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Japan setzt auf seine Frauen

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Japan setzt auf seine Frauen

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Vor fünf Jahren hat Japans Premier Shinzo Abe versprochen, die japanische Wirtschaft anzukurbeln, und zwar mit einem ‘“Abenomics” genannten Programm. Ein Teil seiner Strategie: Frauen sind im Arbeitsmarkt unterrepräsentiert, und das, obwohl die Zahl der arbeitsfähigen Japaner sinkt. Vor allem im Management sollen erfahrene Frauen gefördert werden. Ob das Ganze funktioniert, ob es erfolgreich ist?

9.00 Uhr Morgens, vor der Arbeit bringen Eltern noch ihre Kinder in die Tagesbetreuung im Geschäftsviertel Marunouchi. Kotoe Saito arbeitet für die Mitsubishi Corporation, einer der großen globalen Konzerne Japans. Sie hat zwei Kinder, die jüngste Tochter ist ein Jahr alt. Vor zwei Monaten hat sie wieder zu arbeiten angefangen.

KOTOE SAITO ist Managerin bei der MITSUBISHI CORPORATION

„Nach dem Mutterschutz konnte ich schnell wieder arbeiten, weil die Firma für ihre Angestellten Betreuungsplätze reserviert hält. Sonst hätte ich nicht wieder arbeiten können; es ist wirklich schwierig, eine Kinderbetreuung in der Nähe meines Wohnortes zu finden.”

Mehr und mehr Firmen – wie zum Beispiel Mitsubishi – bieten Elternzeit oder Mutterschaftsurlaub, um die Rückkehr in den Arbeitsmarkt attraktiver zu machen für japanische Frauen. Sie bieten flexiblere Arbeitszeiten für junge Eltern, sie unterstützen Babysitterdienste und vieles anderes. Kotoe Saito arbeitet bei Mitsubishi in einer Strategieabteilung im Vertrieb. Sie ist Managerin, 40 Jahre alt – und sie ist eine Art Vorzeigefrau des Unternehmens. Sie hat zu Beginn ihrer Karriere im Ausland gearbeitet und dort ein Tochterunternehmen geleitet. Heute diskutiert sie mit Kolleginnen ihre Erfahrungen als arbeitende Frauen und Mütter – innerhalb einer Generation haben sich die Bedingungen sehr verändert.

MARI ISHIZUKA ist EXECUTIVE VICE PRESIDENT bei der MARUNOUCHI CAPITAL INC.

„Wir kannten nur Hausarbeit und unseren Job, ausruhen gab es nicht. Um das zu schaffen, muss die Arbeit schon befriedigend sein. Deshalb müssen die Regierung, müssen die Unternehmen Maßnahmen ergreifen, damit sich Frauen entwickeln können in ihrem Arbeitsumfeld, und unsere Firma arbeitet in diese Richtung.“

CHIAKI KONDO ist Anwältin bei der MITSUBISHI CORPORATION

„Mein Mann und ich teilen uns den Haushalt, auch die Erziehung der Kinder. Wir holen sie auch abwechselnd aus dem Kindergarten ab. Das ist heute alles selbstverständlich, und auch viel besser als früher.“

KOTOE SAITO ist verhalten optimistisch:
„Sie haben es ja im Meeting gesehen, ich lebe in einer Männerwelt, ich bin die Minderheit. Und meinen zwei Kolleginnen geht es genauso. Deshalb… für mich ist es schwer, mir eine andere Zukunft vorzustellen, aber wie auch immer, die Firma entwickelt sich in die richtige Richtung. Ich glaube nicht, dass Frauen weniger leistungsfähig sind als Männer. Deshalb wird es irgendwann mehr weibliche Manager geben, das wird so kommen.“

Die japanische Regierung will die Frauenquote bis 2020 deutlich steigern – ganz im Sinne der Mitsubishi Corporation, die auf Vielfalt und Frauen setzt, um ihr künftiges Wachstum nachhaltig bewältigen zu können.

