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ITB Berlin: Globaler Tourismus im digitalen Wandel

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ITB Berlin: Globaler Tourismus im digitalen Wandel

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Wir alle reisen gerne oder könnten zumindest Urlaub brauchen. Reisen beginnt heute oft schon zu Hause, mit ein paar Clicks am Laptop. Die Digitalisierung hat den Tourismus verändert. Das Entdecken neuer Ziele, die Buchung, die Planung, das Erleben vor Ort aber auch Berichte vom Erlebten nach dem Urlaub – immer mehr davon findet online statt”.

Wie verändert die digitale Revolution das Reisen und den Tourismus? Unser Reporter Sebastian Saam hat die weltweit größte Reisemesse besucht, die ITB in Berlin. Digitalisierung ist dort für die 10.000 Aussteller aus 186 Ländern eines der zentralen Themen.

Apps, soziale Medien, virtuelle Realität und 360 Grad Videos, es ist das Ende des traditionellen Reisens, wie wir es kennen. Digital ist auf Messen wie dieser ein unvermeidliches Thema geworden, egal, mit wem man spricht.

“Die ganze Welt ist heute digital“, sagt Indiens Tourismusminister Alphons Kannanthanam. “Digitales Marketing erobert die Welt im Sturm”, meint Sherin Francis von der Tourismusbehörde der Seychellen. Dr. Nitin B. Jawale vertritt den Bundesstaat Odisha an Indiens Nord-Ostküste und verspricht: “Wir haben in den digitalen Gang geschaltet”. Und auch Kasachstan unterstreicht: “Digital ist sehr wichtig. Es ist Teil unseres Lebens geworden” – so Kairat Sadvakassov von Kazakh Tourism.

Die Touristen von heute interagieren in jeder Phase ihrer Reise. Eine gute Erfahrung wird heute vor allem auch auf sozialen Netzwerken geteilt. Aber genauso eine Schlechte. Millionen von Menschen lesen und kommentieren mit.

Die Digitalisierung hat die Erwartungshaltung der Touristen verändert aber auch die Ansprüche an die Branche. Was also müssen Reiseziele tun, um mitzuhalten?

Wie kann ein tropisches Paradies wie die Sychellen, weit weg von den meisten potenziellen Kunden, die Welt auf sich aufmerksam machen? Die Inselgruppe im Indischen Ozean nutzt verstärkt digitale Kanäle. Influencer übernehmen temporär die eigenen Social-Media-Accounts.

Die nationale Tourismusbehörde sagt, dass Influencer nicht bezahlt werden. Sie können im Gegenzug die Schönheit des Landes als Kulisse nutzen um ihre eigene Follower zu beeindrucken und deren Anzahl zu vergrößern.

“Was sie für uns getan haben, nun sie haben einen Großteil ihres Traffics auf unsere Social-Media-Seite geleitet. Und wenn die Leute dort sind, bleiben sie dort. Sie sind jetzt unsere Follower und nach einer Woche geben uns die Influencer die Seite zurück”, sagt Sherin Francis, Chefin der Tourismusbehörde auf den Seychellen.

Aber auch Touristen können Werbeträger werden. Im Video zu diesem Artikel zeigen wir das Gewinnervideo eines Wettbewerbs in dem Touristen gebeten wurden ihre Erfahrungen zu filmen. Der Preis für das rumänische Sieger-Paar: Noch eine Reise zu den Seychellen, diesmal zur Präsidentenvilla auf der Nordinsel. Auch wenn mit Handys aufgenommene Touristenvideos manchmal etwas wackelig und unscharf sein können, alle Teilnehmer haben kostenloses Filmmaterial für die Seychellen produziert.

“Die Menge an Inhalten ist erstaunlich“, erklärt Francis. „Wir hätten locker 50.000 Dollar zahlen müssen, um eine Firma zu bekommen, die diese Art von Inhalten produziert. Wir haben es durch einen Wettbewerb geschafft und natürlich werden wir mehr davon machen”.

Wie integriert man die Zielgruppe? Dies ist eine der Schlüsselfragen für die Reisebranche im digitalen Zeitalter. Und je größer das potenzielle Publikum, desto größer muss man denken – wie in den Vereinigten Staaten.

