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Das Konzept der Konvergenz

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Das Konzept der Konvergenz

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Wussten Sie, dass alle EU-Länder vier Beitrittskriterien erfüllen müssen, um sich dem Euro-Währungsgebiet anzuschließen? Aber eine wichtige Lehre aus der Finanzkrise ist, dass man nicht aufhören kann, eine starke Wirtschaftspolitik zu betreiben, wenn man erstmal dem Euroclub beigetreten ist. Man muss damit weitermachen, damit Volkswirtwirtschaften nachhaltig und wirklich zusammenwachsen - dann kann ein Land mit niedrigem Einkommen wirklich zu reicheren Ländern aufschließen.

Darum geht es in dieser Woche bei Real Economy mit Euronews’ Maithreyi Seetharaman.

Wie Autofahrer bei einem Rennen müssen Länder, die dem Euro-Club beitreten wollen, die Maastrichter Konvergenzkriterien erfüllen. Auch als Mitglied müssen sie sich weiter anstrengen, um mit starken Rennfahrern mithalten bzw. aufschließen zu können. Länder mit niedrigem Einkommen müssen sich rekonstruieren und ihr Bruttoinlandsprodukt erhöhen, um im Wettlauf mit reicheren Ländern mithalten zu können. Dafür müssen schwache Institutionen und das Staatsmanagement überarbeitet werden, um den soliden Institutionen reicherer Länder mitzuhalten. Damit nähert man den Lebensstandard der Bürger an den anderer Clubmitglieder an. Auch die Produktivität der Boxencrew bzw. der Arbeitskräfte muss steigen, damit die Wirtschaft des Landes wettbewerbsfähig wird. Das hält die Inflation unter Kontrolle halten und fungiert wie eine Art Stoßdämpfer, die das Beitrittsland und den Euroclub Krisen bestehen lassen.

Portugal ist ein gutes Beispiel für die Herausforderungen einer echten Konvergenz. Nachdem die Wirtschaft des Landes während der Finanzkrise fast bankrott ging, wächst sie jetzt stärker als der EU-Durchschnitt. Das BIP pro-Kopf liegt allerdings noch immer unter dem Niveau vor der Krise. Portugal muss also etwas für die Produktivität tun, um wirklich Anschluss an reichere Länder der Eurozone zu finden.

Obwohl Portugal eine der EU-Nationen mit den längsten Arbeitszeiten ist, liegt die Produktivität der portugiesischen Arbeitnehmer unter dem Durchschnitt der 28 EU-Länder. Dieses Paradoxon brachte einen Konvergenzprozess, der in den 1950er-Jahren begann Mitte der 1990er-Jahre zum Stillstand.

Prof. Ricardo Pinheiro Alves, Direktor des Kabinetts für Strategie und Forschung beim Wirtschaftsministerium erklärt: "Für Unternehmen war es rentabler, in nicht exportorientierte Industriezweige zu investieren. Natürlich gibt es auch strukturelle Erklärungen: Im Durchschnitt ist die portugiesische Bevölkerung weniger ausgebildet als die anderer europäischer Länder. Wir müssen besser arbeiten, wir müssen größere Unternehmen haben, damit sich Technologien und die Kompetenzen auf die gesamte Wirtschaft auswirken."

Fast ein Viertel der Portugiesen hat keinen Universitätsabschluss. Der Mangel an Kompetenzen, insbesonders im digitalen Bereich, hindert das Land daran, die Chancen der modernen Wirtschaft voll auszuschöpfen. Eine Situation, die sich durch die Krise noch verschärft hat.

Dazu Raúl Cordeiro, Direktor der Trainingseinheit bei Cinel: "Vor 2008/2009 waren die meisten unserer Studenten, etwa 80 Prozent, jüngere Menschen wie diese hier. Aber nach der Krise hat sich das vollkommen verändert, die meisten unserer Auszubildenden sind ältere Menschen. Sie müssen dazu lernen, um Arbeit zu finden."

Etwa jeder Fünfte der gut ausgebildeten Portugiesen hat das Land während der Krise verlassen. Für Portugal ist es daher wichtig, eigene Kompetenzen zu entwickeln. Eine Strategie, die sich auszahlt, wie das Beispiel des französischen Technologieunternehmen Altran zeigt, das ein neues Wissenszentrum in Porto eröffnete: "Wir investieren in Portugal, um für unsere internationalen Kunden ein Angebot aufzubauen. Wir schicken keine Portugiesen in diese Länder, sondern verlagern Projekte nach Portugal, um sie von portugiesischen Talenten bearbeiten zu lassen", so Rodrigo Maia.

Im vergangenen Jahr startete die portugiesische Regierung InCode2030, eine nationale Initiative zur Stärkung der digitalen Kompetenz. Das südeuropäische Land hofft, damit Wirtschaft und Gesellschaft ins digitale Zeitalter zu führen, um endlich zu den wohlhabenderen Nachbarn aufzuschließen.

