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"Flucht um jeden Preis": Wie Olga mit ihren Kindern dem Tod in Butscha entkam

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Von Mihhail Salenkov
Mihhail Selenkov
Mihhail Selenkov   -   Copyright  Euronews   -  

Geschichtslehrerin Olga Tkachenko aus der ukrainischen Stadt Butscha lebt seit Mitte März mit ihrer Familie in Frankreich, in einem kleinen Dorf im Zentrum des Landes. Die Kinder gehen zur Schule und Olga unterrichtet ihre Schüler:innen über das Internet. Nur zwei Wochen nach dem Einmarsch der russischen Armee in die Stadt gelang es ihnen, Butscha zu verlassen.

Im Interview mit Euronews sprach Olga über den Beginn des Krieges, die zwei Wochen, die sie im Keller ihres Hauses verbrachte, die Evakuierung und das Leben im neuen Land.

"Keiner hat es geglaubt"

"In den Medien gab es Informationen über einen möglichen russischen Angriff am 16. Februar, aber fast niemand glaubte den Berichten. Nicht passierte und wir atmeten erleichtert auf.

Am 24. Februar wachte ich auf, machte mich für die Arbeit fertig, schaute auf mein Telefon und sah eine Nachricht: "In der Ukraine ist ein Krieg ausgebrochen".

Ich stehe da mit meiner Kaffeetasse in der Hand und höre Explosionen... Ich habe Angst, versteht sich. 15 Kilometer von Butscha entfernt befindet sich Gostomel, ein Militärlager und ein Flughafen. Dort flogen die ersten Raketen.

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Explosionen in Irpin: Blick aus Olgas Haus.Euronews

An diesem Tag wurde das Kriegsrecht verhängt, und weder die Kinder noch ich als Lehererin gingen zur Schule.

Ich weiß nicht, von welchen "Nationalisten" die Russen immer sprechen. Ich bin ihnen noch nie begegnet. Ich hatte nie Probleme mit der russischen Sprache, obwohl ich aus dem russischsprachigen Mykolaiv komme. Ja, ich unterrichte meine Kinder auf Ukrainisch, aber es ist die offizielle Sprache meines Landes.

"Man möchte sich vor allem verstecken, aber es gibt keinen Ort, an dem man sich verstecken kann"

Drei Tage nach Kriegsbeginn erschienen russische Panzer in Butscha. Es handelte sich um einen Konvoi gepanzerter Fahrzeuge, der vom ukrainischen Militär angehalten wurde. Mehrere Panzer und Transportwägen wurden in Brand gesetzt, während die übrigen in der Stadt in Stellung gingen.

Soldaten fuhren in Schützenpanzern durch die Stadt und schossen. Es war eine unmenschliche Angst: Man hat Angst, ans Fenster zu gehen, Angst, nach draußen zu gehen, Angst um die Kinder. Man möchte sich vor all dem verstecken, aber wo? Wir haben keine Straßenkämpfe gesehen. Ich wusste, dass es besser war, nicht auf die Straße zu gehen - man konnte jeden Moment getötet werden. So verbrachten wir die ersten 14 Tage in einem Schutzbunker.

Wir haben mit den Kindern im Keller geschlafen und eine große Matratze aus der Wohnung geholt. Man wacht morgens auf und der erster Gedanke ist: Sind meine Arme und Beine in Ordnung? Also bin ich am Leben. Es waren etwa 40-50 Leute mit uns in dem Keller. Wir lauschten einem batteriebetriebenen Radio und diskutierten über die Nachrichten. In der Wohnung befanden sich Lebensmittelvorräte, die für etwa zwei Wochen reichten.

Wir hatten zwei "Notfall"-Rucksäcke - einen mit Medikamenten und anderen Dingen, den anderen mit Lebensmitteln. Von fünf Uhr abends bis zehn Uhr morgens verbrachten wir unsere ganze Zeit im Keller. Am Nachmittag, wenn es ruhig war, gingen wir nach Hause. Die ersten vier Tage haben wir in der Wohnung gekocht, aber dann wurden Strom und Wasser abgestellt. Von da an kochten wir in der Nähe der Veranda über einem Lagerfeuer. Ab dem zweiten Tag des Krieges waren alle Geschäfte geschlossen. Es war beängstigend, aus dem Haus zu gehen.

