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Drohende Worte: Erdoğan will Kurden-Referendum im Irak verhindern

Seit fast 100 Jahren auf 4 Staaten aufgeteilt - Kurden vor untersagten Referendum unter Hochspannung

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Drohende Worte: Erdoğan will Kurden-Referendum im Irak verhindern

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Am Montag wollen die Kurden im Nordirak trotz eines gerichtlich verhängten Verbots und internationaler Kritik per Referendum über ihre Unabhängigkeit abstimmen. Bagdad ist dagegen, der Iran will mit einer unabhängigen Region nicht zusammenarbeiten, das Weiße Haus hat die Pläne als “provokant und destabilisierend” kritisiert, auch UN-Generalsekretär Antonio Guterres hat sich kritisch über das geplante Unabhängigkeitsvotum geäußert.


Die Türkei unterhält zwar enge Beziehungen zur kurdischen Autonomieregierung im Nordirak, ist aber gegen einen unabhängigen Kurdenstaat. Ankara befürchtet, das könnte separatistische Tendenzen unter den Kurden in der Türkei verstärken.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan vor der UNO:

“Hiermit fordere ich die irakische kurdische Landesregierung auf, die Initiative abzubrechen, die sie in diese Richtung eingeleitet hat. Die klare und entschlossene Haltung der Türkei kann einen Prozess auslösen, der der irakischen kurdischen Regionalregierung sogar die Möglichkeiten nimmt, die sie zur Zeit haben.”


KURDEN IN VIER STAATEN

Die Kurdengebiete waren 1923 bei der Auflösung des osmanischen Reiches durch den Vertrag von Lausanne auf die vier Staaten Iran, Irak, Türkei und Syrien aufgeteilt worden. Der größte Teil fiel an die Türkei, mehr als die Hälfte der Kurden wurden Staatsbürger der neuen türkischen Republik.


…GUT EIN VIERTEL IM IRAK

Im Irak leben gut 8 Millionen Kurden in einer Autonomieregion im Nordirak, von insgesamt geschätzt 25 und 30 Millionen.

Besonders pikant ist das Referendum auch, weil die Kurden auch in Gebieten abstimmen lassen wollen, die eigentlich unter Hoheit der Zentralregierung in Bagdad stehen – aber von den Kurden beansprucht werden. Dazu gehört vor allem die Provinz Kirkuk, die nach Basra die größten Ölreserven des Landes und damit enormen Reichtum besitzt.

ÖL“PERLEKIRKUK

Die kurdischen Peschmerga-Kämpfer nutzten den Kampf gegen den IS, um Kirkuk unter ihre Kontrolle zu bringen – und wollen von dort nicht mehr abziehen, wie Massud Barsani, Präsident der kurdischen Autonomieregion im Nordirak, den Kurden bekräftigt hat.

Najmaldin Karim, vom Parlament in Bagdad für abgesetzt erklärter Gouverneur von Kirkuk:

“Die Region Kurdistan hat im Gegensatz zum Irak immer die Rechte aller Gruppen respektiert. Gehen Sie in die Region, da gibt’s Schulen für Turkmenen, für Christen für Araber.”

Die Zentralregierung in Bagdad, Nachbarn des Iraks und der Westen befürchten, dass die Abstimmung das Land spalten und einen breiteren regionalen Konflikt auslösen könnte, nachdem Araber und Kurden zusammengearbeitet haben, um den sogenannten islamischen Staat aus seiner Trutzburg Mossul zu vertreiben.

Wenn Kurden wie erwartet mit “Ja” stimmen, drohen vor allem Spannungen um die Ölstadt Kirkuk. Dort leben Kurden, Araber, Turkmenen, Christen und andere Minderheiten. Kirkuk ist eines von 15 ethnisch gemischten Gebieten im Nordirak, die am Referendum teilnehmen werden.

Unter Saddam Hussein waren Kurden in den 1980er Jahren während einer erzwungenen “Arabisierung” aus umstrittenen Gebieten ausgewiesen worden. Araber aus anderen Teilen des Irak wurden dann umgesiedelt und übernahmen kurdische Häuser und Geschäfte. Viele Araber wurden ihrerseits nach Saddams Sturz im Jahr 2003 vertrieben, Kurden eroberten große Teile der umstrittenen Territorien zurück, darunter Kirkuk.

Befürchtet wird, dass Baghdad versuchen könnte, die Kontrolle über Kirkuk zurückzuerobern und vom Iran unterstützte schiitische Milizen (PMU) dorthin zu schicken, auch als Hashid al-Shaabi bekannt – sie sind knapp außerhalb der Provinz stationiert.

SÄBELRASSELN DER TÜRKEI

Im Vorfeld des kurdischen Unabhängigkeitsreferendums im Nordirak hat die Türkei eine Militärübung an der türkisch-irakischen Grenze abgehalten – an die 100 Panzer und Raketenwerfer fuhren etwa zwei Kilometer an die Grenze heran, Bagger hoben Stellungen aus, die Soldaten anschließend bezogen.


Sigrid Ulrich mit dpa