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Offizier aus Russland packt aus zum Krieg in der Ukraine: "Fühlte mich schuldig"

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Von Euronews  mit CNN, AP
Russische Soldaten in Cherson in der Ukraine
Russische Soldaten in Cherson in der Ukraine   -   Copyright  AP/Copyright 2022 The Associated Press. All rights reserved.   -  

Ein russischer Offizier hat in einem Interview mit CNN genau geschildert, wie sein Einsatz im Krieg in der Ukraine abgelaufen ist. Viele Soldaten hätten nicht gewusst, was sie in der Ukraine tun. Auch er habe zunächst nicht daran geglaubt, dass seine Einheit über die Krim in die Ukraine geschickt werde. 

Wie unwissend die russischen Soldaten waren, zeigte sich zu Beginn des Krieges auch an der Grenze zu Belarus, als junge Soldaten in der Nähe von Tschernobyl im "Roten Wald" campiert hatten und dabei radioaktiv verstrahlt wurden.

Schon am 22. Februar habe der Offizier wie die anderen Soldaten sein Handy abgeben müssen.

Er sagt gegenüber CNN: "Wir hatten ein Radio und konnten Nachrichten hören. So habe ich erfahren, dass in Russland Geschäfte geschlossen werden und die Wirtschaft zusammenbricht. Ich fühlte mich deswegen schuldig. Aber ich habe mich noch schuldiger gefühlt, weil wir in die Ukraine gekommen waren."

Einheimische in Cherson rufen den russischen Soldaten "Fuck you" entgegen

Dramatisch beschreibt der Soldat die Begegnung mit Ukrainern in der Stadt Cherson, die Einheimischen hätten den Russen "Fuck you" entegengerufen, Waffen unter ihren Kleidern versteckt und auf die russischen Truppen geschossen. Cherson ist schon seit Beginn des russischen Einmarsches in die Ukraine von Russlands Streitkräften besetzt, doch die Bewohnerinnen und Bewohner haben immer wieder gegen die Besatzer protestiert.

Euronews-Reporterin Anelise Borges war vor wenigen Tagen mit ukrainischen Soldaten in der Nähe von Cherson unterwegs, die jetzt versuchen, die Stadt zurückzuerobern.

"Z - wie Zorro"

Der Offizier berichtet, dass zu Beginn des "Spezialeinsatzes" weiße Bänder auf die Militärfahrzeuge geklebt wurden. Doch dann kam der Befehl, den Buchstaben "Z" aufzukleben - es habe geheißen "Z - wie Zorro".

Beim Einmarsch in die Ukraine seien einige Soldaten gleich aus der Armee ausgeschieden und hätten das Kampfgebiet verlassen. Was aus ihnen geworden sei, wisse er nicht, erklärte der Offizier. 

Von der offiziellen russischen Propaganda, dass es sich um einen Spezialeinsatz zur Entnazifizierung der Ukraine handele, habe seine Einheit eigentlich nichts gehört.

"Ich wollte kein Teil davon sein"

Besonder beeindruckend am Interview mit dem russischen Militär sind dessen Gefühle: "Wir waren schmutzig und müde. Die Menschen um uns herum starben. Ich wollte mich nicht als Teil davon fühlen, aber ich war ein Teil davon."

"Schließlich nahm ich meine Kräfte zusammen und ging zum Kommandanten, um meinen Rücktritt einzureichen", sagte er gegenüber CNN. Der Kommandant lehnte ab und sagte, es sei unmöglich, den Dienst zu verweigern. Dafür könne der Soldat strafrechtlich belangt werden.

Doch der Nachwuchsoffizier hat seinen Dienst bei der Armee Russlands schließlich quittiert. Seine Identität hat der Militär nicht preisgegeben - und es ist nicht klar, ob er wegen des Interviews mit Konsequenzen rechnen muss.

Einige "Vertragssoldaten" können kurz vor dem Ende der vereinbarten Dienstzeit aus der Armee ausscheiden. Wie der Offizier CNN erklärt, sei er jetzt bei seiner Familie.