame Osten

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August 2017: In Berlin werden die ersten Wahlplakate aufgehängt. Es sollen 170.000 werden, so steht es in der Berliner Zeitung. Nur zwei Stunden nördlich von der deutschen Hauptstadt entfernt, in Mecklenburg-Vorpommern, ist von der Bundestagswahl keine Spur zu sehen. Wichtigstes Gesprächsthema ist hier das Wetter, es regnet in einem fort, der Raps verschimmelt auf den Feldern und die Touristen an der Küste flüchten sich in Museen und ins Aquarium.

Im Radio wagt der Meteorologe es kaum mehr den Menschen Hoffnung zu machen. Am Wochenende werde die Sonne zwischen den Schauern und Gewittern kurz zwischen den Wolken hervorkommen, aber damit könne man doch leben, man sei doch bescheiden, hier in Mecklenburg-Vorpommern.

Bescheiden sind auch die Erwartungen an die Politik. Mecklenburg-Vorpommern ist das bevölkerungsärmste Land Deutschlands oder wie es der Lokaljournalist Stefan Höft formuliert: „ Wir sind das fünfte Rad am Wagen. Wir sind zu Wenige. Für uns interessieren sich die Politiker nicht.“ Die Zahlen sprechen für sich: Seit der Wende haben rund 300.000 Menschen Mecklenburg-Vorpommern verlassen. 1990 war es demographisch gesehen das jüngste Bundesland, heute ist es das älteste. Landflucht der jungen Menschen und vor allem der Frauen. Höft wundert es nicht, die Frauen seien schließlich intelligenter und entschlussfreudiger.

Fahrt über das Land, mit dem Taxi, es geht nach Demmin, einst die Hauptstadt der Arbeitslosen. Mittlerweile sind die Zahlen der Erwerbslosen ein wenig gesunken, am Gefühl hat sich wenig geändert. Auf die Frage nach dem Stand der Lage, meint die Taxifahrerin: „ Hier wollen ja alle nur weg.“ Ich weiß nicht, ob es an der Abwanderung liegt, aber die Ageless Disko in Daberkow hat zugemacht. In Kletzin fahren wir an einem kleinen Plattenbau vorbei. Hier haben syrische Flüchtlinge sechs Monate lange gelebt. Sie sind weiter gezogen, geblieben ist nur ein Graffiti auf der grau verputzten Hauswand: „We love Deutschland.“

Am Horizont Windräder ohne Ende, viele stehen still. Es gibt nicht genügend Leitungen, um den Strom weiterzutransportieren. Die Betreiber der Turbinen bekommen trotzdem Fördergelder, selbst wenn sie ausgeschaltet sind. Auch für die Besitzer der Felder auf denen die weißen Windräder wie Spargel in die Höhe schießen, lohnt es sich. Die Mehrheit der Bewohner hier im Hinterland hat nichts davon. Die Turbinen vermiesen die Aussicht und der Strom wird teurer, weil die hiesigen Steuerzahler den Bau der Leitung finanzieren müssen. Da ist es nicht einfach, die Menschen für die Energiewende zu begeistern. Am Rande des Dorfes Bartow wird ein neuer Windpark gebaut. Die umliegenden Gemeinden wollen Widerspruch einlegen. Die meisten Bewohner zucken nur mit den Schultern, man könne da sowieso nichts machen.

Die Landschaft durch die sich der Fluß Peene schlängelt ist manchmal leicht hügelig, sonst eher platt. Große Felder mit kleinen grünen Inseln, Sölle oder auch Himmelsauge genannt, ein Vermächtnis aus der Eiszeit. Beim Abendspaziergang treffe ich zwei Hasen, sie hoppeln nur langsam davon und auch ein Reh scheine ich nicht wirklich zu erschrecken. Es blickt kurz auf und verschwindet dann in einem Maisfeld. Über einer brachliegenden Wiese rüttelt ein Raubvogel, wahrscheinlich hat er eine Maus erspäht. Der blaue Himmel färbt sich langsam rosa und spannt sich über die Raps-, Mais- und Weizenfelder als ob er die Kuppe einer Schneekugel wäre. Ruhe und weite Landschaften, die gibt es hier und die ziehen auch viele Berliner an. Die Briefträgerin, die tagtäglich über die Landstraßen brettert, erzählt, dass im Dorf schon wieder eine Bulette, also ein Berliner, ein Haus gekauft hat.

