Eilmeldung

Eilmeldung

Wim Wenders: Wir wollen nicht den einsprachigen, europäischen Film!

Sie lesen gerade:

Wim Wenders: Wir wollen nicht den einsprachigen, europäischen Film!

Schriftgrösse Aa Aa

Wim Wenders ist eine Ikone des europäischen Films, er wurde im Laufe seiner Karriere mit Preisen überhäuft: Europäischer Filmpreis, Goldener Löwe, Goldene Palme, Silberner Bär, Goldener Ehrenbär, César, Oscar-Nominierung, usw. “Paris, Texas”, “Der Himmel über Berlin” oder der Dokumentarfilm “Buena Vista Social Club” wurden Welterfolge. Der deutsche Regisseur und Mitbegründer des “Filmverlags der Autoren” ist auch Präsident der Europäischen Filmakademie, die jedes Jahr die Europäischen Filmpreise vergibt, Europas ‘Oscars’. Bei der 30. Verleihung trafen wir Wenders in Berlin.



Wolfgang Spindler, euronews:
“Herr Wenders, dreißig Jahre Europäischer Filmpreis, eine lange Geschichte, Sie waren von Anfang an mit dabei. Was ist ihr Resümee?”

Wim Wenders:
“Ging schnell. Das war ja hier in Berlin, die Mauer stand noch, unser erster polnischer Europäischer-Filmpreisträger war völlig von den Socken – Krzysztof Kieślowski – und wusste als Text nur zu sagen, ‘Ich hoffe, Polen liegt in Europa’. So weit waren wir von allem entfernt vor dreißig Jahren. Dazwischen ist viel passiert, wir haben uns ganz gut etabliert, der Europäische Filmpreis ist eine Marke geworden, und den Filmen, die das gewinnen, hilft das. Und das war das, was wir uns erhofft haben, dass er was tut für den europäischen Film und für die europäische Film-Familie, dass wir uns gegenseitig mehr als eine große Familie sehen in Europa, die zusammenarbeiten muss und zusammengehört und zusammen stärker ist als einzeln. Und das war der Sinn dieses Preises.”

euronews:
“Auf der anderen Seite, wenn man sich die europäische Filmindustrie anschaut: Wir haben tolle Filme, wir haben tolle Autorenfilme. Warum schafft es Europa nicht, auch eine Filmindustrie aufzubauen, in der man viel Geld macht, in der man dann auch die Autorenfilme stärker unterstützen kann? Warum ist das nach all den Jahren in Europa immer noch so schwierig?”



Wim Wenders:
“Weil Europa nicht Amerika ist. Und weil wir nicht einen Weltmarkt bedienen mit dem kleinsten Nenner, der möglich ist, um an alle heranzukommen. Sondern Europas Schatz ist seine Diversität. Und in jedem Land geht es anders zu, jedes Land hat seine andere Geschichte, Regionen haben ihre anderen Geschichten. Und wir wollen uns das erhalten, wir wollen nicht jetzt den großen einsprachigen, dann wahrscheinlich englischsprachigen europäischen Film, der mit Hollwood konkurieren kann – die machen das gut. Das sind nicht wir. Der berühmte Euro-Pudding, das war mal ganz am Anfang, das ist längst vorbei. Europa ist ein viel freieres Spiel von Kräften geworden. Und das ist komplex und das geht nicht mit so viel Power wie das Amerikanische – das wollen wir auch nicht.”

euronews:
“Dreißig Jahre Europäischer Filmpreis liegen hinter uns, was ist die Zukunft? Was muss getan werden?”

Wim Wenders:
“Die Filmlandschaft ändert sich gerade drastisch, die digitale Revolution geht machtvoll voran. Ich wünsche dem europäischen Film, dass er da Vorreiter wird und nicht ‘Hinterher-Reiter’. Die Art und Weise, wie Filme produziert werden, ändert sich genauso rasant wie die Rezeption. Überall da müssen wir vorne mit dabeisein und auch unsere Regierungen darauf aufmerksam machen, dass sie das alles nicht verpennen und dass sie nicht letzten Endes in dieser digitalen Revolution diejenigen sind, die drei Runden später erst nach dem Marathon im Stadion ankommen, sondern dass sie vorne mitlaufen.”

Mehr dazu cinema