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Von der Hand in den Mund - Engpässe durch Pandemie und Ukraine-Krieg

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Von Diego Malcangi, su
Von der Hand in den Mund - Engpässe durch Pandemie und Ukraine-Krieg
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Just in time" (JIT) deutsch „gerade zur rechten Zeit““ – ist ein sparsames Produktionssystem – keine großen Vorratslager, alles kommt auf den Punkt an, um verarbeitet zu werden. Als er „Just in Time“ erfand, hatte der japanische Produktionsplaner Taiichi Ohno die Corona-Pandemie nicht auf dem Schirm und den Ukraine-Krieg auch nicht. Denn er hatte noch gar keinen Schirm: Seine Logistikmethode entstand ab den 50er Jahren. Sie hat sich rund um den Globus durchgesetzt.

Und jetzt wird deshalb alles Mögliche knapp: Vom Sonnenblumen-Öl bis zum Gläschen für französischen Senf aus Dijon.

Der Krieg in der Ukraine und die Sanktionen gegen Russland haben bereits zu Engpässen in vielen Wirtschaftsbereichen geführt: Zum Beispiel ganz direkt bei Weizen, der bisher größtenteils aus Russland und aus der Ukraine nach Europa importiert wurde, oder Sonnenblumenöl - hier ist die Ukraine der weltweit größte Produzent. Und indirekt, wegen wachsenden Energiebedarfs, der in einigen Sektoren noch dazukommt. Beispiel Glas: Die europäische Produktion liegt in den Händen von 4 oder 5 großen Firmen, bei einer davon sind mehrere Fabriken in der Ukraine blockiert.

"Senfkörner Opfer des Klimawandels; die Preise für Weißwein, Glas und Pappe explodieren: Knappheit und Inflation treffen den traditionellen Dijon-Senfsektor hart"

Natacha Linhart, Produkt- und Markenberaterin (Gründerin und Chefin von Atlante, Bologna, Italien): 

„Besonders Glas hat sich jetzt als großes Problem herausgestellt, weil es anscheinend Engpässe im Bestellsystem gibt, in der gesamten Lieferkette, im Wert des Produkts, der von den Energiekosten beeinflusst wird – es ist ein Produkt, das eine ungeheure Menge an Energie frisst, aber auch die Rohmaterialien zur Herstellung werden extrem teuer - und wenn man bedenkt, wie sehr diese Branche in den letzten Jahren damit beschäftigt war, Impfstoff-Gläschen herzustellen - Millionen und Abermillionen von Impfdosen, alle in Glas verpackt - das hat weltweit zu einer dramatischen Verknappung geführt".

LEERE REGALE

Die Nachfrage stieg auch durch den geforderten Verzicht auf Plastik – im Rahmen der „grünen“ Politik der EU - und könnte in den kommenden Monaten viele Lebensmittel verknappen - Produkte, die frisch ins Glas müssen. Eine „just in time“ ausgefeilte Produktionskette lässt sich nicht von heute auf morgen umstellen. Und auch Alternativen wie Metalldosen gerieten zunehmend unter Druck, so die Lieferspezialistin.

Und stellt die über Jahrzehnte eingefahrene Lebensweise zur Diskussion und das gesamte Wirtschafts- und Produktionsmodell gleich mit. 

Mehr Luft zum Atmen und nicht in jedem einzelnen Bereich so knausern
Natacha Linhart
Produkt- und Markenberaterin (Gründerin und Chefin von Atlante, Bologna, Italien

Natasha Linhart, Atlante:

„Seit dem Ende des Zweiter Weltkrieges haben wir diese Idee verfolgt, dass man mit einer extrem effizienten Lieferkette und einem extrem effizienten industriellen Prozess die Kosten auf das Nötigste reduzieren kann. Aber dabei haben wir das enorme Risiko einer „just-in-time“-Gesellschaft übersehen. So kann es sein, dass wir unsere Arbeitsweise und unsere Art, unsere Gesellschaften, unsere Industrien, unsere Lieferkette zu managen, überdenken und hinter uns lassen müssen: Mehr Luft zum Atmen und nicht in jedem einzelnen Bereich so knausern."

Auf der “Reise von der Idee zum Supermarktregal” – so beschreibt die Firma ihr Knowhow als Projektentwickler – müssten sich die Konsumenten darauf gefasst machen, im Supermarktregal immer wieder mal überraschend ins Leere zu greifen. Gegen dieses Problem gab es Speisekammern - früher mal, bevor  man "just in time" von der Hand in den Mund lebte.

Diego Malcangi, su