Aber können Bürger von Ländern wie Portugal wirklich zu reichen Nachbarn aufschließen? Dazu führten wir ein Interview mit dem Europa-Chef des Internationalen Währungsfonds Jeffrey Franks:

Euronews-Reporterin Maithreyi Seetharaman: Jeffery, was haben Sie mitgebracht, um zu zeigen, was 'Konvergenz' für Sie bedeutet?

IWF-Europachef Jeffrey Franks: Ich habe viel darüber nachgedacht und mich entschlossen, ein Buch über Kunst mitzubringen. Im 15. Jahrhundert entdeckte der Künstler Brunelleschi, wie man zweidimensionalen Gemälden eine räumliche Perspektive geben kann, man wählt einen Punkt im Gemälde aus, einen Fluchtpunkt, auf den alle Objekte im Bild zulaufen. Da wir ja das Thema Konvergenz haben, habe ich eine Abbildung eines berühmten Gemäldes von Raphael aus dem Vatikan mitgebracht, das Fresko 'Die Schule von Athen'. Hier kann man gut sehen, dass alle Linien auf Sokrates und Platon zulaufen. Auf die Wirtschaft übertragen bedeutet das, dass sich die Menschen, die den Euro als gemeinsame Währung einführten, sich für die Zukunft vorstellten, wie Volkswirtschaften zusammenwachsen.

Maithrey Seetharaman: In den vergangenen Jahren hat sich die Wohlstandsschere wie selten zuvor geöffnet. Was ist in den vergangenen zehn Jahren passiert?

Jeffrey Franks: Es gab eine Konvergenzphase in den 60er-Jahren, und eine weitere in den 90er-Jahren bis zur Einführung des Euro. Während der letzten Krise gab es dann erhebliche Divergenzen, d. h. einige Länder waren viel stärker von der Krise betroffen und erholten sich viel langsamer, andere zeigten eine robuste Entwicklung während der Krise. Wir Ökonomen sprechen gerne von drei Hauptquellen des Wachstums: Arbeit bedeutet, dass Sie mehr Arbeitskräfte haben. Nun, die Bevölkerung in Europa beginnt zu schrumpfen, so dass es künftig nicht mehr Arbeitskräfte geben wird. Die zweite Quelle sind die Investitionen, die sich in Europa erholen, aber immer noch unter dem Höchststand vor der Krise liegen. Die dritte Quelle ist die Produktivität - Können wir Maschinen und Arbeitskräfte effizienter produzieren lassen? Das wird der Schlüssel sein.

Maithrey Seetharaman: Wenn man als EU-Bürger die Wirtschaft seines Landes in den vergangenen zehn Jahren beobachtet, kann man sich fragen, ob die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion die Divergenzen nicht mitverursacht haben. Gab es Schwachstellen?

Jeffrey Franks: Sicherlich haben wir nach der Krise erkannt, dass es fehlende Bereiche bei der Währungsunion gab. Das heißt, wir haben eine Währung und eine gemeinsame Geldpolitik, aber es gab keine Bankenunion. Jetzt haben wir eine Bankenunion, sie ist nicht ganz vollständig, aber wir haben bedeutende Fortschritte gemacht. Es wird an einer Kapitalmarktunion gearbeitet, und es wird sogar über eine mögliche gemeinsame Steuerkapazität in der Zukunft diskutiert.

Maithrey Seetharaman: Sie sagten, dass es auf das Einkommen ankommt. Wie können wir das generieren und angleichen?

Jeffrey Franks: Die Arten von Wirtschaftsreformen, die zu einem höheren Produktivitätswachstum führen können, sollten absolute Priorität haben, wenn man eine größere Einkommenskonvergenz anstrebt. Diese Reformen müssen nicht notwendigerweise in jedem Land gleich sein. In einigen Ländern ist es vielleicht so, dass die Produktmärkte zu starr sind. In anderen Gegenden kann es Probleme auf dem Arbeitsmarkt geben, die angegangen werden müssen. In weiteren Ländern kann es notwendig sein, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung zu erhöhen, es gibt also auf das jeweilige Land individuell zugeschnittene Antworten. Meiner Meinung nach werden verantwortungsbewusste Politiker auf das letzte Jahrzehnt zurückblicken und ankündigen, dass es einige Dinge gibt, Lektionen, die man lernen muss. Das sind nicht nur Lektionen für Europa, sondern auch Lektionen für einzelne Länder, wie man eine bessere Arbeit leisten kann, um die nächste Krise zu vermeiden bzw. die nächste Krise abzufedern und sicherlich den Wachstumstrend mit der Zeit zu verbessern."

REAL ECONOMY | CONVERGENCE