“Die Menschen kleben an ihren Telefonen. Also haben wir von Apps bis hin zu Kinofilmen alles erstellt, was den Menschen hilft, sich über Reiseziele zu informieren“, so Cathy Domanico von Brand USA.

Die USA haben nicht nur eine Website oder eine Social-Media-Seite ins Leben gerufen sondern gleich ein ganz neues Connected-TV-Netzwerk namens “Go USA”. Es ist eine Quelle für On-Demand-Video-Inhalte über Reiseerlebnisse in den USA, in einzelnen Episoden oder sogar in Form von Reise-Serien. Laut Brand USA ist das Ziel, im ersten Jahr des Fernsehnetzwerks drei Millionen Aufrufe zu generieren.

Domanico gibt unserem Journalisten Sebastian Saam noch einen Selfie-Stick mit, vielleicht nicht das neueste Tool auf dem Markt, aber es ist nicht gerade so, dass es auf der ITB keine Motive gäbe für Selfies.

Nur ein paar Meter weiter ist der Stand Kasachstans, vor dem zwei Riesen von jeweils 2,05 Meter Körpergröße in traditionellen Gewändern Position bezogen haben. Zentralasiens größtes Land setzt auch auf Vermittlung seiner Geschichte und zu sehen gibt es neben Riesen auch traditionellen Tanz und eine Yurte.

Kasachstan, bemüht sich, Touristen auch durch Spiele-Apps digital zu erreichen. Es wird ein Online-Spiel starten, durch das Touristen seine 100 heiligen Orte erkunden können.

“Es wird eine App geben, mit der Sie bestimmte Währungen wie zum Beispiel Münzen erhalten. Je länger Sie mit dem Besuch dieser 100 Orte fortfahren, bekommen Sie Titel. Der höchste Titel wird Khan sein. Die Münzen, die man während der virtuellen Reise bekommt, kann man zu Geld machen, um zum Beispiel ein Upgrade auf seinen Flug zu bekommen abhängig von den Partnern die wir in diesem Programm haben werden“, so Kadvakassov.

Die App wird sowohl Inhalte enthalten, um das Spiel virtuell zu spielen, als auch Inhalte, die eng mit der geografischen Lage verbunden sein werden. Das bedeutet, dass man manches nur vor Ort entdecken kann, in den eindrucksvollen Landschaften Kasachstans.

Obwohl das Spiel vorerst eher für einheimische Gamer gedacht ist, ist Kazakh Tourism der Meinung, dass „engagement“ wie es im Branchen-Jargon heißt ein Bereich ist der noch lange nicht vollständig ausgeschöpft ist, sowohl im Inland als auch international.

Zeit, tief durchzuatmen. In einer anderen Halle mit dem großen unübersehbaren „Incredible India“-Stand sitzen zwei Messebesucher bei der Meditation. Vielleicht träumen Sie gerade von einem Urlaub in Indien, aber nur Spaß in der Sonne scheint ein Urlaub der Vergangenheit zu sein. Reisende wollen heute mehr. User-Experience, Personalisierung und Proaktivität der Angebote, das zählt heute. Reiseziele wie Indien sind sich dieser Veränderungen bewusst.

“Heute reisen die Menschen nicht nur, um zu reisen“, erklärt uns Indiens Tourismus-Minister Alphons Kannanthanam. „Menschen wollen individuelle Erfahrungen machen. Es kommt also auf eine ganze Menge Feedback an. Ich denke, das hat die Entscheidungsfindung von Menschen beeinflusst. Das trifft auf jüngere Menschen zu, aber wenn sie junge Menschen meinen, ist jeder der bis zu 60 Jahre alt ist, heute ziemlich jung.“

Unabhängig vom Alter sind die Erwartungen hoch. Der indische Bundesstaat Odisha versucht mit seinen vielfältigen Social-Media-Inhalten auf diese zu reagieren. Inhalt ist ein Schlüsselwort auf digitalen Kanälen. Reiseziele müssen so viel Inhalt wie möglich produzieren, und dies ständig.

“Unsere Präsenz ist fast in Echtzeit, wenn etwas passiert, zum Beispiel wenn wir hier auf der ITB Berlin sind. Unser Stand wurde vom Tourismusminister eröffnet. Und wir senden dann Updates in Echtzeit und so bekommen wir viele Follower“, sagt Dr. Nitin B. Jawale, der die Tourismusbehörde Odishas vertritt.

