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Schockvideo zeigt Rattenplage in Paris

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Schockvideo zeigt Rattenplage in Paris

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Müllmänner in Paris schlagen Alarm! Immer wieder werden sie mit Horden aggressiver Nagetiere konfrontiert. Ein Horrorvideo zeigt das Ausmaß der Rattenplage in der französischen Hauptstadt. Im Interview mit "Le Parisien", der größten Pariser Boulevardzeitung, fordern die Arbeiter die Stadtverwaltung auf, zu handeln:

Ratten sind Kriegsmaschinen!

Romain Lasseur Toxikologe

Am 9. Dezember 2017 waren Müllmann David und seine Kollegen am Ufer der Seine zwischen dem Musée d'Orsay und der Pont Royal unterwegs. Als sie eine Mülltonne öffneten, erwartete sie ein Bild des Grauens: Im Inneren tummelten sich Dutzende Ratten.

"Sie sind wirklich riesig und haben immer weniger Angst vor uns", erzählt David "Le Parisien". "Es gibt eine Vielzahl an Ratten in allen Bezirken, die an die Seine grenzen." Diese "Pest" mache das Arbeitsleben zur Hölle.

Zwar würden die Mitarbeiter der Stadtvewaltung vor Jobantritt geimpft, trotzdem fürchten sie sich vor Attacken der Nagetiere und den daraus resultierenden Krankheiten. "Ein Kollege hat mir erzählt, dass ihm eine Ratte an die Kehle gesprungen ist und eine andere auf seinen Arm", so David.

Das jüngste Hochwasser der Seine befeuerte die Sorgen, dass immer mehr Nagetiere die Stadt überschwemmen. Und auch in sozialen Netzwerken wird das Rattenproblem in Paris viral.

Experten sind sich uneinig bei diesem Thema. Während einige der Meinung sind, dass dieses Tier zur Selbstregulierung fähig und für den Menschen nützlich ist, glauben andere, dass die Situation einen kritischen Punkt erreicht hat. So wie Romain Lasseur, ein Toxikologe und Spezialist für invasive Arten, mit dem euronews-Reporter Vincent Coste gesprochen hat:

euronews:

"Können Sie uns das Wesen der gemeinen Kanalratte, der "Rattus norvegicus", erklären?"

Toxikologe Romain Lasseur:

"Kanalratten sind Nagetiere mit einem Gewicht zwischen 5 und 600 Gramm. Mit nur 21 Trächtigkeitstagen sind sie Reproduktions-Weltmeister. Die Würfe reichen von 8 bis 10 Tieren. Und nach anderthalb Monaten sind die kleinen Ratten geschlechtsreif. Eine Ratte ist eine Kriegsmaschine! Normalerweise ist sie ein Fluchttier. Aber eine Ratte entwickelt ziemlich leicht aggressive Verhaltensweisen, wenn sie unter Druck gesetzt wird. Die Tiere sind in der Lage, sich an die Umgebungsbedingungen anzupassen. Ratten sind auch in der Lage, sich an die Gegenwart des Menschen anzupassen, um noch besser davon zu profitieren, was man ihnen lässt."

euronews:

"Wie kann man eine Ratten-Population abschätzen?

Toxikologe Romain Lasseur:

"Das ist sehr schwer einzuschätzen. Zum Beispiel kann eine Population mehrmals am Tag von verschiedenen Personen gezählt werden, und man weiß nicht, wie groß der tägliche Radius einer Ratte ist. Aber es ist offensichtlich, dass es in Paris mehrere Millionen Individuen gibt [Die Rattenpopulation in Paris wird auf zwei bis sechs Millionen geschätzt]. Wenn Passanten auf der Straße eine Ratte sehen, finden sie sie vielleicht niedlich, aber bei 100 Tieren auf einmal hört der Spaß auf."

euronews:

"Gibt es wirklich eine Ratten-Überbevölkerung in Paris?"

