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Griechenland: Auf zu neuen Ufern

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Griechenland: Auf zu neuen Ufern

Griechenland: Auf zu neuen Ufern
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Dieser Blick auf die Ruinen des antiken Griechenlands ist zum Symbol für die himmelhohe Verschuldung des Landes geworden, mit mehreren Hilfspaketen, 450 Reformen, 4 Regierungen in 8 Jahren und unvorstellbaren Sparmaßnahmen. Langsam, und trotz der Rückzahlungen an die Eurozone weit über das Jahr 2060 hinaus, sind die Griechen und Europa bereit, ein neues Kapitel aufzuschlagen, und die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Griechenland und die Finanzkrise: Ein Crashkurs

Im Jahr 2009 gibt Griechenland bekannt, dass es wesentlich höhere Defizite hat als zuvor angegeben. Was die Eurozone und den Internationalen Währungsfonds (IWF) zwingt, ein erstes Hilfspaket mit Reformbedingungen auf den Weg zu bringen. Das löst monatelange Proteste aus.

2011 sehen sich private Gläubiger gezwungen, 50% ihrer griechischen Schulden abzuschreiben, dann kommt der erste von vier Regierungswechseln.

2012 erhält Griechenland das zweite Hilfspaket, zwei weitere Regierungswechsel folgen. Sparmaßnahmen werden vorangetrieben. Proteste folgen und führen dazu, dass die linke Syriza erstmals die Regierung stellt. Sie führt Kapitalverkehrskontrollen ein. In einem Referendum entscheiden sich 61 Prozent der Griechen gegen Reformen, doch Syriza stimmt den Bedingungen für ein drittes Hilfspaket zu, die befolgt werden müssen. 2017 genehmigt der IWF ein Bereitschaftskreditvereinarung, die Europäische Kommission empfiehlt ein Ende des Programms.

Die Eurogruppe stimmt nach hitzigen Debatten zu, dass das Hilfsprogramm am 20. August 2018 endet.

Weiterhin strenger Sparkurs, auch für Unternehmer

Um die Hilfspakete zu beenden, hat sich die derzeitige Regierung zu weiteren Reformen und der Erwirtschaftung großer Haushaltsüberschüsse verpflichtet. In einem Land mit hoher Arbeitslosigkeit bedeutet das, dass die Steuern hoch bleiben werden. Für ausländische Investoren, die für angestrebtes Wachstum und zur Schaffung dringend benötigter Arbeitsplätzen gebraucht werden, ist das nicht attraktiv.

Akis Tatsis wirft einen Blick auf heimische Unternehmen wie die Schifffahrt - wird sie genügend Schubkraft haben, damit bei den Griechen im Alltag ein Unterschied spürbar ist?

Die griechische Schifffahrt nimmt trotz der Turbulenzen durch die Wirtschaftskrise nach wie vor eine weltweit führende Stellung ein. Griechische Reeder kontrollieren über ein Viertel der weltweiten Rohöltankerflotte, fast jedes vierte Massengut-Frachtschiff und etwas mehr als 15 Prozent der weltweiten Chemieprodukte-Flotte.

2017 stieg der Seehandel gegenüber dem Vorjahr um fast 17 Prozent und wird auf rund 9,14 Millarden Euro geschätzt.

Euronews-Journalist Akis Tatsis sagt: "Die Zahlen für einen so wichtigen Sektor der griechischen Wirtschaft wie die Schifffahrt sind wirklich beeindruckend. Obwohl die Griechen nur 0,15 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, werden 20 Prozent der Schiffe, die Handelsgüter weltweit transportieren, von den Griechen kontrolliert. Die Schifffahrt, Zulieferer und die griechische Gesellschaft im Allgemeinen stehen aber aufgrund der Überbesteuerung nach wie vor vor großen Herausforderungen."

Der Präsident des Ingenieurverbandes der griechischen Handelsmarine, Athanasios Evangelakis, ist nicht optimistisch, dass die durch die Krise verursachten Probleme nach dem Ende der Rettungspakete gelöst werden: "Wird es ein Ende dieser Maßnahmen geben, die die arbeitnehmerunfreundlichen Gesetze in den vergangenen Jahren gebracht haben? Nein, das Gegenteil wird passieren. Diese Gesetze werden weiterhin in Kraft bleiben, und jede Art von Wachstum wird auf den Trümmern der Arbeitsrechte aufbauen. Die Frage ist also: Wachstum von wem für wen?"

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Bis zu 65 Prozent Steuern auf Reingewinn

Der Handel im größten Hafen des Landes war besonders stark von der Wirtschaftskrise betroffen. Der Gewerkschaftsvorsitzende von Piraeus, Nikos Manesiotis, erklärt, dass in den vergangenen neun Jahren eines von drei Geschäften in der Stadt schließen musste:

"Ein Geschäft wie meins, mit einem Reingewinn von 70.000 bis 75.000 Euro im Jahr - glauben Sie mir, es gibt sehr wenige Unternehmen, die Gewinne auf diesem Niveau erzielen - zahle ich Steuern zwischen 55 und 65 Prozent. Von diesen 75.000 Euro muss ich diesen Steuerbetrag abziehen und habe dann noch 30.000 Euro. Davon muss ich dann noch 20.000 Euro Versicherungsbeiträge zahlen, weil ich ein Einkommen von mehr als 70.000 Euro habe. Letztendlich, nach einem Jahr harter Arbeit und großen Anstrengungen, erhalte ich von meinem Reingewinn von 70.000 Euro also noch 10.000 Euro, das sind weniger als 1.000 Euro im Monat."