Olga Tkachenko
Im Keller des 16-stöckigen Wohnhauses lebte Olga 14 Tage lang mit ihrer Familie.Olga Tkachenko

Manchmal schien es, als stünden die Explosionen unmittelbar bevor. Die psychische Belastung war sehr hoch. Abends schläft man sofort ein, obwohl der Keller kein guter Ort zum Schlafen war. Am siebten Tag beschloss ich, die Stadt um jeden Preis und mit allen Mitteln zu verlassen.

Am 9. und 10. März lagen die Leichen bereits auf der Straße, niemand hat sie beseitigt.

Schließlich wurde auch unser 16-stöckiges Gebäude von Granatsplittern getroffen und eine Wohnung brannte aus. Die benachbarten Gebäude waren noch stärker betroffen.

Wir sahen die Zerstörung der Stadt, als wir sie verließen - zerbombte Häuser, jede Menge verbranntes militärisches Gerät... Autos mit Schildern auf dem "Kinder"- und "Evakuierung" stand, lagen umgestürzt und verbrannt auf den Straßen.

Wir haben den Tod gesehen. Pkws wurden getroffen, daneben standen Menschen in normaler - nicht-militärischer - Kleidung. Am 9. und 10. März lagen die Leichen bereits auf der Straße, niemand hat sie beseitigt. Wir waren weit weg von der berüchtigten Yablonskaya unterwegs, aber auch auf der Novy-Autobahn gab es Tote.

Evakuierung: Mit großem Gepäck wird man nicht in den Bus gelassen

Am 9. März einigten sich die Ukraine und Russland auf den ersten "grünen Korridor" für die Evakuierung. Wir konnten gehen. Wir nahmen nur Geld, Dokumente, Kleidung und etwas Essen für die Reise mit. Es passte alles in drei Rucksäcke.

Als wir uns zur Evakuierung entschlossen, wurde uns gesagt: "Nehmt keine Koffer mit, sie lassen euch mit großem Gepäck nicht in die Busse, nur kleine Taschen, am besten Rucksäcke. Wir hatten nicht vor, mit dem Auto zu fahren. Uns wurde versprochen, dass 50 Busse nach Butscha kommen und die Menschen zum Bahnhof in Kiew bringen würden. Viele Menschen versammelten sich vor der Stadtverwaltung, aber es stellte sich heraus, dass die Russen die Busse nicht durchließen.

Dann wurde uns gesagt, dass wir privat fahren können, und meine Nachbarin, ihre Großmutter, das Kind und ein weiterer Nachbar und ich nahmen mein Auto. Ich hatte dann drei Kinder und vier erwachsene Frauen in meinem Auto.

Wir fuhren sehr langsam und passierten drei russische Kontrollpunkte vor Bilogorodka. Bei der zweiten forderten die Soldaten uns auf, aus dem Auto auszusteigen und den Kofferraum zu öffnen. Sie durchsuchten alle unsere Taschen, ließen uns aber durch. Als wir den ersten ukrainischen Kontrollpunkt erreichten, fühlten wir uns sicher.

Von der Möglichkeit, nach Frankreich zu gehen, erfuhr ich erst in Lwiw (Lemberg), wo wir nach einer Übernachtung in Kiew ankamen. Freunde riefen an und sagten, dass die Franzosen Flüchtlinge aufnehmen und dass es eine Familie gibt, die bereit ist, uns aufzunehmen, bis die Kämpfe in der Ukraine vorüber sind.