Von indischen Stränden und Tempeln zu einem Katastrophengebiet. Virtual Reality, eine Technologie, die vielleicht schon bald unser tägliches Leben verändern wird, begeistert auch die Reisebranche. Einer der Gründe: virtuelle Touren von Orten wie Tschernobyl.

“Das interessante an VR ist eigentlich, dass man selbst an Orte gehen kann, an die man eigentlich nicht unbedingt wollen würde, aber die man trotzdem irgendwie sehen will. Wie Tschernobyl zum Beispiel“, so unser Reporter Sebastian Saam, der eine VR-Brille aufgesetzt hat, mit der er direkt von der ITB aus in das einstige Katastrophengebiet eintauchen kann.

Das Projekt eines polnischen Unternehmens ist nicht nur visuell, sondern auch narrativ. Es erzählt auch über das Schicksal der beteiligten Personen. So hat die Besichtigung des Reaktors und seiner Umgebung auch etwas Lehrreiches.

Dennoch ist die virtuelle Erkundung von Orten für die Tourismusbranche vor allem auch aus einem anderen Grund immer wichtiger.

Das Stichwort hier: 360 Grad Videos, einer der Trends auf der diesjährigen ITB. Wichtig für den Tourismus wird dies beim Thema virtuelle Touren. Das heißt: das Erkunden eines potenziellen Urlaubsortes schon von zu Hause aus.
Die Besucher auf der ITB beobachten natürlich nicht nur Atomwüsten auf ihrer VR-Brille, im Gegenteil. Es sind unberührte Strände und blauer Himmel, wie in der Dominikanischen Republik. Und es scheint für einige zu funktionieren.

“Es ist schon auch interessant, weil man ja wirklich 360 Grad schaut. Man hat den Eindruck man steht da und guckt sich um, das ist schon irgendwie komisch, aber es weckt natürlich Sehnsucht, man möchte da am liebsten gleich hin“, sagt Messebesucherin Tanja Sierts, nachdem sie gerade auf einer VR-Brille Strände des karibischen Urlaubsparadieses gesehen hat.

Die Dominikanische Republik setzt für die Zukunft immer mehr auf Virtual Reality.

“Aus meiner Sicht kann ich sagen, dass dies erst der Anfang ist“, erklärt uns die in Frankfurt ansässige Petra Cruz, Direktorin des Tourismusministeriums für Europa ihres Landes.

Sarah Schatzl, Tourismus-Studentin im niederbayrischen Deggendorf sagt zu ihren Erfahrungen mit 360 Grad Videos: “Um auszusuchen wo man hinfährt ist es schon toll um einen ersten Eindruck zu bekommen. Aber das kann das Reisen natürlich nicht ersetzen”.

Digital ist überall. Aber was ist eigentlich mit Ländern, die bereits als Touristenziele etabliert sind und von allen geliebt werden? Was ist mit Bella Italia zum Beispiel? Braucht mach zwischen Bozen und Palermo das alles? Die Antwort ist: Si! Ja, sehr wohl.

“Im Tourismus ist es wichtig eine Geschichte zu erzählen“, ist sich Giovanni Bastianelli sicher. Der Chef der italienischen Tourismus-Agentur fügt hinzu: „Wichtig ist, was ein Tourist fühlt, nachdem er eine bestimmte Region besucht hat. Er sollte das Gefühl haben etwas Einzigartiges gesehen zu haben.”

Es geht um die Erzählung. Die Region Friauli Giulia Venezia lässt ihre eigenen Leute die Arbeit machen. 300 ausgewählte Autoren mit unterschiedlichem Hintergrund übernehmen das Marketing, indem sie von ihren authentischen Erfahrungen im eigenen Land erzählen. Reisende können in sozialen Medien direkt mit ihnen sprechen. Bruno Bertero, Marketing Director bei Promo Turismo der Region, nennt sie „Botschafter“ und erklärt:

“Sie schreiben über ihre Erfahrungen in drei Sprachen, Italienisch, Englisch und Deutsch. Diese werden auf einen Blog hochgeladen und an alle Facebook-Kanäle übermittelt. An unsere, aber auch an die derer, die ihre Geschichten erzählen. Dies führt zu einem großflächigen Teilen von Inhalten, dass viel mehr Menschen erreicht als klassische Werbung”.