Einige glauben, dass Griechenland bis Ende August über das Schlimmste hinweg sein wird. Aber es gibt viele, die daran zweifeln und denken, dass das Land noch einen langen Weg vor sich hat.

Nachhaltige Wachstumsstrategie für Griechenland

Maithreyi Seetharaman: "Die Griechen haben die Vorteile eines Anstiegs von Auslandsinvestitionen in den letzten zwei Jahren noch kaum gespürt. Ich habe mich mit Vize-Regierungschef Giannis Dragasakis getroffen, um herauszufinden, wann es soweit ist. Was haben Sie mitgebracht, um uns zu zeigen, wohin Griechenland nach den schwierigen Jahren steuert?"

Giannis Dragasakis, Vize-Regierungschef Griechenland:

"Ich habe ein kleines Schiff für die neue Reise mitgebracht, die wir jetzt als Land machen müssen. Und ich habe auch etwas mitgebracht, das für uns wie ein Kompass ist. Es ist unsere neue Wachstumsstrategie. In Wirklichkeit hat Griechenland zum ersten Mal eine nationale Wachstumsstrategie, die Ziele und Mittel beschreibt - was wir tun wollen, wohin wir gehen wollen und wie wir das erreichen wollen. Auch für den Fall, dass etwas auf den Märkten nicht gut läuft. Wir haben beeindruckende Rücklagen. Wir haben große Überschüsse. All diese Faktoren reichen aus, um Vertrauen zu schaffen.

Maithreyi Seetharaman: "Letztendlich kommt es auf eine Strategie an: einen klaren, nachhaltigen Plan. Haben Sie einen?"

Giannis Dragasakis, Vize-Regierungschef Griechenland:

"Wir wissen, dass wir im Jahr 2021 bestimmte Ziele in verschiedenen Bereichen erreicht haben werden.

Deshalb haben wir Ziele und Zeitrahmen festgelegt. Damit die Menschen die Arbeit der Regierung überprüfen können. Das zweite, ist, dass wir die Stabilität in bestimmten Sektoren bereits institutionalisiert haben. Zum Beispiel wenn es eine große Investition in Griechenland gibt, unterliegt sie 12 Jahre lang der gleichen Steuerregelung. Niemand kann das ändern.

Wenn wir also von Investitionen in Griechenland sprechen, sprechen wir über die Stärkung einer bereits bestehenden Dynamik. Mit den Problemkrediten (NPLs) und Banken hat der Verkauf notleidender Kredite - und die Restrukturierung vieler Unternehmen begonnen."

Maithreyi Seetharaman: "Wie wollen Sie die Bedürfnisse der Menschen mit Ihrer Reformagenda in Einklang bringen?"

Giannis Dragasakis, Vize-Regierungschef Griechenland:

"Ich würde sagen: Wie die Normalität für die Bürger zurückkehrt. Das ist eine entscheidende Frage. Wir werden die Tarifverhandlungen für die Arbeitnehmer wieder aufnehmen. Wir werden das Gesetz abschaffen, das den Mindestlohn eingefroren hat. Aber es wird bestimmte Verfahren geben, die eine Erhöhung des Mindestlohns ermöglichen werden. Und das wird geschehen.

Deshalb sprechen wir über integratives Wachstum."

Maithreyi Seetharaman: "Wer wird am Ende zahlen? Werden es Unternehmen sein, oder werden es Privatpersonen sein?"

Giannis Dragasakis, Vize-Regierungschef Griechenland: "Wir stehen im Dialog mit Vertretern der Wirtschaft, welche Steuern wir senken sollen. Man könnte die Gewinnbesteuerung reduzieren, man könnte die Besteuerung auf Investitionen reduzieren, man könnte die Abschreibungen erhöhen. Wir haben beschlossen, dass im ersten Jahr 70 Prozent der Mittel für die Steuersenkung und 30 Prozent für die Erhöhung der Ausgaben verwendet werden."

Maithreyi Seetharaman: "Was sind die Dinge, die Ihre Regierung nicht weiterverfolgen wird?"

"Bei den Gehältern werden wir Bedingungen schaffen, die es Arbeitnehmern ermöglichen, durch Verhandlungen ein höheres Einkommen zu erreichen. Bei den Renten werden wir weitere Kürzungen vermeiden. Ich sage das, weil die Reformen bei uns an sich negativ verstanden werden. Wir sprechen jetzt über Veränderungen, die so sein werden, dass die Menschen ihre positiven Folgen spüren werden."

Maithreyi Seetharaman: "Herr Daragasakis, vielen Dank, dass Sie bei uns waren und vielen Dank dass Sie zugeschaut haben bei unserer vorerst letzten Folge von Real Economy."

_Lesen Sie hier auf griechisch das gesamte Interview mit Griechenlands Vize-Regierungschef Giannis Dragasakis._