Mihhail Salenkov
Nur wenig Gepäck dabei: Mit großen Koffern werden die Flüchtenden nicht in die Evakuerungsbusse gelassen.Mihhail Salenkov

Neues Leben in Frankreich: Unterkunft, Sozialleistungen, Lebensmittel

In Frankreich gibt es viele Familien, die bereit sind, Flüchtlinge aus der Ukraine aufzunehmen, auch mit kleinen Kindern. Sie bieten Unterkunft und Verpflegung. Unsere Gastgeberin Veronique half mir, alle bürokratischen Probleme zu lösen, Dokumente zu erstellen, eine befristete Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen und meine Kinder in der Schule anzumelden. Sie half mir bei der Lösung aller Probleme, die auftauchten. Ich fühle mich hier sicher.

In vielen Städten sind die ukrainischen Flaggen als Zeichen der Solidarität an den Verwaltungsgebäuden neben den französischen Flaggen angebracht.

Da wir nur mit drei Rucksäcken hier ankamen, fanden sie Kleidung für mich und meine Kinder und gaben mir sogar einen alten Computer für die Arbeit.

Ursprünglich dachte ich, wir bekämen ein dreimonatiges Visum für ukrainische Staatsbürger, aber vor kurzem erhielten wir eine befristete Aufenthaltsgenehmigung für sechs Monate. Wir haben keinen Flüchtlingsstatus beantragt, aber ich kann arbeiten, meine Kinder gehen zur Schule, und wir erhalten auch soziale Unterstützung in Form einer kleinen Beihilfe und von Lebensmittelpaketen.

Ich engagiere mich hier ehrenamtlich: Ich habe ein Mädchen aus der Ukraine kennengelernt, das Flüchtlingen hilft. Wir sammeln humanitäre Hilfe: Wir schicken Medikamente in die Ukraine und verteilen hier Dinge an diejenigen, die vor dem Krieg geflohen sind.

Die Kinder wollen in ihrem Land leben und sich nicht in einem fremden Land vor dem Krieg verstecken

Nach unserer Ankunft haben wir überhaupt nicht über den Krieg gesprochen. Die Kinder wollen nach Hause, sie wollen ihre Freunde sehen, sie wollen in ihre Schule gehen. Sie wollen wieder ein friedliches Leben führen. Sie wollen in ihrem eigenen Land leben und sich nicht in einem anderen Land vor dem Krieg verstecken.

Meine Eltern blieben in Mykolaiv. Wir halten Kontakt per Telefon. Sie erzählen uns, dass die Stadt jeden Tag beschossen wird. Meine Mutter und mein Vater haben sich aufgrund ihres Alters entschieden zu bleiben - aber es wäre weiter möglich, zu fliehen.

Sobald sich eine Gelegenheit ergibt, werden wir in die Ukraine zurückkehren. Mein Zuhause ist dort. Es ist mein Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin und in dem ich auch weiterhin leben möchte.

Die Nachbarn schreiben, dass unser Hausnoch steht, in einigen Wohnungen gibt es zerbrochene Fenster, andere haben Einschusslöcher in den Balkonen, eine Wohnung ist abgebrannt. Es ist nicht so schlimm wie in einigen benachbarten Häusern, wo ganze Eingänge ausgebrannt sind und riesige, von Raketen verursachte Löcher zu sehen sind.

Nachdem die Evakuierung beendet war und die meisten Bewohner von Butscha die Stadt durch "grüne Korridore" verlassen hatten, begann das russische Militär, Häuser zu besetzen. Wir haben ein mehrstöckiges Gebäude mit fünf Eingängen. Im Haus-Chat in Viber schreiben die Nachbarn, dass im ersten Stock fast alle Wohnungen vom 1. bis zum 16. besetzt sind. Sie brachen die Türen auf und holten alles heraus, was sie mitnehmen konnten. Ich hoffe, dass wir Glück hatten, obwohl ich psychologisch darauf vorbereitet war, dass nichts mehr übrig sein würde; ich wollte sogar das Auto dalassen, um die Kinder und mich in Sicherheit zu bringen. 

Valentina Sophia Shell
Ein Haus in Tkachenkos Nachbarschaft in Butscha ist teilweise ausgebrannt. Das Haus, in dem ihre Wohnung liegt, ist bisher recht unversehrt.Valentina Sophia Shell