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Gewalt in der Geburtshilfe: Ärzte sehen die Frau als "Gebärmutter auf Beinen"

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Gewalt in der Geburtshilfe: Ärzte sehen die Frau als "Gebärmutter auf Beinen"

Gewalt in der Geburtshilfe: Ärzte sehen die Frau als "Gebärmutter auf Beinen"
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In vielen europäischen Ländern sieht man mit Neid auf die hohe Geburtenrate in Frankreich. Von kulturellen Unterschieden ist die Rede, besserer Kinderbetreuung und Frauen, die wenige Wochen nach der Geburt wieder voll in ihren Beruf zurückkehren - ohne zu große Gewissensbisse.

Doch beim Entbinden in den Krankenhäusern werden Frauen abgefertigt wie am Fließband, meint die Juristin Marie-Hélène Lahaye. In ihrem Buch Accouchement, les femmes méritent mieux (Entbindung, Frauen haben es besser verdient) kritisiert sie den Status Quo in Frankreichs Kreißsäalen.

Sie spricht von einem fordistischen System der Standardisierung, in dem häufig überflüssige medizinische Eingriffe stattfinden, die wiederum gesundheitliche Folgen für die Patientinnen haben können. Ein Interview.

Für viele Frauen deckt sich die Realität mit den Erwartungen, die sie von der Geburt haben: Auf dem Rücken, die Beine in der Luft, mit PDA und den Ärzten um ihnen sagen, wann sie tief atmen und wann pressen sollen.

Vorstellung vs. Realität

Doch das ist lange nicht der Fall für alle werdenden Mütter, erklärt Marie-Hélène Lahaye gegenüber euronews. "Während der Geburt ist das Grundbedürfnis nach Freundlichkeit, Einfühlungsvermögen und Respekt besonders hoch. Doch stattdessen fühlen sich viele verlassen oder gedemütigt und sind zahlreichen Anweisungen und Verboten ausgesetzt.“

Wie Lahaye erklärt, halten viele Ärzte sich an Protokolle, statt auf die Bedürfnisse jeder individuellen Entbindung einzugehen. So etwa beim Öffnen des Muttermunds zu Beginn der Geburt. Laut Protokoll soll er sich mit einer Geschwindigkeit von 1 cm pro Stunde öffnen. "Ist dies nicht der Fall, werden stündlich vaginale Untersuchungen durchgeführt - eine Hebamme führt also ihre Finger in die Vagina der Frau ein. Und wenn es nicht schnell genug geht, dann wird synthetisches Oxytocin injiziert."

Laut einer aktuellen Studie des INSERM (Institut national de la santé et de la recherche médicale) wird in Frankreich mehr als der Hälfte der Frauen, die Kinder auf natürlichem Weg zur Welt bringen, das Wehen-treibende Hormon verabreicht. Allerdings gingen damit oft andere Risiken einher, so die Juristin. "Mit der Oxytocin-Injektion kommen Schmerzen, es wird eine Periduralanästhesie verabreicht und die Frauen sind gelähmt, (...)." Viele Komplikationen könnten so auftreten, wie etwa starke Blutungen und Gefahren für das Kind, die die Wahrscheinlichkeit eines Kaiserschnitts oder den Einsatz von Zange und Saugglocke erhöhe.

Ein weiteres Problem, das Lahaye in ihrem Buch anspricht, ist der ökonomische Aspekt. "Hebammen leiden unter dem System, das darauf abzielt, die Krankenhäuser rentabler zu machen. Sie rennen von einer Frau zur nächsten. Nicht selten wird eine Geburt beschleunigt, während eine andere herausgezögert wird, damit das Team dann da ist, wenn das Kind auf die Welt kommt und gleichzeitig die Kreißsäale immer belegt sind."

"Gebärmütter auf Beinen"

Für Lahaye spielt hier der Feminismus eine wichtige Rolle. Sie habe die Lage zunächst auf "fehlende Empathie" schieben wollen. Doch dann habe sie festgestellt, dass Ärzte "keine echten Wissenschaftler" seien, da sie nicht einmal die Empfehlungen der vergangenen 10, 15 oder 20 Jahre umsetzten.

"Dann wurde mir die patriarchalische Macht der Ärzte über den Körper der Frauen bewusst, und es wurde mir klar, dass wir es mit einem feministischen Thema zu tun haben."

"Die Ärzte nehmen die Frau, die heute ein Kind zur Welt bringt wahr, wie man sie im 19. Jahrhundert wahr nahm: Verletzlich, schwach, die nicht in der Lage ist zu denken, eine Gebärmutter auf Beinen, mit einer Reihe spezieller Angewohnheiten, wie etwa Hysterie."

Marie-Hélène Lahaye erinnert an eine Reihe von Gesetzen, die Frauen in Frankreich vor Gewalt schützen, etwa über das Einverständnis von Patienten, das Recht auf Information, sowie strafrechtliche Aspekte, wie die weibliche Genitalverstümmelung.

Die Bezeichnung "Gewalt in der Geburtshilfe" kommt aus Südamerika, wo die Diskussion schon vor einiger Zeit thematisiert wurde und auch im Gesetz Einhalt fand(2007 und 2009), darunter sind Mexiko, Venezuela und Argentinien.

Lahaye schlägt vor, unter anderem bei der Ausbildung junger Gynäkologen und Hebammen anzusetzen. Verglichen mit Belgien sei deren Ausbildung in Frankreich sehr viel theoretischer. "Einige wissen nicht einmal, dass es durchaus völlig normale Geburten gibt. Sie haben es noch nie erlebt."

Und wie ist die Lage anderswo in Europa?

Lahaye lobt das belgische System, wo die Engbindungsstationen kleiner und familiärer sind. Auch Geburtshäuser werden im Nachbarland immer beliebter, während sie in Frankreich noch kritisch beäugt werden.

Auch Großbritannien ist der Gesundheitssektor zwar in einer tiefen Krise, im Bereich Geburtshilfe seu das Land aber modern. Schweden ist zwar für sein famlienfreundliches Arbeitsrecht mit langem Elternurlaub bekannt, dort haben Frauen aber das Problem, dass die Krankenhäuser überfüllt sind. So kommt es offenbar häufig vor, dass werdende Mütter, die mit Wehen im Krankenhaus auftauchen von mehreren Entbindungsstationen abgelehnt werden.

In Süd- und Osteuropa sei die Geburt noch sehr "medizinisch", so Lahaye. In Polen oder Rumänien geht "das Gemeinwohls vor dem Einzelnen und damit vor den Frauen". In Griechenland sei die Situation gar paradox. Während es immer weniger staatliche Hilfen gibt, "blieb die Quote der Kaiserschnitte, die bis zu 5.000 Euro kosten - bei 40%."

Gewalt in der Geburtshilfe immer öfter thematisiert

Die Frage der geburtshilflichen Gewalt wird von Feministinnen je nach Land mehr oder weniger thematisiert. In Italien gibt es eine große Bewegung. Unter dem Stichwort Basta tacere, mit Ursprung aus einer Kampagne von 1972, und es wurde eine Beobachtungsstelle für geburtshilfliche Gewalt wurde gegründet. In Ungarn und Deutschland entstand 2016 eine Bewegung mit dem Namen Roses Revolution.

In Frankreich wurde das Thema von feministischen Persönlichkeiten und Bewegungen vorangetrieben, und 2017 in den Medien aufgegriffen. Die neue Staatssekretärin für Gleichstellung der Geschlechter Marlène Schiappa hat einen Bericht in Auftrag gegeben. Das Ergebnis wird für Mitte 2018 erwartet.