Eilmeldung

Eilmeldung

"Ich werde mit meinen Kindern auf der Straße landen"

Sie lesen gerade:

"Ich werde mit meinen Kindern auf der Straße landen"

"Ich werde mit meinen Kindern auf der Straße landen"
Schriftgrösse Aa Aa

Wir treffen Dejan Petrovic, seine Frau, seine Kinder und sein neugeborenes Baby außerhalb eines strahlend gelb gestrichenen Container-Lagers für abgelehnte Asylbewerber im Industriegebiet Manching (bei Ingolstadt). Vor Jahren kam Petrovic von Serbien nach Bayern, lernte Deutsch, arbeitete, zahlte Steuern, schickte seine Kinder auf die Schule. Doch in wenigen Tagen muss die Familie Deutschland verlassen. Der Gesetzgeber, die Ausländerbehörden und das Landratsamt wollen es so. Herr Petrovic ist wütend, er fühlt sich missverstanden, hat er doch in den vergangenen Jahren alles getan, um sich und seine Familie in die bayerische Gesellschaft zu integrieren, erläutert er Euronews-Reporter Hans von der Brelie im Schatten eines provisorischen Zeltes. Allerdings gibt es für Migranten aus Westbalkanstaaten mittlerweile kaum noch Aussichten auf Asyl in Deutschland.

Euronews:

Herr Petrovic, in wenigen Tagen müssen Sie Deutschland verlassen. Warum?

Dejan Petrovic:

Ich bin auf mich allein gestellt nach Deutschland gekommen. Ich habe ganz alleine einen Job gefunden. Ich habe selbstständig - ohne offiziellen Sprachkurs - die deutsche Sprache erlernt. Ich habe alleine eine Wohnung gesucht und gefunden, in Geisenhausen (Bayern). Ich habe gearbeitet. Ich habe jeden Monat tausend oder 1200 Euro ausgegeben für die Sachen, die zum ganz normalen Leben mit dazugehören (Steuern, Müllabfuhr, Strom, Wasser, Miete, Gebühren und so weiter). Ich habe den deutschen Führerschein gemacht. Meine Integration ist besser als die Integration anderer Leute hier, die vielleicht schon zehn Jahre lang hier leben und noch immer nicht integriert sind. Aber wenn ich das als Argument (bei den Behörden) vorbringe, dann will es niemand hören. - Als ich dann nach zwei Jahren Arbeit meinen ersten Job gekündigt habe, hat sofort das Landratsamt angerufen und hat mir gesagt: Du musst raus (aus Deutschland). Ich habe zurückgefragt: Warum muss ich raus? Normalerweise müsste ich Arbeitslosengeld erhalten (schließlich habe ich ja zuvor auch in die Sozialkassen eingezahlt). (...) Aber das Amt hat mir nur gesagt: Nein - und wollte mir auch keine Arbeitserlaubnis mehr ausstellen. Begründet wurde das mit einem Gesetz für Leute, die zuvor noch nie in Deutschland waren. Was ist denn das für ein Gesetz? Wieso soll ein und dasselbe Gesetz für zwei völlig verschiedene Situationen gelten, also gleichermaßen für Leute, die ohne Visum erstmals nach Deutschland kommen und für Leute wie mich, die hier Leben und gut integriert sind? So eine Situation hat es ja noch nirgendwo in Europa gegeben, was denken die sich nur dabei? Das ist alles nur Politik. Sonst nichts.

Euronews:

Sie fühlen sich im Vergleich zu anderen Gruppen von Migranten und Geflüchteten benachteiligt?

Dejan Petrovic:

Es sieht so aus, als ob einige Leute, einige Nationalitäten besonders willkommen sind in Deutschland. Aber diese Leute arbeiten nicht, die sitzen herum, zwei Jahre, drei Jahre, vier Jahre lang. Deren Integration tendiert gegen Null. Und zu Leuten wie mir, also zu Leuten, die Steuern zahlen, sagt man: Du gehst raus... Was soll das? Das ist Politik. Die eine Nationalität: Ja. Die andere Nationalität: Nein. Und warum heißt es bei Serbien immer nein? Warum positioniert sich Deutschland immer gegen Serbien? Warum? Was haben wir gewöhnliche Menschen mit dieser Politik zu tun? Nichts. Politik ist was für die Präsidenten, nicht für die Normalbürger. Und dann hier (in Manching/Ingolstadt), dieses spezielle Zentrum (Container-Lager für abgelehnte Asylbewerber) ist wirklich komisch (seltsam). So etwas gibt es nirgendwo sonst. Das ist extrem merkwürdig (dieses Containerlager).

Euronews:

Sie haben ein Kind, das wurde hier geboren. Sie haben ein weiteres Kind, das hier zur Schule ging. Wie ist denn die Situation in diesem Lager, was die Kinder und die Schulpflicht betrifft?

