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Tuberkulose-Therapie - kürzer, effizienter

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Tuberkulose-Therapie - kürzer, effizienter

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Das Forschungsprojekt PANACEA versucht, die Behandlung der Infektionskrankheit zu verbesssern

Tuberkulose gehört immer noch zu den zehn Haupttodesursachen weltweit.

Meinung

Stellen Sie sich vor, wir könnten die Tuberkulose-Therapie auf drei oder vier Monate verkürzen! Was das für Kosten einsparen würde - und Zeit! Und die Patienten machen besser mit, wenn sie nur drei statt sechs Monate behandelt werden.

Martin Boeree PANACEA-Projektkoordinator

“Ich fühlte mich sehr, sehr schwach.” – “Husten, husten, immerzu musste ich husten.” -“Ich habe viel Gewicht verloren. Ich schwitzte und hatte Fieber” berichten die Patienten.

Und das sagen die Ärzte: “Es ist eine der Infektionskrankheiten, die sehr schwer zu behandeln ist.” – “Etwa ein Drittel der Bevölkerung ist latent infiziert.” – “Es ist ein sehr cleveres Bakterium. Es kann das Immunsystem des Betroffenen ausnutzen und sich selbst perfekte Bedingungen schaffen.” – “Das Ziel ist, die Welt tuberkulose-frei zu machen. Doch es liegt noch ein weiter Weg vor uns. Aber da müssen wir durch!”

Auch heute sterben noch Millionen Menschen an Tuberkulose. Laut Weltgesundheitsorganisation wurde 2016 bei mehr als zehn Millionen Menschen Tuberkulose diagnostiziert. 2015 waren rund 1,8 Milionen Menschen daran gestorben. Die Krankheit gehört immer noch zu den zehn Haupttodesursachen weltweit.

Um die Pandemie in den Griff zu bekommen, sind neue, kürzere und effizientere Behandlungsformen nötig. Und genau dies ist das Ziel des PANACEA-Forschungsprojektes, bei dem Dutzende afrikanische und europäische Wissenschaftler zusammenarbeiten. Einer der Eckpfeiler des Projektes ist das Krankenhaus für Tuberkulose-Patienten im Norden Tansanias.


Zu Hause auf der Station: Bis zu 1 1/2 Jahre Therapie


Mitten im Nirgendwo, zwischen den Ortschaften Arusha und Moshi liegt das Kibong’oto-Krankenhaus für Infektionskrankheiten. 70 Patienten mussten sich gezwungenermaßen hier im Krankenhaus häuslich einrichten – in manchen Fällen über Monate. Einige leben in völliger Isolierung, weil sie als hoch ansteckend eingeschätzt wurden. Andere warten auf der Gemeinschafts-Station auf die Behandlung, um die Tuberkulose-Bakterien abzutöten. Ein paar wurden hier mehr als einmal behandelt. Asanterabi Swai zum Beispiel: “Das erste Mal musste ich irgendwelche Tabletten schlucken. Das zweite Mal fingen sie an, mir Spritzen zu geben. Ich bekam 56 Injektionen. Jeden Tag, früh am Morgen, bekam ich eine Spritze. Und Tabletten.”

Die Standard-Behandlung ist eine Kombination aus vier verschiedenen Medikamenten. Sie dauert zwischen sechs Monaten und eineinhalb Jahren. Ein großer Eingriff in das Leben der Patienten in Tansania. Auch für Mariam Mwakaje: “Ich bin 800 Kilometer von zu Hause und meinen sechs Kindern entfernt. Aber ich kann sie jetzt nicht wiedersehen. Ich muss meine Behandlung hier fortsetzen.”

Die lange Therapiedauer begünstigt außerdem Nebenwirkungen und die Entstehung multi-resistenter Bakterien. Die Last für die Patienten, die Angehörigen und die Gesundheitssysteme ist immens. Stellah George Mpagama, Spezialistin für Infektionskrankheiten am Kibong’oto-Krankenhaus: “Die Therapie dauert sehr lang. Ein Tuberkulose-Patient bekommt natürlich finanzielle Unterstützung für den Kauf von Medikamenten. Aber das System erstattet den Patienten andere Kosten nicht. Deshalb kommen viele nicht gleich in die Krankenhäuser und nehmen die Medikamente zum Beispiel sechs Monate lang. Und dies kann zur Entwicklung medikamenten-resistenter Bakterien führen.”


Internationale Kooperation zwischen Krankenhaus und Forschung


Um die Behandlungsdauer mit den existierenden Medikamenten zu verkürzen, hat das Krankenhaus sich mit einer nahegelegenen Forschungseinrichtung zusammengetan. Hier wurden insbesondere im Rahmen des PANACEA-Projekts mit Stichproben aus dem Krankenhaus klinische Tests durchgeführt. Das Projekt steht unter der Schirmherrschaft der sogenannten Partnerschaft Europas und der Entwicklungsländer im Bereich klinischer Studien.

Die Probanden aus dem Krankenhaus in Nordtansania erhalten höhere Dosen verschiedener Moleküle, um zu testen, ob die Bakterien dadurch schneller bekämpft werden und die Patienten dies auch gut vertragen. Die Forscher untersuchen auch, wie die Medikamente sich im Körper verteilen und wie sie die Bakterien unterdrücken. Bislang ergaben die klinischen Studien zum Beispiel, dass die Verdreifachung eines der getesteten Antibiotika, Rifampicin, tatsächlich die Vernichtung der Bakterien beschleunigen kann.