Toxikologe Romain Lasseur:

"Ja, und dieses Problem der Überbevölkerung gibt es schon seit langem. Nagetiere sind im Keller und wenn die Nahrungsressourcen knapp sind... naja, dann kommen sie hoch ans Tageslicht, sie sind opportunistisch. In Paris gibt es eindeutig eine Situation der Überbevölkerung, wie sie in anderen französischen Städten nicht zu finden ist. Es gibt wirklich eine Explosion. Immer mehr Menschen ernähren sie, indem sie Lebensmittel auf der Straße und in Parks zurücklassen. Und wenn die Tiere sich tagsüber zeigen, weil sie normalerweise nachtaktive Tiere sind, bedeutet das, dass es einen sehr starken Kampf um Nahrung gibt und sie ihr Verhalten ändern müssen. Das ist eindeutig ein Zeichen von Überbelegung."

euronews:

"Was könnten die Ursachen für diese Bevölkerungsexplosion sein?"

Toxikologe Romain Lasseur:

"Die Abfallwirtschaftspolitik ist in der französischen Hauptstadt ist bisweilen nicht konstant. Außerdem wird das Problem von den öffentlichen Diensten nicht richtig angegangen. Man will den Einsatz von Chemikalien vermeiden. Dieses urbane "Wohlwollen" führt dazu, dass man die Populationen nicht reguliert, so lange sie kein Problem darstellen. Aber wenn sie explodieren, ist es zu spät. Man verwendet keine Chemikalien, um zu vermeiden, dass Menschen und Hunde beispielsweise in Parks damit in Kontakt kommen. Natürlich ist das nett gegenüber der Bevölkerung, aber Nagetiere sind Weltmeister in der Ausbeutung der kleinsten Nische. Heute gibt es für sie keine Einschränkungen mehr. Die Winter sind weniger kalt, so dass die Sterblichkeit bei jungen Nagetieren geringer ist. Hinzu kommt eine riesige Lebensmittelverschwendung. Und diese Nahrungsressource ist nicht ausreichend geschützt, wie im Falle der öffentlichen Mülltonnen, die im Rahmen des Anti-Terror-Plans durch einfache Plastiktüten ersetzt wurden. Das nützt, um das Vorhandensein von Sprengkörpern zu erkennen, aber viel weniger zum Schutz vor Ratten. Wir vereinfachen das Ökosystem zu ihrem Vorteil."

euronews:

"Welche Risiken sind damit verbunden?"

Toxikologe Romain Lasseur:

"Experten werden als Panikmacher angesehen, da sie eine bedauerliche gesundheitliche Situation darstellen. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass diese Nagetiere Krankheitsüberträger sein können. Auch wenn in Frankreich keine ernsthaften Krankheiten zu befürchten sind, so haben wir doch alle Voraussetzungen, um eine Epidemie auszulösen, wenn man die (Krankheits)träger sich vermehren lässt. Nehmen wir die Kanalisation. Die ist ein günstiges Umfeld für das Bakterienwachstum. Und viele dieser Bakterien sind in der Lage, von Nagetieren übertragen zu werden."

euronews:

"Welches sind die besten Praktiken um die Rattenplage einzudämmem?"

Toxikologe Romain Lasseur:

"Es sollte einen koordinierten Plan zur Bekämpfung von Nagetieren geben, ohne Verwässerung zwischen den verschiedenen Diensten und bei gleichzeitiger Entpolitisierung des Problems. Das ist ein Thema, das in Paris völlig vernachlässigt wird. Seit Jahren erleben wir ein Wiederaufleben, und es sind nur Teile des Budgets verfügbar. Mit diesen "Bestien" ist es ein endloser Kampf. Wenn wir das Problem mit  Teillösungen, wie z.B. der Schließung bestimmter öffentlicher Parks durch das Anbringen von Hinweisschildern mit der Aufschrift "Achtung Rattenbekämpfung" bemänteln. Dann haben wir eine Schwelle erreicht, die nicht mehr hinnehmbar ist. Wir müssen dieses Problem umfassend angehen. Die Schlüsselfaktoren meiner Meinung sind dabei:

  • Chemikalien,
  • die Systematisierung des Kampfes während des ganzen Jahres,
  • Teams, die dieses Problem Tag für Tag mit aller Ernsthaftigkeit verfolgen. Schließlich sollten wir die Menschen, die Nagetiere füttern, gebührenpflichtig verwarnen. Aber man braucht politischen Mut bei diesem Thema. Was werden wir dagegen tun? Sollen sich Nager auf der Straße so vermehren? Wie wollen wir unser Land nach außen darstellen?"