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Brüssels Kampf gegen islamistische Radikalisierung

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Brüssels Kampf gegen islamistische Radikalisierung

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Die Große Moschee im Jubelpark ist die größte und älteste in der belgischen Hauptstadt. 1880 erbaut, verfiel das Gebäude nach dem Zweiten Weltkrieg und wurde dann in den Siebziger Jahren mit saudi-arabischem Geld renoviert und wiedereröffnet. Die Moschee und das dazugehörige Kulturzentrum wurden an eine saudische Stiftung verpachtet und von ihr autonom verwaltet. Bis vergangenen Freitag.

"Zahlreiche junge Männer, die regelmäßig in dieser Moschee zum Gottesdienst kamen, sind ins Ausland gegangen und haben sich als Freiwillige Daesh angeschlossen.

Sie sind in dieser Moschee entweder ausgeblidet oder angeworben worden", so der Abgeordnete des Föderalparlaments Georges Dallemagne, stellvertretender Vorsitzender des parlamemtarischen Untersuchungsausschusses, der sich mit den Terroranschlägen in Brüssel von vor zwei Jahren befasste. "Man muss dazu sagen, dass dies nicht die eizige salafistische Moschee in Brüssel ist, es gibt da auch noch etwa die Lokman Moschee in Molenbeek, die auch eng mit der Großen Moschee verbunden war, und die die Attentäter der Brüsseler Anschläge frequentierten."

Am vergangenen Freitag hat die belgische Regierung den Pachtvertrag mit den Saudis aufgelöst, und will die Moschee nun, zusammen mit dem gemäßigten Rat belgischer Muslime selbst finanzieren und verwalten. Der Direktor des Kulutrzentrum, Tamer Abu El Saod, weist die Anschudigungen salafistischer Tendenzen zurück. Gegenüber Euronews erklärte er:

"Wir verbreiten hier kein radikales salafistisches Gedankengut.

Alle Predigten werden im Vorhinein geschrieben und dann von unserem internen Ausschuss diskutiert, geprüft und gegebenenfalls redigiert, bevor sie dann am Freitag gehalten werden."

Der parlamentarische Untersuchungsausschuss, der sich mit den Brüsseler Terroranschlägen befasste, kam zu anderen Schlüssen und hat der Regierung die Maßnahmen empfohlen, die jetzt ergriffen wurden.

Michaël Dantinne ist Professor für Kriminologie an der Universität Lüttich, und hat als Experte in diesem Untersuchungsausschuss mitgewirkt. Unser Korrespondent Aissa Boukanoun hat sich mit ihm unterhalten.

Euronews:

Herr Professor, Belgien wurde am 22. März 2016 zum Ziel tödlicher Terrorattacken. Die Regierung hat daraufhin eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, aber keinen Ausnahmezustand verhängt. Warum nicht?

Dantinne:

Das hatte zunächst symbolische Bedeutung. Man wollte dem Prinzip treu bleiben, Angriffe auf die demokratische Gesellschaft nicht mit Mitteln zu bekämpfen, die die Demokratie und die Freiheit einschränken. Ich halte das auch für gut so.

Euronews:

Am vergangenen Freitag hat die belgische Regierung verkündet, die Große Moschee in Brüssel unter direkte Aufsicht zu stellen. Will man einen genuin belgischen Islam schaffen?

Dantinne:

Auch hier spielt die Symbolik zunächst eine große Rolle. Man ist zur Überzeugung gelangt, dass hier wahabi-salafistische Predigten gehalten werden, in einer Moschee die ja dem belgischen Staat gehört, auf belgischem Boden steht. Zumindest hier will man also in der Tat einen belgischen Islam entwickeln, was das bedeuten soll, ist aber noch nicht so klar.

Außer natürlich, dass sich auch belgische Muslime an belgisches Recht halten müssen, und nicht etwa sogennantem göttlichen Recht das Primat einräumen. Denn das steckt ja hinter den radikalen Versionen, dass sie das propagieren.

Ein belgischer Islam ist also zunächst einmal einer, der belgisches Recht anerkennt.

Euronews:

Die Rekrutierung durch dschihadistische Ideologen spielt sich laut dem Bericht des Untersuchungsauschusses auf mehreren Ebenen ab: in den Gefänfgnissen, in den Moscheen und in den Sozialen Netzwerken. Was ist Typische an einer solchen Anwerbung?

Dantinne:

Da kommen mehrere Elemente zusammen. Zunächst einmal muss der Angeworbene offen für die Botschaft sein. Dann muss die Botschaft effektiv verkündet werden, das hat Daesh ja perfektioniert, ebenso wie den Aspekt, dass der Verkünder der Botschaft ein gewisses Charisma haben muss. Das muss nicht gleich eine global bedeutende Figur wie bin Laden sein, aber doch jemand, der Respekt einflößt, und das kann durchaus jemand aus der Nachbarschaft sein. Wenn diese Element zusammenkommen, dann wird die Rekrutierung Erfolg haben.

Euronews:

Das Phänomen der aus Kriegsgebieten rückkehrenden Dschihadisten ist ja für unsere Gesellschaft sehr bedrohlich. Kann man sich je sicher sein, dass sie es ernst meinen, wenn sie angeben, sich vom Dschihadismus abgewendet zu haben?

Dantinne:

Das ist eine sehr wichtige Frage, auf die es keine einfach Antwort gibt. In Frankreich können wir beobachten, dass den Aussagen von angeblich geläuterten Rückkehrern viel Glauben geschenkt wird, mehr als den Verlautbarungen der Regierung. Da ist es sehr wichtig sicher zu sein, dass diese Rückkehrer kein doppeltes Speil betreiben und unter der Hand weiter rekrutieren. Diese Gefahr lässt sich nicht hunderprozentig ausschließen, und wir tun gut daran, da stets wachsam zu sein und Vorsicht walten zu lassen.