AKIRA MURAKOSHI ist EXECUTIVE VICE PRESIDENT bei der MITSUBISHI CORPORATION:

„Verglichen mit dem Ziel, das die Regierung gesetzt hat für 2020 und auf Basis der momentanen Schätzungen werden wir knapp über 10 Prozent weibliche Manager schaffen. Zur Zeit sind über alle Unternehmensbereiche ungefähr 25 Prozent der Neueinstellungen weiblich. Ich hoffe also, das in naher Zukunft auch die Quote unter den Managern bei 25 Prozent liegen wird.“

Regierung und Unternehmen ziehen an einem Strang bei den Bemühungen, Frauen in den Arbeitsmarkt zu holen und dort auch zu halten. Ihr Anteil wächst Jahr für Jahr und ist nun fast gleich auf mit den meisten entwickelten Volkswirtschaften.

MACHIKO OSAWA ist Professorin für Geschlechterfragen und hat die Entwicklung lange beobachtet:

“Die Unternehmen brauchen Zeit, um eine Personalentwicklung für Frauen umzusetzen. Viele Frauen wollen in Führungspositionen, aber die Organisation ist noch nicht durchlässig genug. Ich denke, es braucht noch ein bißchen Zeit. Im Übrigen ist es auch eine Frage der Unternehmenskultur, die Dominanz der Männer ist immer noch sehr stark; das muss sich ändern.“

Trotzdem ist sie optimistisch, was die Entwicklung angeht:

„Doch, ich bin optimistisch. Viele junge Frauen sind besser ausgebildet, und Arbeitskräfte sind gesucht. Gerade der Dienstleistungssektor braucht weibliche Arbeitskräfte. Die Nachfrage ist da, die Frauen sind bereit – ich denke, die Dinge werden sich in die richtige Richtung entwickeln in der Zukunft.“

In Marunouchi, dem Tokioter Geschäftsviertel, sitzt Calbee, eine Firma, die Chips herstellt. Hier gibt es keine Wände, niemand hat hier einen persönlichen Arbeitsplatz, nicht mal das Management. Hier gilt absolute Gleichbehandlung der Geschlechter – und hier ist ein Viertel der Manager weiblich. Tomoko Fukuyama hier Karriere gemacht. Ihren Anspruch an sich selbst als Frau und Mutter hat sie trotzdem nicht aufgeben müssen. Heute ist sie im Topmanagement.

TOMOKO FUKUYAMA:

„Ich hatte Erfolg WEIL ich Frau und Mutter bin. Wieso? Weil ich nicht gern so viele Stunden arbeite wie Männer, und Macht interessiert mich nicht. Mir macht arbeiten Spaß, deshalb bin ich aufgestiegen.“

Welchen Rat würde sie Japanerinnen geben, um genauso erfolgreich zu werden?

TOMOKO FUKUYAMA:

„Als erstes würde ich einer arbeitenden Frau raten: pack die Gelegenheiten beim Schopf, wo immer es geht. Lehnt man eine Managementposition mit der Begründung ab, man sei noch nicht soweit – tun Sie das nicht, das ist ihre Chance! Und dann muss man flexibel und strategisch zu gleich sein, im privaten wie im beruflichen.“

Der Mann hinter der Gleichberechtigung bei Calbee ist Akira Matsumoto. Erführt die Firma seit 2009, und seitdem hat sich die Zahl der weiblichen Manager verfünffacht. Gleichzeitig ist der Umsatz um 168 Prozent gestiegen – alles Zufall?

AKIRA MATSUMOTO, CEO bei CALBEE:

„Im globalen Wettbewerb wird es immer schwerer mit den großen Konzernen mitzuhalten; wir müssen uns verändern. Ein zentraler Ansatz ist Diversität. Frauen haben uns weitergebracht, zum Beispiel in der Produktentwicklung. Früher wurden Produkte nur von Männern entwickelt, aber wer sind unsere Kunden? Hauptsächlich Frauen und Kinder, also hat uns der weibliche Blick sehr geholfen in der Produktentwicklung, im ganzen Unternehmen.“

Den Arbeitsmarkt attraktiv zu machen für Frauen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und dabei sicherstellen, dass sie Kinder haben und trotzdem Karriere machen können: langsam aber sicher ist Japan auf dem Weg, die Herausforderung zu meistern.