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Georgien und die Sowjetzeit: zwischen Nostalgie und Abgrenzung

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Von Euronews
Georgien und die Sowjetzeit: zwischen Nostalgie und Abgrenzung
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Auf einem Markt in Georgiens Hauptstadt Tiflis kehrt 30 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Vergangenheit zurück. Hier werden Erinnerungen an das 70 Jahre währende sowjetische Imperium wach – jedenfalls bei denen, die es erlebt haben. Zu kaufen gibt es massenweise Lenin- und Stalinfiguren, historische Ausweisdokumente und Fahnen.

Für die einen sind die Gegenstände Sammlerstücke oder schlicht Kitsch. Bei einigen Älteren wecken sie Erinnerungen an schöne Jugendzeiten oder aber an die dunklen Seiten der Sowjetära. Ein älterer Herr erinnert sich: "Es gab nichts, keine Wirtschaft. Wenn man etwas kaufen wollte, musste man ins weit entfernte Moskau. Manche empfinden Nostalgie, mehr oder weniger aufgrund der damaligen Stabilität." Genau daran denkt ein anderer Georgier und zählt die positiven Aspekte auf: "Wir waren sozial abgesichert, alles stand zur Verfügung – wir konnten reisen, bekamen hohe Gehälter, es gab Arbeit."

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Abzeichen, Helme und andere Devotionalien aus der Sowjetzeit auf einem Markt in TiflisEuronews

"Sowjetische Vergangenheit prägt heutige Gesellschaft"

Wer genau hinschaut, kann auch an anderen Ecken von Tiflis Bezüge zur Sowjetzeit finden. Etwa das bekannte Symbol Hammer und Sichel am Geländer einer Brücke. Für die jüngeren Georgier sind es mehr oder weniger beachtete Sehenswürdigkeiten, Erinnerungen an die Sowjetzeit haben sie nicht. Ein Passant sagt: "Vor allem erinnert uns die Sowjetunion daran, dass es ein Terrorstaat war. Ein Staat, der seinen Bürgern keinen freien politischen Willen gestattete, wo Freiheit ausgeschlossen und verboten war."

Eine Frau, die auf den Straßen von Tiflis unterwegs ist, sieht negative Auswirkungen bis in die Gegenwart: "Die sowjetische Vergangenheit prägt die heutige Gesellschaft noch in vielerlei Hinsicht. Alte Sichtweisen und Wahrnehmungen des Lebens beeinflussen noch immer das Leben junger Menschen. Das ist traurig."

Russland versucht auf Ex-Sowjetrepubliken Einfluss zu nehmen

1991 zeigte sich, dass das unfreiwillige Bündnis der 15 Sowjetrepubliken zerbrechlicher war als gedacht. Heute, 30 Jahre später, sehen Beobachter in Russland Bestrebungen, das alte Imperium wiederauferstehen zu lassen. Vor allem seit der Annexion der ukrainischen Schwarzmeer-Halbinsel Krim im Jahr 2014.

Historiker Lasha Bakradze verweist auf eine Aussage des russischen Präsidenten Putin, der die Auflösung der Sowjetunion als die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnete: "Jetzt sehen wir, wie Putin und sein Russland versuchen, die postsowjetischen Staaten zum Einflussbereich Moskaus zu erklären. Sie haben sich damit arrangiert, dass sie das Baltikum verloren haben, dass es diesen Staaten gelungen ist, rechtzeitig der EU und der NATO beizutreten." Zu sehen sei jedoch, wie viele Probleme es in Georgien und der Ukraine gebe.

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Kaukasus-Forscher Oliver ReisnerEuronews

"Politische Kultur besteht weiter"

Das Imperium hat die Menschen in der Swjetunion geprägt. Die Folgen zeigen sich in Gedanken und Handlungen, erklärt Kaukasus-Forscher Oliver Reisner von der Ilia State University in Tiflis: "Die politische Kultur der Russischen Föderation und der anderen postsowjetischen Staaten besteht weiter. Ein Kollege von mir sagte sehr treffend: 'Man kann Georgien aus der Sowjetunion herauslösen, aber nicht die Sowjetunion aus Georgien.'"

Trotz dieser Vergangenheit und der aktuellen Probleme schauen die jungen Menschen in Georgien überwiegend positiv in die Zukunft. Ihre Generation ist fest entschlossen, die Eigenstaatlichkeit und die individuellen Freiheiten zu verteidigen.