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Champions-League-Neuling Karabach Agdam: Der "heimatlose" Außenseiter

Krieg und Vertreibung haben den Verein aus Aserbaidschan geprägt - aber auch ein steiler sportlicher Aufstieg.

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Champions-League-Neuling Karabach Agdam: Der "heimatlose" Außenseiter

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London, Madrid, Rom – und Agdam. Weltstädte und ein verlassenes Nest in Aserbaidschan. Dass sich der FK Karabach Agdam in die Gruppenphase der UEFA Champions League gekämpft hat, ist eine faustdicke Fußballsensation, noch kurioser wird es allerdings, wenn man sieht, wo der Verein ursprünglich herkommt.

Der Ort Agdam, der mittlerweile eigentlich Akna heißt, war mal eine Stadt mit über 50.000 Einwohnern, heute stehen die meisten Häuser leer, außer ein paar Siedlern lebt hier keiner mehr. Das “Hiroshima vom Kaukasus” wird die Geisterstadt auch genannt. Die Geschichte von Agdam ist die Geschichte des schwierigen Verhältnisses von Armeniern und Aserbaidschanern. Die Sowjetunion brach zusammen, die Region Bergkarabach wurde Teil Aserbaidschans. Doch das wollte die Bevölkerung, die mehrheitlich aus Armeniern besteht, nicht. Man wollte die Unabhängigkeit und führte dazu eine Volksbefragung durch – doch eine friedliche Lösung des Konflikts gab es nicht, es kam zum Krieg zwischen armenischen Kampfgruppen und der Armee Aserbaidschans, später griffen auch Armeniens Streitkräfte ein und besetzten Teile des Gebietes, darunter die Stadt Agdam. Die Menschen von Agdam flohen vor den Kämpfen, zurück blieb eine leere Stadt. International anerkannt wird die Region Bergkarabach nicht, der Konflikt ist nach wie vor ungelöst.

Mit dem Exodus aus Agdam verließ auch der FK Karabach die Stadt. Zeitweise wusste keiner so richtig, ob es überhaupt weitergeht, der Klub stand vor dem Aus. Letztlich landete der Verein in Aserbaidschans Hauptstadt Baku und nahm fern der eigentlichen Heimat eine sportliche Entwicklung, die kaum jemand für möglich gehalten hatte. In die Europa League hat es der FK Karabach schon mehrfach geschafft, in diesem Jahr gelang dann der große Sprung in die “Königsklasse”.

Ans Abenteuer Champions League wagt sich der Verein mit einer international ausgerichteten Mannschaft. Die Brasilianer Richard und Pedro Henrique (Ersterer ist mittlerweile aserbaidschanischer Staatsbürger und Nationalspieler) stehen ebenso im Kader wie die Spanier Michel und Dani Quintana. Auch der Norweger Tarik Elyounoussi und Donald Guerrier aus Haiti sollen für Agdam gegen die Fußball-Großmächte FC Chelsea, Atletico Madrid und AS Rom für die eine oder andere Überraschung sorgen. Unmöglich, meinen viele Fachleute. In der letzten Qualifikationsrunde für die “Königsklasse” setzte sich der FK Karabach gegen den dänischen Meister FC Kopenhagen durch. Schon damit hatte kaum jemand gerechnet – jetzt wollen die “heimatlosen” Außenseiter weiter für Furore sorgen.