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Ein einsames Mahnmal der zivilen Gesellschaft Rumäniens: Doinea Cornea (88†)

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Ein einsames Mahnmal der zivilen Gesellschaft Rumäniens: Doinea Cornea (88†)

Ein einsames Mahnmal der zivilen Gesellschaft Rumäniens: Doinea Cornea (88†)
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Constantin Barbu Wikimedia Constantin Barbuhttps://commons.wikimedia.org/wiki/File:Brasov,_Piata_Sfatului.jpg
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"Sie hat uns alle vor Europa und der ganzen Welt vertreten", schreibt die rumänische Dichterin Ana Blandiana zum Tod der mutigsten Kämpferin gegen die Diktatur Nicolae Ceaușescus und gegen den Kommunismus. Sie habe, allein, die rumänische Zivilgesellschaft in einer Zeit verkörpert, als man dort diesen Begriff noch gar nicht kannte. Es mangelt nicht an Bekundungen der Trauer und Betroffenheit über den Tod Doina Corneas, die im Alter von 88 Jahren im siebenbürgischen Klausenburg (Cluj) gestorben ist. Zeit ihres Lebens erfuhr sie kaum Solidarität und Wertschätzung. Weil sie nach dem Sturz des Diktators den gewendeten Staatspräsidenten Ion Iliescu kritisierte, erhob die Staatsanwaltschaft 1993 Anklage gegen sie. Cornea entging schließlich einem Verfahren, weil man einen internationalen Skandal befürchtete. Doch die Hetzkampagnen der Medien und Drohungen bewirkten, dass ihre Stimme im öffentlichen Leben bald nicht mehr zu vernehmen war.

1982 gelang es der Französischlehrerin und Literaturdozentin, einen Brief außer Landes zu schmuggeln, den der Rundfunk "Radio Freies Europa" öffentlich machte und in dem sie vor dem geistigen Niedergang und der Isolierung ihres Landes warnte. Für Hunderttausende war der damals in München ansässige Sender die einzige kritische Stimme und Informationsquelle. Obwohl Cornea überwacht und wenig später auch ihrer Stelle enthoben wurde, schickte sie bis 1989 mehr als 30 Schreiben an "Radio Freies Europa", in denen sie die Zerstörung von Kirchen und Dörfern sowie die Politik des Ceaușescu-Clans anprangerte, der die 20-Millionen-Bevölkerung zu Armut, Hunger und Kälte verdammte. Weil sie sich 1987 mit den aufständischen Arbeitern im siebenbürgischen Kronstadt (Brașov) solidarisierte, wurde Cornea für mehrere Wochen verhaftet, verhört und auch geschlagen. Bis zum Sturz der Diktatur Ende Dezember 1989 stand sie unter Hausarrest.

"Mein Kampf richtete sich im Grunde nicht gegen Ceaușescu", sagte sie einmal in einem Interview, "sondern gegen den Kommunismus als soziale Ordnung. Ceaușescu war nichts als die Verkörperung dieses Systems." Doina Cornea war eine der wenigen Symbolfiguren des Widerstands. Während in Ungarn oder in der damaligen Tschechoslowakei zahlreiche Schriftsteller und Intellektuelle in deutlicher Gegnerschaft zu den jeweiligen Regimes standen, während sich in Polen sogar eine freie Gewerkschaft durchgesetzt hatte, gab es in Rumänien keine Opposition. Obwohl Doina Cornea für Millionen Rumänen die Stimme der Freiheit war, ließen sich die Gegner der Diktatur beinahe an den Fingern einer Hand abzählen. Dass die Diktatur brutaler als andere war, ist nur eine Hälfte der Wahrheit. Die andere ist Angepasstheit, Schicksalsergebenheit, Feigheit. Der bekannte rumänische Intellektuelle Andrei Pleșu merkt im Zusammenhang mit der Verstorbenen ironisch an, sie habe Zeit ihres Lebens nicht die verdiente Anerkennung erfahren, doch "die Rumänen haben eine besondere Begabung für Totenfeiern." Der Tod Doinea Corneas könnte ein Anlass nicht nur zur Scham, sondern auch der Ermutigung für die zivile Gesellschaft sein.