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Schleswig-Holstein: Landwirte werden zu Energiewirten

In Schleswig-Holstein hilft die Energiewende gegen das Höfesterben – doch mitunter leidet der Dorffrieden.

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Schleswig-Holstein: Landwirte werden zu Energiewirten

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[Partnerartikel: Tobias Fligge, Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag]

Marode Straßen, Funkloch an Funkloch, Windmühlen statt Kühe auf der Weide und die jungen Menschen ziehen weg: Wollen Politiker vor der Bundestagswahl am 24. September ein Gefühl für das Leben der Bürger auf dem Land bekommen, müssen sie sich nur in den Zug setzen und an die schleswig-holsteinische Westküste fahren. Der Promi-Insel Sylt und einem boomenden Tourismus sei Dank gibt es sogar eine Direktverbindung zwischen der hektischen Hauptstadt und dem platten von saftigen Wiesen und Ackerbau geprägten Land.

Eine schnelle Internetverbindung ist hingegen keine Selbstverständlichkeit. Große Arbeitgeber wie in den Ballungszentren rund um deutsche Großstädte fehlen. Und dennoch ist man stolz auf die Innovationen, die die Region vor allem im Bereich Erneuerbare Energien auf die Beine stellt. Schleswig-Holstein produziert Strom aus Windkraftanlagen mit einer Leistung von insgesamt 6066 Megawatt. Der größte Anteil davon – 1776 Megawatt – kommt von den 717 Anlagen, die sich aktuell in Nordfriesland in Betrieb befinden. Eine beachtliche Reihe an Start-ups hat sich in der Region rund um den Bereich Energiespeicherung, E-Mobilität bis hin zur mit nachhaltigem Strom betriebenen Datenspeicherung gebildet.

Zwar sorgen vor allem die vielen stetig in die Höhe wachsenden Windkraftanlagen immer wieder für Streit, doch die Branche ist zu einem wichtigen Arbeitgeber im Land geworden. Nach Angaben der Landesregierung in Kiel haben 20.000 Menschen in Schleswig-Holstein durch die Energiewende einen Job. Die Milliarden-Summen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und zusätzlich Gewerbesteuern seien eine „Daseinsvorsorge gerade in ländlichen Kommunen“, formulierten es die regierenden Parteien CDU, Grüne und FDP in ihrem Koalitionsvertrag, in dem sie sich den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien auf die Fahne geschrieben haben. Zehn Gigawatt installierte Leistung allein aus Windenergienutzung bis 2025 ist das Ziel.

Für den ländlichen Raum in Schleswig-Holstein ist das Fluch und Segen zugleich. Neben der Windenergie als neuem wichtigen Wirtschaftsfaktor profitieren viele Gemeinden von sogenannten Bürgerwindparks, an denen die Dorfgemeinschaft vor Ort beteiligt ist – attraktive Geldanlagen. Der Kampf um die Frage, ob es einen Windpark in der Nähe der Gemeinde geben soll oder nicht, ist jedoch nicht immer spurlos am Dorffrieden vorbeigegangen. Anwohner klagen über Lärmbelästigung oder gesundheitliche Probleme durch Infraschall, der von Windenergieanlagen ausgeht. Auch Touristiker melden, dass einige Gäste wegen der vielen Windenergieanlagen, die stellenweise das Landschaftsbild prägen, nicht mehr kommen wollen.

Während das Thema an der schleswig-holsteinischen Westküste ein Dauerbrenner ist, spielt es im Wahlkampf eher eine Nebenrolle. In Interviews etwa mit der Kanzlerin geht es bei der Energiewende vor allem um die Förderung der Elektromobilität im Zusammenhang mit drohenden Dieselfahrverboten und dem VW-Abgasskandal. Der Netzausbau hingegen kommt nicht zur Sprache. Die Infrastruktur zur Verteilung des Stroms kommt in Schleswig-Holstein gut voran. Doch das windreiche Land möchte exportieren und das geht nur, wenn auch der Rest der Bundesrepublik seine Stromtrassen ausbaut. Viele Energiewirte haben sich beim Voranbringen der Elektromobilität genauso wie beim Netzausbau mehr von der Bundesregierung erhofft.

Auch für viele Landwirte Schleswig-Holsteins ist die Energiewende eine „Daseinsvorsorge“ und damit ein wichtiges Thema dieser Bundestagswahl. Photovoltaik, Windkraft und Biogasanlagen sind vor allem für Sauen- und Milchviehhalter wichtige Einkommensergänzungen in Zeiten schwankender Preise. In der Landwirtschaft, die mit etwa 49.000 Beschäftigten eine Schlüsselbranche in Schleswig-Holstein ist, lässt sich ein regelrechtes Höfesterben beobachten. Nach Angaben der schleswig-holsteinischen Landwirtschaftskammer mussten allein im Jahr 2016 mindestens 400 Milchviehhalter bedingt durch die Milchkrise aufgeben. Zwar steigen die Preise für Milch wieder, dennoch haben viele Bauern sich für Investitionen verschuldet und jetzt mit der Rückzahlung der Kredite zu kämpfen. Oftmals sind die Rücklagen verbraucht. Seit Jahren ist dieser Betriebsschwund auch außerhalb der Milchviehhaltung in der Landwirtschaft zu beobachten.

Das ist einer der Gründe, weshalb viele Landwirte in Nordfriesland mittlerweile zu Energiewirten geworden sind. Aber auch ohne Not: Das Verpachten von Flächen für Windkraftanlagen ist ein sehr profitables Geschäft. Vor allem Bauern, die früh einstiegen, sind zu Geld gekommen. Noch vor fünf Jahren zahlten Investoren Pachten von bis zu 100.000 Euro pro Windrad in Norddeutschland – und das bei einem überschaubaren Flächeneinsatz. Das seien Extremfälle gewesen, heißt es aus der Branche, die dem Ansehen der Windenergie geschadet hätten. Wenn es gut läuft, gilt heute eine Pacht von 15.000 Euro pro Windmühle als realistisch. Aber auch wenn die Einnahmen aus solchen Verträgen mit Projektentwicklern heute geringer sind: Die Energiewende bleibt für die Bauern in Schleswig-Holstein ein wichtiges Mittel im Kampf gegen das Höfesterben.