Dejan Petrovic:

Mein Kind ist ab dem Kindergarten in eine ganz normale Schule, eine Regelschule hier in Deutschland gegangen. Momentan geht es nicht in die Schule. Obwohl das Gesetz sagt: Ja. (...) Hier (in diesem Manchinger Containerlager) gibt es nur eine seltsame Schule, das ist eine Schule für Leute, die erstmals nach Deutschland kommen, nicht für Kinder (wie meine), die perfekt Deutsch sprechen. Das geht nicht. Für mich ist das keine Schule. Und jetzt müssen auch diese Kinder Deutschland verlassen. Auch mein Baby, vier Monate nach der Geburt muss es raus aus Deutschland. Zu dem Zeitpunkt, zu dem wir - meine Frau und ich - uns entschlossen haben, das Kind in die Welt zu setzen, zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch Arbeit und ich habe auch alle meine Steuern hier in Deutschland gezahlt. Auch deshalb (aufgrund dieser gesicherten Verhältnisse) haben wir uns entschlossen, ein weiteres Kind zu bekommen. Unser Plan war nicht, ein Kind in die Welt zu setzen und dann damit aus Deutschland abgeschoben zu werden. Wohin sollen wir denn in Serbien gehen? Als ich nach Deutschland gezogen bin, habe ich meine Wohnung dort in Serbien verkauft. Wenn ich zurückmuss nach Serbien, lande ich mit meinen Kindern auf der Straße.

Euronews:

Kennen Sie noch Menschen in Serbien? Haben die Kinder noch Freunde dort? Gibt es für Sie die Möglichkeit, dort in Serbien eine Arbeit, eine Wohnung zu finden?

Dejan Petrovic:

Nein. Wir haben keine Freunde mehr dort in Serbien. Auch meine Kinder nicht. Die haben ihre Freunde hier im deutschen Kindergarten. Meine Kinder sprechen zwar die serbische Sprache, das schon, aber sie können nicht schreiben, schließlich ist das auf kyrillisch, das haben meine Kinder nie gelernt, diese Schrift. Meine Tochter müsste jetzt eigentlich in die fünfte Klasse kommen (hier in Deutschland), in Serbien wird sie wohl in die erste Klasse gehen müssen. So etwas sollte es in Europa nicht geben.

Euronews:

Herr Petrovic, wie ist denn Ihre Situation und die Situation Ihrer Kinder? Wer ist verantwortlich für die schwierige Situation, in der Sie sich heute befinden?

Dejan Petrovic:

Ich mache die bayerische Politik hierfür verantwortlich, insbesondere die Politik der CSU. (...) Die Politik hat das Problem verursacht, da wird heute ein neues Gesetz geschrieben und am nächsten Tag wird es schon umgesetzt. (...) Meine heutige Situation? Und die meiner Familie? In zehn Tagen muss ich aus Deutschland raus. Ich komme dann in ein Land, in dem ich seit fünf oder sechs Jahren nicht mehr war. Was bedeutet dieses Land für mich? Nichts mehr. Ich habe dort (in Serbien) keinen Job, keine Freunde, nichts. (...) Meine Kinder werden auf der Straße landen in einem Land, in dem sie keine Freunde haben, wo sie in der Schule keinen Erfolg haben werden, wo sie das Alphabet nicht beherrschen und nicht schreiben können... Meine Kinder werden viel Zeit brauchen, um sich zu integrieren - und damit meine ich Serbien. Wenn ich einem meiner Kinder heute sagen würde: Du bist ein Serbe, dann würden die mir sofort antworten: Ich bin ein Deutscher. (...)

Euronews:

Sind Sie ärgerlich, wütend?

Dejan Petrovic:

Ja. Was soll das alles? Ich habe hart gearbeitet. Ich habe immer meine Steuern (hier in Deutschland) bezahlt. Ich habe ein ganz normales Leben gelebt. Die Patenschaft für meine Kinder hat eine deutsche Frau übernommen. Wir sind eine katholische Familie. In Serbien leben kaum Katholiken. Meine Familie stammt ursprünglich aus Rumänien, geboren bin ich in Serbien, meine gesamte Familie ist katholisch. Jetzt lebe ich in Deutschland, in einem katholischen Land (Bayern). Auch meine Kinder sind Katholiken. Jetzt werden sie nur noch fünf oder zehn Tage lang in diesem katholischen Land leben können. Mein Baby ist in diesem katholischen (Bayern) geboren. Jetzt soll es nach Serbien. Aber für mein Baby ist Serbien nicht die Heimat. Die Heimat meines neugeborenen Kindes ist Deutschland. Und nur diese extrem-bayerische Politik hat meine Familie in diese Situation gebracht, nicht, weil wir mit dem deutschen Gesetz in Konflikt gekommen wären, nein, sondern nur, weil es momentan dieses Politikum hier in Bayern gibt.