Gastfreundschaft im Tourismus ist ein Schlüsselelement zum Erfolg. Wie sind Unterkünfte und unter welchen Bedingungen kommt man im Gastland unter? Aber hier hat das Internet auch auf den ersten Blick negative Auswirkungen auf klassische Formen der Unterbringung von Touristen. Plattformen wie Air BNB etwa haben das Geschäft auf den Kopf gestellt.

Gerade Länder wie Malaysia sind betroffen, geben sich aber gelassen.

“Air BNB ist eine Plattform, die eine immense Chance bot, auf dem Markt zu wachsen. Also wir heißen Air BNB in Malaysia willkommen, sie sind in Malaysia sehr aktiv. Es trägt nämlich tatsächlich auch in wirtschaftlicher Hinsicht zum Wachstum lokaler Kommunen bei“, hören wir von Dato Sri Abdul Khani Daud, dem Vize-Direktor vom Malaysia Tourism Promotion Board.

Malaysia sagt, es muss digitale Plattformen wie Air BNB zulassen. Immerhin empfängt das südostasiatische Land jährlich rund 27 Millionen Touristen. Viele von ihnen greifen auf alternative Wohnformen zurück, wollen das Authentische lieber als anonyme Hotels.

Ist die Digitalisierung aber wirklich global? Wie können Reisende zum Beispiel in China davon profitieren. Im Reich der Mitte funktionieren viele westliche soziale Medien gar nicht. Mit WeChat hat China zwar eine riesige Social-Media-Plattform geschaffen, die immerhin eine Milliarde User weltweit hat. Aber westliche Touristen haben damit Berührungsängste.

Regionen wie Guilin in China reagieren und passen ihre Apps, die Touristen umfassende Services bieten, entsprechend an.

Luo Jian Zhang steht dem Tourismusverband in Guilin vor und macht Hoffnung: “Unsere App entwickelte sich sehr schnell, aber sie ist bislang nur auf Chinesisch. Und in einem nächsten Schritt wird sie in Zukunft auch in englischer Sprache entwickelt, was auch ausländischen Touristen die Nutzung ermöglicht”.

Reisen nach China könnten in der Zukunft für Besucher aus dem Westen einfacher werden. Guilin gehört zu den beliebtesten Reisezielen Chinas, ist aber im Westen weitgehend unbekannt. Das soll sich jetzt ändern.
Und schließlich: Was ist mit traditionellen Marketingmethoden? Muss alles wirklich digital sein? Und: Was ist mit den Kosten? Entwarnung kommt dazu aus Bulgarien.

“Es ist nicht teuer, in das Digitale zu investieren“, sagt Bulgariens Tourismusministerin Nikolina Angelkova. „Das hat mich überrascht. Es ist sehr billig, im Vergleich zu traditionellen Werbesendungen im Fernsehen. Aber trotzdem gilt immer noch: auf jeden Fall ist die Kombination von traditionellen und digitalen Medien das Beste, in Bezug auf Werbung und Reichweite“, so Angelkova weiter.

So oder so kann es nicht nur darum gehen, unsere Ferien digital vorzubereiten, zu erleben und danach zu bewerten. Kein 360-Grad-Video kann Erfahrungen ersetzen wie die jahrhundertealte Tradition des Rosenpflückens in Bulgarien etwa.

Die Digitalisierung hat der Welt des Reisens aber mit Sicherheit viele neue Horizonte eröffnet. Und schreibt manchmal auch schöne Geschichten.

Das rumänische Paar auf den Seychellen befand sich einst auf seiner Hochzeitsreise, als es mit ein paar Handy-Aufnahmen gleich den nächsten Trip auf die Inselgruppe gewann. Es hätte für die beiden frisch Vermählten definitiv schlechter laufen können.

“Egal ob bei Ihnen demnächst eine Hochzeitsreise ansteht oder nicht und Sie dann über Nacht zum Werbeträger werden: die Digitalisierung hat Ihren aber auch meinen Urlaub nachhaltig verändert“, so das Fazit unseres Reporters Sebastian Saam.