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"Hass und Vergeltung sind nicht konstruktiv": Interview mit einem Bataclan-Überlebenden

Die schrecklichen Erlebnisse von der Nacht des 13. November verarbeitete Benjamin Vial in einem Buch.

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"Hass und Vergeltung sind nicht konstruktiv": Interview mit einem Bataclan-Überlebenden

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Zwei Jahre nach den tödlichen Anschlägen von Paris versuchen Überlebende, zu einem normales Leben zurückzufinden. Dabei kann helfen, das Erlebte niederzuschreiben. Das ist der Fall von Benjamin Vial. Der Architekt und Musiker war am 13. November mit seiner Frau im Bataclan. Sie beide entgingen dem Tod nur kanpp. Physisch wurden sie nicht verletzt, doch psychisch sieht das ganz anders aus. Ein Interview.

Sie haben gerade ein Buch mit dem Titel “Posttraumatische Ausschnitte” veröffentlicht. Dabei handelt es sich um eine schmerzhafte Niederschrift ihres langsamen Wiederauflebens. Wie geht es Ihnen heute?
Es geht mir recht gut. Aber ja, es war ein langer Weg bis ich Vertrauen in das Leben und meine Umwelt wiedergefunden habe.

Beim Lesen ihres Buches wird einem bewusst, dass ihr Blick auf die Welt sich ganz eindeutig verändert hat. Was hat ihnen geholfen, sich zu befreien? Die Musik, Freunde, die Literatur?
Es wird einem schnell klar, dass es in vielen Bereichen einen Bruch gibt und dass man diese Verbindungen zu seiner Umwelt erst wieder nach und nach aufbauen muss. Das betrifft Freunde aber auch alles andere, was uns zuvor vertraut war. Ich habe mich viel mit Freunden getroffen und ich habe viel gefeiert. Das hat mir enorm geholfen.

Sie erzählen, dass sie sich zunächst gesträubt haben, inmitten dieser Herausforderungen einen Spezialisten zu Rat zu ziehen. Wann hat es klick gemacht?
Ich hatte keine Wahl mehr. Es ging nicht mehr. Einen oder eineinhalb Monate nach den Attentaten ging gar nichts mehr. Ich hatte völlig unkontrollierte Reaktionen, irrationale Ängste und ich sah absolut keinen Ausweg, als die Ärzte aufzusuchen, die ich anfangs gesehen hatte, und von denen man mir gesagt hatte, dass ich sie nicht bräuchte.

Jedes Kapitel ihres Buches beginnt mit der Beschreibung von dschihadistischen Anschlägen, wie sie praktisch täglich in der ganzen Welt begangen werden. Wozu diese makabre Nacherzählung?
Ich habe das Gefühl, das ist etwas, das immer da war und sich im Hintergrund meines Lebens ununtebrochen auf der ganzen Welt abspielte. Es hat mir geholfen, zu relativieren, was mir zugestoßen ist, indem ich mir gesagt habe, dass ich nicht der einzige Mensch auf der Welt bin, dem so etwas passiert. Dass ich nicht alleine bin in dieser schlimmen Situation, dass so etwas nicht nur in Paris, in Frankreich, in Europa passiert, sondern dass es global ist. Das hat mir geholfen eine Art Allgemeingültigkeit zu finden. Was mir im Bataclan passiert ist… ich hätte sicherlich darüber gesprochen wenn ich an dem Tag woanders gewesen wäre.

Im Angesicht dieser Terror-Welle hätte Sie auch in den Hass und die Vergeltung verfallen können. Was hat Sie davon abgehalten?
Erstens finde ich das nicht konstruktiv. Und zweitens entspricht das einfach nicht meinem Charakter. Ich weiß nicht, wem ich die Schuld dafür geben soll. Ja, es gibt Verantwortliche. Aber wie würde mir das dabei helfen, weiterzumachen?

Sie sagen, dass es viele Dinge gibt, die Sie in diesem Buch nicht erzählt haben. Sie sprechen nicht viel von den Terroristen von Paris. Was erwarten Sie von einem eventuellen Gerichtsprozess?
Ich erwarte mir, Teile eines Puzzles zu finden. Antworten auf Fragen, die ich mir stelle und die mir dabei helfen, weiterzumachen. Ich muss sagen, ich wüsste schon gerne warum dieser Ort, warum diese Zielgruppe, dieser Tag, dieses Konzert… Ich wüsste auch gerne – und das ist pure Neugier – wie der Ablauf der Dinge war, um diese Geschichte nachvollziehen zu können.

Und Sie vertrauen auf die Justiz?
Ich lasse sie arbeiten. Ich mache mir nicht allzu viele Hoffnungen. Ich weiß es nicht.

Das Buch „Fragments post-traumatiques“ ist auf Französisch im Verlag Michalon erschienen. Das Interview führte Christophe Garach, euronews.