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Mensch oder Roboter: Wie viele Jobs bleiben für uns übrig?

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Mensch oder Roboter: Wie viele Jobs bleiben für uns übrig?

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Maschinen und Roboter ersetzen den Menschen:Viele sehen dies als existenzielle Bedrohung einer Masse von Arbeitsplätzen an. Ein Beispiel: Sichere und effziente autonome Fahrzeuge könnten Lastwagenfahrer in kurzer Zeit überflüssig machen, Millionen Lkw-Fahrer riskieren die Arbeitslosigkeit.

Gleichzeitig finden die Menschen rund um den Globus neue Jobmöglichkeiten, oft sogar bessere, dank der kontinuierlichen Innovation in allen Industriebereichen. Die Arbeitswelt ist im Wandel – vom Nil-Tal bis zum Silicon Valley.

Beispiel Ägypten, Al-Faijum : In einer Gegend, die einst Wüste war, verschafft heute eine Kamillen-Plantage vielen Frauen ein zumindest saisonales Einkommen. Al-Faijum ist eines der ärmsten Gouvernements Ägyptens, die Arbeitslosigkeit unter den Frauen ist hoch. Die Plantage gibt hunderten Frauen einen Job, und dank neuer Technologien wächst sie. Plantagenbesitzerin Om Said erzählt uns, dass sie mit neuen Technologien mehr Ware in kürzerer Zeit liefern könne. Der Trockenvorgang brauche nun nur zwei Tage, das beschleunige die Produktion.

Während der Erntezeit werden hier rund 200 Leute beschäftigt, um bis zu 300 Tonnen Kamille zu verarbeiten. Die Pflanzen werden mit einem Sonnenkollektor getrocknet. Das Verfahren, das vor einigen Jahren von Forschern aus der Region entwickelt wurde, ist laufend noch ausgefeilt worden und hat eine Branche mit hoch und gering qualifizierten Jobs in Ägypten eröffnet. Hoch Qualifizierte wie Ingenieure und Graduierte, die am Design der Solartrockner arbeiten und deren Herstellung überwachen. Gering Qualifizierte wie die Arbeiter in der Fabrik und die Frauen, die auf dem Feld arbeiten. Deren Zahl sei drastisch gestiegen, berichtet Entwickler Wael Abdelmoez.



Arbeit in der Landwirtschaft ist auf dem Vormarsch in der Region, die lange von billigen fossilen Rohstoffen lebte. Mit sinkenden Öl-Subventionen steigt man auf Alternativen um. Laut Experten wird Ägyptens Einstieg in nachhaltigere Wirtschaft weiter Jobs, neue Technologien und Investitionen schaffen.

Aber kann technologischer Fortschritt auch das Gegenteil bewirken?

Boston, USA. Vom Massachusetts Institute of Technology und Harvard bis zu boomenden Start-ups: Die Stadt ist ganz vorn beim Umbruch hin zu Robotern und künstlicher Intelligenz.

Der kleine Roboter des Start-ups “Harvest Automation” setzt Blumentöpfe um und gruppiert sie so, dass das Wachstum der Pflanzen optimiert wird. Bislang wurde dies immer von Menschen gemacht. CEO Charlie Grinnell bekräftigt: “Das Umsetzen der Töpfe ist der schlimmste Job in der ganzen Plantage.” Dutzende Kunden des Start-ups in der Bostoner Region delegieren die Aufgabe nun an einen Roboter. Niemand habe in dieser Branche seinen Job verloren, als die Roboter aufkamen, betont Grinnell. “Jeder würde lieber eine andere Arbeit übernehmen: sich um die Pflanzen kümmern, einen Traktor fahren oder sonst etwas. Für meine Kunden ist es sogar schwierig, jemanden zu finden, der diese Aufgabe übernimmt.”

Das sagen auch die Farmer – ihre Roboter würden keine Stellen vernichten, im Gegenteil, sie hülfen ihnen, mehr Arbeitskräfte einzustellen, die lieber etwas Geistreicheres tun, als schlicht Töpfe umzudrehen.

Wie steht es aber um die Zukunft der Arbeit, wenn künstliche Intelligenz Maschinen immer mehr Fähigkeiten verschafft? Das Start-up Neurala in Boston entwickelt Software, die sich visuelle Objekte einprägt und dann wiedererkennt – so ähnlich, wie es das menschliche Gehirn tut. Wenn man dem Apparat zum Beispiel ein Bild von einer Flasche zeigt, lernt er, wie Flaschen aussehen und wird sie wiedererkennen können. Neurala-Chef Massimiliano Versace berichtet sogar: “Wir haben festgestellt, dass die Leute am liebsten ein Gehirn in diesen Robotern hätten, damit sie ähnliche Fähigkeiten wie Tiere oder Menschen haben.”

Lernende Maschinen können Aufgaben übernehmen wie die Suche nach einem vermissten Kind, die Überwachung bedrohter Tierarten oder auch die Suche nach Rost an Pipelines. Was wird dann aber aus all den Männern und Frauen, die das bislang machten? Versace sieht im künftigen Ersatz des Menschen eher eine “Befreiung”: “Die Ausgabe von Maut-Tickets an einer Autobahn sollte kein Job für einen Menschen sein. Die Überwachung einer Sicherheitskamera auch nicht. Das sollten Maschinen tun. Deshalb halte ich künstliche Intelligenz für eine befreiende Technologie. Ohne künstliche Intelligenz wäre es Sklaverei.”

