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Wollen Sie das Nokia der Zukunft sein?

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Energieverschwendung, Klimawandel, Luftverschmutzung: Viele Gründe treiben Europa dazu, sich um die Energiewende zu bemühen. Je nach Land mit mehr oder weniger großen Erfolgen. Schweden beispielsweise bezieht inzwischen mehr als die Hälfte seiner Energie aus erneuerbaren Quellen. Deshalb läuten wir die neue Staffel von “Real Economy” in Stockholm ein. Andere Länder tun sich schwer. Wir schauten uns auch in Polen um.

Der Anteil der erneuerbaren Energien am Energieverbrauch in Europa hat sich in den vergangenen zwölf Jahren verdoppelt.

Dort, wo ich lebe, braucht man gar keine Zigaretten zu rauchen - es reicht, zu atmen. Das ist, als ob man zehn Päckchen Zigaretten am Tag raucht. Aber meine Generation will das ändern.

Szymon Wystyrk Sohn eines Ex-Kumpels in Schlesien

Jedoch: Die Energie, die in Europa verschwendet wird, würde ausreichen, um den Strombedarf aller Gebäude zu decken. Energieeffiziente Produkte könnten jeder Familie bis zu 500 Euro pro Jahr einsparen helfen.

Das Meer vor Europas Haustür könnte zehn Prozent all unseres Bedarfs decken.

Und über ein Viertel der technologischen Innovationen im Bereich erneuerbare Energien stammt von europäischen Firmen. Diese Innovationen machen es möglich, dass ein Windrad 1.500 Haushalte mit Strom versorgt. Und dass Solarenergie vom sonnigen Süden Europas zum Norden weitergeleitet wird – und umgekehrt dessen Windenergie in den Süden.



Um bei der Energiewende voranzukommen, haben die EU-Staaten Vorgaben, die sie bis 2020 erreichen müssen. Etliche sind allerdings ganz schön im Rückstand. Damon Embling untersuchte, was die Leute in Polen zurückhält. Hier seine Reportage:

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In Schlesien in Südpolen muss man nicht weit blicken, um zu erkennen, wie sehr das Land bei seiner Energiegewinnung von Kohle abhängt. Schlesien ist eine wichtige Bergbauregion. Die Kohle schafft Jobs für Generationen. Polen erzeugt achtzig Prozent seines Stroms aus Kohle. Viele Arbeitsplätze hängen daran – und auch hier tut man sich mit dem Umstieg schwer.

Marek Wystyrk, früher Kumpel, heute immer noch als Koordinator in einem Bergbauunternehmen tätig, ist zwiegespalten: “Ich finde, wir müssen unseren Kohlereichtum nutzen. Ich komme aus einer Bergbaufamilie. Aber ich weiß auch, dass wir wegen der Luftverschmutzung und des Klimawandels den Umstieg erleichtern sollten.”

Und so ermutigte Marek seinen Ältesten Szymon, sich auf erneuerbare Energien zu spezialisieren. “Die Umwelt ist mir sehr wichtig”, sagt der. “Denn dort, wo ich lebe, braucht man gar keine Zigaretten zu rauchen – es reicht, zu atmen, das ist, als ob man zehn Päckchen Zigaretten am Tag raucht. Aber meine Generation will das ändern. Wir fangen schon damit an!”


Real Economy | Energy Transition

Trotz des trüben Winterwetters nutzt das Solarfeld des Wojkowice Solarparks, gefördert vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung, das bisschen Sonnenlicht. Es wurde auf dem Gelände eines Klärwerks neben den Wasserbecken errichtet. Auch Polen kommt nicht darum herum: Bis 2020 sollen 15 Prozent des polnischen Energiebedarfs durch erneuerbare Energien gedeckt werden. 2016 waren es 11,3 Prozent.

Da das Land aber nicht von der Kohle lassen will, versuchen die polnischen Forscher, deren Nutzung umweltfreundlicher zu gestalten. Das ebenfalls von der EU geförderte Labor des Clean Coal Technology Centres (Centrum Czystych Technologii Węglowych) entwickelt Kohlevergasungs-Technologien für die Industrie. Forscher Krzysztof Kapusta: “Die Kohlevergasung ist besser als die konventionelle Verbrennung, den dadurch kann man die Umweltauswirkungen der Kohlenutzung mindern, indem man Schadstoffe wie zum Beispiel Schwefel und Quecksilber schon im Vorfeld entfernt.”

