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"Spannender, als ein Spielfilm": 20. Doku-Festival in Thessaloniki

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"Spannender, als ein Spielfilm": 20. Doku-Festival in Thessaloniki

"Spannender, als ein Spielfilm": 20. Doku-Festival in Thessaloniki
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Ein runder Geburtstag: Das Dokumentarfilmfestival in Thessaloniki feierte in diesem Jahrsein 20-jähriges Bestehen mit einer Reihe von Sonderveranstaltungen, Ehrengästen und Hommagen – und natürlich einer großen Programmvielfalt: insgesamt 228 Beiträge aus der ganzen Welt.

Der Hauptpreis, der Goldene Alexander, ging an den Dänen Simon Lereng Wilmont für seinen bewegenden Streifen “The Distant Barking of Dogs”. Der Film begleitet ein Jahr lang einen 10-jährigen Jungen, der mit seiner Großmutter, die an der russisch-ukrainischen Grenze lebt. Die Doku erhielt außerdem den Preis der internationalen Filmkritiker- und Filmjournalisten-Vereinigung FIPRESCI.

The Distant Barking of Dogs – Trailer from Final Cut for Real on Vimeo.

Gleich zwei Beiträge wurden mit dem Sonderpreis der Jury ausgezeichnet: “Baronesa” von der Brasilianerin Juliana Antunes über Frauen den Favelas von Belo Horizonte und “Meteors” vom Türken Gürcan Keltek über eine kurdische Stadt im Osten der Türkei.

Mit Blick auf die vergangenen zwei Jahrzehnte, was wünscht sich Festivaldirektor Orestis Andreadakis für die Zukunft? “Anlässlich der 20. Jubiläumsausgabe wollten wir zeigen, dass der Dokumentarfilm ein spannendes Genre ist. Oft sogar spannender, als Spielfilme mit Schauspielern. Unser Ziel für die Zukunft ist, in Thessaloniki Dokumentationen vorzustellen, die zugleich Dramen, Komödien, Abenteuer, Thriller und Animationsstreifen sind. Filme, die zeigen, wie viele verschiedene Aspekte es in unserer Welt gibt.”

Ein Programmschwerpunkt in diesem Jahr lag auf dem Werk der experimentellen Filmemacher und Anthropologen Véréna Paravel und Lucien Castaing-Taylor, Gründer des Sensory Ethnography Lab an der Harvard University. In ihren Filmen konzentriert sich die Kamera auf das Beziehungsgewebe zwischen natürlichen Elementen, Tieren, Technologie und Mensch. Zum Beispiel in ihrem Film “Leviathan” (2012), für den sie ein Fischerboot mit zahlreichen Kameras und anderen Geräten ausstatteten, um in schwindelerregender Weise die Beziehung des Menschen zum Meer aufzuzeigen.

Véréna Paravel: “Unsere Filme sind weniger anthropozentrisch als die meisten Dokumentarstreifen und Filme im Allgemeinen. Das soll nicht heißen, dass Menschen unwichtig sind. Sie haben eine große Bedeutung, stehen aber im Gleichgewicht mit den anderen Komponenten des Universums.”

Lucien Castaing-Taylor: “Wir sind ein Teil der Welt und der Umwelt. Der Mensch hat das vergessen, deswegen sind wir dabei, die Umwelt zu zerstören. Außerdem sind wir das einzige Tier, das vergessen hat, dass es ein Tier ist. Wir halten uns für einzigartig, für eine eigene Gattung, die nichts mit der Umwelt, den anderen Arten, mit der unbelebten Welt zu tun hat. Wir hoffen, dass es uns gelingt, die Menschheit wieder mit den anderen Tieren, dem Gemüse, den Mineralien in Verbindung zu bringen.”

Leviathan, by Verena Paravel and Lucien Castaing-Taylor, Trailer Directors' Cut from Sensory Ethnography Lab and FSC on Vimeo.

Das Herzstück des Festivals in Thessaloniki ist der Filmmarkt Agora Doc Market. Mehr als 150 Branchenvertreter waren diesmal dabei. Der Markt sei wichtig, um neue Filmprojekte aus der Taufe zu heben, sagt die Leiterin Yianna Sarri: “Es lief sehr gut in diesem Jahr. Wir konnten eine stärkere Beteiligung der Industrievertreter verzeichnen, als je zuvor. Es kam zu neuen Kooperationen mit positivem Ergebnis. Es hat sich wirklich eine Menge getan. Wir hoffen, dass wir in den kommenden Jahren diese neuen Projekte nicht nur hier in Thessaloniki, sondern auch auf anderen internationalen Festivals sehen werden.”

Auch einen neuen Wettbewerb gab es diesmal, der Virtual Reality Projekten gewidmet war. Eine völlig neue Dimension, die die Festivalbesucher überraschte. “Es war ein einzigartiges Erlebnis, meine erste Erfahrung mit VR. Ich kann es immer noch nicht fassen, was ich gerade erlebt habe”.

“Das Dokumentarfilmfestival existiert bereits seit 20 Jahren. Thessaloniki hat es von Anfang an begleitet und dazu beigetragen, dass es sich von einem regionalen zu einem wichtigen europäischen Treffen für Dokumentarfilme entwickeln konnte. Die Aussichten für die Zukunft sind viel versprechend”, findet euronews-Reporter Iorgos Mitropoulos.

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