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Ost-Ghouta (Syrien) - ein neues Srebrenica?

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Ost-Ghouta (Syrien) - ein neues Srebrenica?

Ost-Ghouta (Syrien) - ein neues Srebrenica?
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Täglich bombardieren Syriens Regierungstruppen das Rebellengebiet
Ost-Ghuta. 400 000 Menschen sind dort eingeschlossen, die humanitäre
Lage ist dramatisch. Ein Ende des Leidens ist nicht abzusehen.

Das Assad-Regime habe am Donnerstag einen Wohnvorort von Damaskus mit Chlorgas angegriffen, so die „Weißhelme“ („White Helmets“), eine syrische Nichtregierungs-Zivilschutzorganisation.

Zahlreiche Zivilisten, auch Kinder, seien bei dem Angriff verletzt worden, der auf die Oppositionsstadt Duma im östlichen Distrikt Ghouta abzielte. Der UN-Sonderbeauftragte Staffan de Mistura und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel sprachen von einem Massaker.

Firas Darwisch. Weißhelm-Freiwilliger in Ost-Ghouta, vergleicht Ost-Ghouta mit dem bosnischen Srebrenica. Hier wurde die UN-Schutzzone 1995 von bosnischen Serben überrannt, die im Massaker von Srebrenica alle männlichen Personen, derer sie habhaft werden konnten, verschleppten und ermordeten - vermutlich mehr als 8.000..

Firas Darwish, Weißhelm-Freiwilliger:

"Eigentlich können wir nur hoffen, dass die internationale Gemeinschaft etwas unternimmt, um diesen Völkermord zu stoppen - das ist das neue Srebrenica - um dieses fortgesetzte Töten durch das Regime zu stoppen, unterstützt von den Russen.“

Nicht nur Aktivisten aus Ost-Ghouta, sondern auch regierungstreue syrische Medien berichten, russische Jets seien an den Angriffen beteiligt. Eine Quelle im Moskauer Verteidigungsministerium bestätigte gegenüber Medien (Zeitung „RBK“), russische Kampfflugzeuge seien über Ost-Ghouta im Einsatz. Ob sie auch Bomben abwerfen, ließ der Informant aber offen. Die Führung in Moskau weist eine Verwicklung in die Kämpfe von sich.

Der intensive Beschuss der syrischen Regierungstruppen im Osten Ghoutas hält seit Sonntag an und forderte laut einem Bericht des Syrischen Observatoriums für Menschenrechte (OSDH) das Leben von mindestens 335 Zivilisten und mehr als 1.700 Verletzte.

Dmitriy Frolovskiy, politischer Analyst, Moskau:

"Die Rebellen, die in Syrien in internen Kämpfen und Spaltungen mitmischen, haben ihre eigene Agenda, was religiöse oder ethnische Spaltungen angeht. Also meine ich, dass es sehr knifflig ist, festzustellen - wer hat da Recht und wer liegt falsch. Ich denke, wir sollten jeder Seite und ihren Interessen mehr Respekt entgegenbringen."

OST-GHOUTA

Seit 2013 belagern syrische Regierungstruppen das Gebiet, Güter kommen - wenn überhaupt - nur über Schmugglertunnel hinein. Rund 400.000 Menschen sind in Ost-Ghouta fast vollständig von der Außenwelt abgeschlossen. Wegen der Blockade sind Nahrungsmittel knapp, Strom gibt es ohnehin nicht, Benzin für Generatoren wird immer teurer.

Hilfstransporte dürfen kaum noch nach Ost-Ghouta. Vor rund einer Woche erreichte ein Konvoi die Region, der erste nach mehr als zwei Monaten. An Bord der Lastwagen waren gerade einmal Güter für 7.200 der 400.000 Menschen in dem Gebiet.

Laut dem russischen Nahostexperten Anton Mardassow, Leiter der Abteilung für Nahost-Studien am Institut für innovative Entwicklungen in Moskau gibt es dort kaum Terror-Gruppen. "Ost-Ghouta ist ein großes sunnitisch geprägtes Oppositionsviertel in der Nähe der Hauptstadt. In Wirklichkeit führen die regierungstreuen Truppen einen Einsatz gegen die moderate Opposition."

WEISSHELME

Die „Weißhelme“ sind eine private Zivilschutzorganisation von Freiwilligen in Syrien, vor allem mit westlichen Mitteln finanziert.

Nach Angaben der Organisation waren 2016 rund 2.850 Freiwillige aktiv, die in 114 Stationen in den Provinzen Aleppo, Idlib, Latakia, Hama, Homs, Damaskus, Rif Dimaschq und Daraa arbeiteten.

Der Bürgerkrieg in Syrien hatte im März 2011 mit Protesten gegen die autoritäre Regierung von Machthaber Baschar al-Assad begonnen. Die Region Ost-Ghouta gehört zu den letzten Gebieten, die noch unter Kontrolle von Rebellen stehen.

Sigrid Ulrich mit dpa