“Kommission zur Zukunft der Arbeit” bei der ILO

Die Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen hat eine Kommission zur Zukunft der Arbeit eingerichtet, die die aktuellen Trends genauer untersuchen soll. Wissenschaftler und Entwickler aus den Software-Unternehmen wie die vom Runden Tisch der Harvard-Universität werden sie bei ihrer Analyse unterstützen. Etwa in der Frage, wie Technologie für künstliche Intelligenz verbreitet wird. IBM-Forschungsleiterin Sophie Vandebroek ist überzeugt: “Unternehmen, die der künstlichen Intelligenz zum Durchbruch verhelfen, werden den anderen Betrieben ermöglichen, ein besseres Ergebnis zu erzielen. Künstliche Intelligenz wird Ärzten helfen, die medizinische Betreuung individuell an die einzelnen Patienten anzupassen. Sicherheitspersonal kann damit viel schneller auf Schwachstellen im IT-Netz reagieren und vermeiden, dass dieses gehackt wird. Das kann man durch alle Branchen durchdeklinieren.”



Beim Runden Tisch in Harvard gehen Forscher und Tüftler auch der Frage nach, wer von dem Wohlstand, den die intelligenten Maschinen schaffen, profitiert. Wirtschaftsprofessor Richard Freeman von der Harvard University warnt: “Wir alle müssen diese neue Technologie besitzen, damit die Profite und Einnahmen einer breiten Masse zugutekommen, statt nur einige Milliardäre noch reicher zu machen. Denn die Besitzer werden die Gewinner sein.”



Wie wird die Gesellschaft mit der künftigen Arbeit umgehen, die ganz anders sein dürfte als das, was wir heute gewöhnt sind? Vivek Wadhwa, Professor an der Carnegie Mellow University: “Wenn wir alles haben, was wir brauchen und nicht arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen, dann wird Arbeit zum Luxus. Das kann etwas Gutes sein. Warum müssen wir arbeiten? Warum müssen wir fünfzig Stunden die Woche arbeiten, warum reichen nicht zehn Stunden? Warum haben wir heute nicht genug Zeit für Kunst, Erholung, Erhellung und Wissen?”



Die “Globale Kommission zur Zukunft der Arbeit” der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) wird ihren Bericht 2019 vorlegen.

ILO-Chef Ryder: Es gibt Grenzen beim Ersatz der menschlichen Arbeitskraft

ILO-Generaldirektor Guy Ryder:
“Ich glaube nicht, dass Maschinen und Roboter all unsere Jobs wegnehmen. Aber der Einsatz dieser neuen Technologien wird sowohl Arbeitsplätze schaffen können als auch Menschen ersetzen können. Wir müssen uns mit beiden Realitäten auseinandersetzen, jetzt, da wir uns in die sogenannte vierte industrielle Revolution hineinbegeben. Und wenn man versucht, aus der Vergangenheit zu lernen und sich die drei vorangegangenen industriellen Revolutionen ansieht, dann sieht man, dass wir nach einer Zeit der Turbulenz und Justierung immer besser dabei herauskamen als mit dem, was wir vorher hatten: mehr Jobs, besser qualifizierte Jobs, höherer Lebensstandard.
Es gab Berichte, denen zufolge bis zur Hälfte oder sogar mehr als die Hälfte der bestehenden Arbeitsplätze in den Industrieländern potenziell durch Roboter usw. ersetzt weren könnte. Sie KÖNNTE, das heißt nicht, dass sie WIRD. Denn es gibt viele beschränkende Faktoren bei diesem Ersatz der menschlichen Arbeitskraft. Einer ist die Verfügbarkeit von Technologie und Kapital, der andere schlicht die Wirtschaftlichkeit.
Wir alle sollten überzeugt sein, dass Technologie so eingesetzt werden sollte, dass sie uns hilft, gesellschaftliche Ziele zu erreichen. Unsere gesellschaftlichen Ziele sollten nicht durch technologische Anwendungen korrigiert werden.”

euronews:
“Es geht nicht nur um die entwickelten Länder. Die Arbeit verändert sich rund um den Globus. Was treibt diesen Wandel an?”

Guy Ryder:
“Ja, tatsächlich, wir sollten nicht denken, dass da nur EINE Zukunft auf alle von uns wartet. Wenn man sich zum Beispiel ein Land wie Japan ansieht: Da gibt es eine schnell alternde Bevölkerung und schrumpfende Arbeitskraft. In den Entwicklungsländern ist das ein bisschen anders: In Afrika, in Südasien, da haben wir schnell wachsende Bevölkerungen und eine sehr hohe Nachfrage an Arbeitsplätzen für junge Leute. Da sieht es beim Ersatz der Arbeitskraft durch Technologie ganz anders aus. Ein anderer Aspekt ist die ganze Frage der grünen Wirtschaft. Die Entwicklungs- und Schwellenländer können ein sehr großes Potenzial ausschöpfen, wenn sie zu einer grüneren, für die Umwelt nachhaltigeren Wirtschaft umschwenken.”