Das Projekt wird koordiniert vom Radboud-Universitätsklinikum in Nijmegen in den Niederlanden. Die Häufigkeitsrate von Tuberkulose ist in Europa weit niedriger als in Afrika. Aber auch der Klinik in den Niederlanden gibt es Tuberkulose-Patienten: Ein halbes Dutzend in unterschiedlichen Stadien wird auf der Station behandelt, die wir besuchen.


Therapie über drei oder vier Monate angepeilt


Im Rahmen des PANACEA-Projektes sollen in Afrika nun weitere klinische Tests durchgeführt werden, die mit Hilfe verbesserter mikrobiologischer Marker und verbesserter statistischer Modelle entwickelt werden. Das übergreifende Ziel bleibt, die Therapie zu verkürzen. Projektkoordinator Martin Boeree, Professor am Radboud-Universitätsklinikum: “Bei all diesen Programmen versucht man, die Patienten für eine Therapie von sechs Monaten zu gewinnen. Stellen Sie sich vor, wir könnten das auf drei oder vier Monate verkürzen! Was das für Kosten einsparen würde – und Zeit! Und bei der Mitarbeit der Patienten: Normalerweise machen sie besser mit, wenn sie drei Monate behandelt werden, als wenn es sechs Monate dauert.”



Die Wissenschaftler hoffen, etwa 800 Patienten aus sechs afrikanischen Staaten als Probanden für die zweite Phase des Projektes gewinnen zu können. Wie bei den vorangegangenen Studien wollen sie erforschen, wie der Körper der Patienten auf höhere Dosen existierender Medikamente reagiert. Sie wollen aber auch die Wirksamkeit und Verträglichkeit neu entwickelter Wirkstoffe testen. Sie wollen herausfinden, welche Menge eines Medikaments beim Patienten auch wirklich ins Blut gelangt, und welche Menge im Blut bleibt.


Zwei funktionierende Röntgengeräte in einer Millionenstadt


Das PANACEA-Projekt sucht nun nach Wegen, die klinischen Studien auf die afrikanischen Länder auszuweiten, die besonders stark von Tuberkulose betroffen sind. Doch die Forschungsinfrastruktur und das Personal, das die Tests durchführen kann, sind sehr begrenzt. Tansania ist ein Vorzeigebeispiel. Ganz anders sieht es zum Beispiel in Malawi aus, einem der ärmsten Länder der Welt. Allein in der Klinik im Süden des Landes, die wir besuchten, kommen jeden Tag im Schnitt fünfzig Menschen mit eindeutigen Tuberkulose-Symptomen an.



Wie überall in Afrika ist eine HIV-Infektion einer der Hauptrisikofaktoren hier.
Tuberkulose-Bakterien können über Jahre latent im Körper sein, ohne dass die Krankheit ausbricht. Das geschwächte Immunsystem HIV-positiver Patienten hat den Tuberkulose-Bakterien nur wenig entgegenzusetzen. Cristofer Mkunga, Arzt am Ndirande Gesundheitszentrum: “Bei einem HIV-Positiven ist jeder Husten über einen längeren Zeitraum ein Anzeichen für Tuberkulose. Bei Husten in Verbindung mit Symptomen wie Gewichtsverlust oder nächtlichen Schweißausbrüchen untersuchen wir gleich, ob es sich um Tuberkulose handelt.”

Doch Malawi mangelt es immer noch an der grundlegenden medizinischen Ausstattung im Kampf gegen die Krankheit. In Blantyre, dem wirtschaftlichen Zentrum des Landes mit rund einer Million Einwohnern gibt es gerade mal zwei funktionierende Brust-Röntgengeräte. Wenn es denn Strom gibt. Abhilfe tut dringend Not. Marriott Nliwasa, Spezialist für Infektionskrankheiten an der Universität von Malawi: “Wir haben in unserem Land eine Häufigkeitsrate von rund 160 Fällen auf 100.000 Menschen. Es ist ein sehr großes Problem. Was die Krankheit in Malawi noch begünstigt, sind die Armut und die Überbevölkerung, das Zusammenleben auf engem Raum.”

Der Ausbau der klinischen und Forschungskapazitäten ist der Schlüssel, damit Malawi an regulierten klinischen Studien teilnehmen kann. Das PANACEA-Projekt wird also dazu beitragen, hier die Fachkompetenz im Bereich Tuberkulose zu steigern. Und was können sich die Betroffenen von all diesen Forschungsanstrengungen erhoffen? Maschinenführer Davie Chiwere, 47, bei dem die Krankheit im vergangenen Jahr festgestellt wurde, hofft schlicht, dass die Patienten der Zukunft nicht Dasselbe durchmachen müssen wie er: “Ich konnte ein halbes Jahr lang nicht arbeiten und bekam keinen Lohn. Meine Familie konnte nur dank der Großzügigkeit einiger Freunde überleben. Bei einer kürzeren Therapiedauer sähe das ganz anders aus.”

Die Forscher hoffen ihrerseits, mit ihrer Arbeit dazu beizutragen, dass das Ziel der Weltgesundheitsorganisation erreicht werden kann: Die Zahl der Tuberkulose-Neuerkrankungen bis 2030 um achtzig Prozent zu senken – und die der Tuberkulose-Todesfälle um neunzig Prozent.