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- 20 Grad und kälter: Erderwärmung auch am Polarwinter schuld?

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- 20 Grad und kälter: Erderwärmung auch am Polarwinter schuld?

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Reuters/Antonio Bronic
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Von Erderwärmung keine Spur: Europa zittert unter der kältesten Phase dieses Winters. Im Bergland sind laut Wetterexperten bis Anfang März minus 30 Grad möglich, in der Ebene immer noch minus 20 – an einigen Tagen dürfte es in einigen Regionen selbst tagsüber nicht wärmer werden als minus 10 Grad.

Grund ist ein kräftiges Hoch über Skandinavien, so der Meteorologe Martin Bowles vom britischen Wetterdienst "Met Office, Exeter, Devon. Um dieses Hoch wirbelt die Luft im Uhrzeigersinn und schickt die Eiseskälte aus Russland und Sibirien gen Südwesten.

Allerding schicke es diese Kaltluft diesmal weiter nach Süden und Westen als sonst. Das Wetterportal wetter.de spricht deswegen auch von der "Russenpeitsche".

Laut Bowles kann diese Wetterlage, die vor allem Deutschland, Frankreich und Großbritannien betrifft, zwischen einer und zwei Wochen anhalten. Wie lange hängt davon ab, wann sich die Blockade auflöst.

"Es ist recht ungewöhnlich", gibt der Meterologe Bowles zu, "aber es bricht keine Rekorde". In Großbritannien erwarte man die kälteste Woche der vergangenen fünf Jahre. Auch 2013 schon erreichte die kalte Luft aus dem Osten die Insel.

Aufgrund des Windes werde die gefühlte Temperatur ungefähr fünf bis sechs unter den tatsächlichen Temperaturen liegen. Der Wind sei kalt und stark, ein Sturm sei aber nicht zu erwarten, so der Wissenschaftler.

Überall dort, wo der Wind über das Meer aufs Land bläst, ist auch mit Schneefall zu rechnen. Das betreffe Norddeutschland, Dänemark und Schweden.

WAS RATEN METEOROLOGEN?

"Es wird viel kälter als was wir das gewohnt sind", so der Brite Bowles. "Mein Ratschlag wäre, sich um diejenigen zu kümmern, die schwach sind - ältere oder behinderte Menschen.

NASA
DIe Wetterlage aus dem All NASA

"Das Wetter in Europa steht kopf", sagt auch Frank Böttcher, Institut für Wetter- und Klimakommunikation, Hamburg. Denn nicht nur in Norddeutschland, auch im Süden Europas müsse mit extremen Wetterbedingungen gerechnet werden. "Auch in Frankreich, Großbritannien und Teilen Spaniens wird Dauerfrost erwartet", so der Wetterexperte. Besonders fatal für obdachlose Menschen: Stellenweise werden Böen zwischen 30 und 45 Kilometern in der Stunde erreicht. Bei solchen Böen und einer gemessenen Temperatur von minus 8 Grad fühlt sich die Luft an wie etwa minus 20 Grad. Und wirkt auch so: Bei längeren Aufenthalten im Freien können ohne entsprechenden Schutz schnell Erfrierungen drohen.

ERDERWÄRMUNG

Und wenn es nach dem amerikanischen Wettermodell GFS (Global Forecast System) geht, hat das alles doch mit der Erderwärmung zu tun: Ein großes Hochdruckgebiet, das von Skandinavien bis Russland reicht, pumpt warme Luft aus Europa in die Polarregion und zieht als Ausgleich eisige Polarluft auch nach Deutschland. Erfahrungsgemäß ist so eine Druckkonstellation recht stabil. Dieses Wetterphänomen nennen Fachleute auch „Arctic Outbreak“, bei dem sich die Kaltluft quasi vom Nordpol ablöst und dann bis Europa "ausbrechen" kann.

"Die schnelle Erwärmung der Arktis beeinflusst das Wetter weiter gen Süden", so Jennifer Francis, US-Forscherin an der Rutgers University, New Brunswick, New Jersey. Francis vermutet, dass Winterausbrüche kalter arktischer Luft durch eine sich erwärmende Arktis verursacht werden, die wiederum den Jetstream schwächt. Der Jetstream, ein Streifen starken Windes in der Atmosphäre, bewegt sich entlang den Grenzen zwischen heißer und kalter Luft und bestimmt das Wetter.

Der Jetstream bezieht seine Energie aus Temperaturunterschieden. Wenn es einen großen Temperaturunterschied zwischen Nord und Süd gibt, ist der Jetstream stark und tendiert dazu, direkt von West nach Ost zu fließen. Während sich die Arktis erwärmt, vermutet Francis, dass die Verringerung der Nord-Süd-Temperaturdifferenz den Jetstream schwächt. Infolgedessen wird der Winterstrom des Jet-Streams immer wilder, so dass kalte arktische Luft weiter nach Süden vordringen kann.

Sigrid Ulrich, Alexandra Leistner mit dpa, Ana de Oliva