Wann war noch einmal die Wiedervereinigung? 27 Jahre ist es her, aber Geschichte ist das noch lange nicht. Viele erzählen mir davon, wie damals nach der Wende alles zugemacht hat: die Stärke-Fabrik, die Kleider-Fabrik, und von den Zucker-Fabriken ist nur noch eine in Anklam übrig geblieben.

Mehr als 80% der hiesigen Einwohner mussten sich damals von heute auf morgen beruflich umorientieren. Viele wurden plötzlich nicht mehr gebraucht. Um der Arbeitslosigkeit zu entkommen nahmen vor allem Männer Jobs in Hamburg, aber auch in Dänemark und in den Niederlanden an.

Fragt man nach dem Problemen in Mecklenburg-Vorpommern kommt Arbeitslosigkeit immer noch als erste Antwort, aber viele räumen im Nebensatz ein, man dürfe nicht immer schimpfen, es sei ein wenig besser geworden. Höft meint, es gebe seit ungefähr sechs Jahren einen spürbaren Aufschwung. Viele Arbeitslose hätten sich in die Rente verabschiedet, das drücke die Zahlen und die wenig verbleibenden Jugendlichen könnten sich ihre Lehrstelle aussuchen.

Die Taxifahrerin kann sich mit ihrem Unternehmen nur dank der Krankenfahrten und der Förderschüler über Wasser halten. Jeden Morgen ersetzt sie den Schulbus für diese Kinder. Sie schimpft, viele hätten nicht einmal gefrühstückt, die Eltern würden noch im Bett liegen, obwohl die doch nichts zu tun hätten. Die Kinder sind hyperaktiv, leiden an einem Aufmerksamkeitsdefizit oder gelten als schwer sozialisierbar. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es laut statistischen Bundesamt 10,5 Prozent Förderschüler, rund doppelt so viele wie in Rheinland-Pfalz (4,2 Prozent). Die ehemalige Deutsch- und Musiklehrerin von Demmin Christine Richter erzählt, die Brutalität habe zugenommen, die Kinder seien verloren. Früher sei wenigstens eine Form dagewesen. Sie mache sich große Sorgen um die Jugendlichen von heute.

Und was ist mit der Politik? Das Hinterland in Mecklenburg –Vorpommern war einst CDU-Hochburg. In den 90er Jahren hieß es, die CDU könne auch einen Besenstiel auf ihre Wahlplakate drucken, gewinnen würde sie trotzdem. Diese Zeiten sind vorbei. Bei der Landtagswahl 2016 hing in den Dörfern fast an jedem Laternenpfahl ein Plakat der AfD. Am Ende war die AfD die große Gewinnerin der Wahl, mit 20,8 % zweitstärkste Kraft hinter der SPD. CDU, SPD aber auch Die Linke, sie alle haben Wähler an die Rechtspopulisten verloren. Die Aufregung war groß, es wurde viel geschrieben über die braunen Ecken in Mecklenburg-Vorpommern.

Wie braun sie sind, darüber lässt sich streiten. Kleine Rechenaufgabe: Ein kleines Dorf hat 80 Einwohner, 30 gehen zur Wahl, 6 stimmen für die NPD und schon hat man einen braunen Fleck von 20%. Die Experten sprachen von einer Protestwahl. In einer Befragung gaben 66 Prozent der AfD-Wähler an, ihre Stimme aus Enttäuschung über die anderen Parteien den Rechtspopulisten gegeben zu haben. Beim Baden am See in Siedenbollentin komme ich ins Gespräch mit einer alleinerziehenden Mutter. Sie meint, die Menschen wollten einfache Antworten und die liefere die AfD. Demokratie und die heutige Welt seien schwierig.

Und jetzt bei der Bundestagswahl, für wen werden die Menschen hier ihr Kreuzchen machen? Eine Antwort bekomme ich auf diese Frage nicht, nur eine Anekdote. Beim Fussballspiel in Jarmen, habe am Wochenende einer aus Berlin 700 Flyer von der Linken auf den Tisch gelegt, das sei nicht gut angekommen. Er habe sie dann wieder weggepackt.

Von Lena Roche

Hier finden Sie alle bisher produzierten Folgen unserer 360°-Serie zur Bundestagwahl.