Zwischen Festhalten an der Kohle und dem Ruf nach alternativen Engergiequellen: Piotr Skubala, Professor an der Universität von Schlesien in Kattowitz, ist optimistisch: “Viele Leute sind da ganz enthusiastisch, sie fangen an, andere Formen erneuerbarer Energien zu nutzen. Wenn unsere Regierung sie in dieser Richtung Initiative ergreifen lässt, wird sich die Lage hier schnell ändern.”

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Unter den Ländern in Europa gibt es Streit über die Energiewende-Ziele für 2030: Nicht jeder bewegt sich da so schnell wie die Schweden oder hat die finanzielle Schlagkraft und die Fähigkeit, Wähler und Gewerkschaften zu überzeugen. Auch Schwedens Wirtschaft hing einst stark von fossilen Brennstoffen ab. Dort hat man Erfahrung mit Herausforderungen und Lösungen bei der Energiewende. Wir holten uns ein paar Anregungen vom schwedischen Energieminister Ibrahim Baylan.

euronews:
“Herr Minister, wir haben Sie gebeten, einen Gegenstand mitzubringen, der für Sie und Schweden für die Energiewende steht. Was ist es?”

Ibrahim Baylan:
“Ich habe Ihnen eine Badewanne mitgebracht. Ich bin im Südosten der Türkei in einem Dorf aufgewachsen. Ein Bad für die Familie – das waren in meinem Fall drei Geschwister, meine Eltern, meine Großeltern, die Familie meines Onkels – das war immer eine Herausforderung! Zu Anfang war das Wasser zu heiß, wenn man am Ende drankam, war es nicht nur kalt, sondern auch dreckig. Landet man dann in einer Gesellschaft wie Schweden – einer sehr modernen Gesellschaft, da ist das eine Kleinigkeit: Der Durchschnittsschwede badet oder duscht jeden Tag, und das warme Wasser dazu bekommt er zu rund neunzig Prozent aus erneuerbaren Energien.”

euronews:
“Aber nicht jeder in Europa kann sich das leisten, was Schweden erreicht hat!”

Ibrahim Baylan:
“Was wir in der Vergangenheit gemacht haben – ob es die Einführung der Kohlesteuer war, die Einführung vieler Maßnahmen und Anforderungen, die zu damaliger Zeit als sehr streng galten – das war, dass wir die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie, unserer Wirtschaft gesteigert haben. Kohle ist nicht mehr die billigste Variante, um Strom zu produzieren oder Energie – Sonnenenergie ist es! Dieses Jahr werden Off-Shore-Windräder ohne Subventionen gebaut werden. Die Länder, die immer noch für fossible Brennstoffe plädieren, für Kohle – die kann ich aus wirtschaftlicher Sicht nicht mehr verstehen.”

euronews:
“Vielleicht aus politischen Gründen? Wählerstimmen, Jobs, Umschulungen, die nötig werden? Meinen Sie, die haben nicht das Geld?”

Ibrahim Baylan:
“Ich denke schon. Aber man muss die Unmengen Jobs sehen, die durch die Energiewende geschaffen werden. Lassen Sie mich auf mein Beispiel mit der Badewanne zurückkommen. Schweden hat früher sehr viel Öl importiert und verbrannt. Als wir die Energiewende einläuteten, hat das offenkundig auch zehntausende Jobs auf lokaler Ebene geschaffen. Heute nutzen wir zum Beispiel Reste aus der Forstwirtschaft – damals war das Abfall. Als Politiker darf man nicht nur die Arbeitsplätze sehen, die man heute hat! Ich bin überzeugt, dass diese Jobs sowieso verloren gehen werden!”



euronews:
“Wenn Sie den Ländern, die da hinterherhinken, einen Rat geben sollten: Welcher wäre das?”

Ibrahim Baylan:
“Schauen Sie zurück auf die Geschichte. Wann wurde je ein Land mit alten Technologien weiterentwickelt, wenn neue, effizientere und in diesem Fall sauberere Technologien schon aufgekommen waren? Eines der besten Beispiele erschien vor zehn Jahren”, sagt er und hält sein iPhone hoch: “Zu der Zeit, als dieses Gerät aufkam, gab es eine Firma mit vierzig Prozent weltweitem Marktanteil. Sie glaubte nicht an dieses Gerät! Wollen Sie am Ende das iPhone sein? Oder wollen Sie in Zukunft das Nokia sein?”