Lawrow (72) verärgert über Frage nach Krankheit von Präsident Putin (69)

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Von Euronews  mit TF1, AFP
Lawrow und Putin am langen Tisch - am 14. Februar 2022
Lawrow und Putin am langen Tisch - am 14. Februar 2022   -   Copyright  Alexei Nikolsky/Sputnik   -  

Russlands langjähriger Außenminister Sergei Lawrow hat in einem Interview mit dem französischen Sender TF1 den Krieg in der Ukraine gerechtfertigt. Der 72-Jährige erklärte die Militäraktion mit dem Schutz der Menschen im Donbas und mit der vermeintlichen "Nazifizierung" der Ukraine, gegen die der Westen nichts unternommen habe.

Die Reporterin Liseron Boudoul, die das Interview mit Lawrow führte, berichtet, dass der Außenminister etwa zwei Monate nach der Anfrage, ein Interview von 15 Minuten zugestanden hatte. Das Gespräch hat dann 25 Minuten gedauert, aber Sergei Lawrow reagierte verärgert auf die Frage nach dem Gesundheitszustand von Wladimir Putin. Der starke Raucher Lawrow ist seit 18 Jahren Außenminister der Russischen Föderation und war vorher Moskaus Botschafter bei der UNO in New York. Über das Privatleben Lawrows ist wenig bekannt, er ist verheiratet, hat eine Tochter und zwei Enkelkinder. 

Seit dem Krieg in der Ukraine wurde Lawrows Rhetorik immer schärfer. Einige bezeichnen ihn als Lügner. So hatte der russische Außenminister noch am 11. März 2022 bei einer Pressekonferenz mit seinem ukrainischen Amtskollegen Dmytro Kuleba behauptet, Russland habe die Ukraine gar nicht angegriffen. Ende Januar hatte Lawrow erklärt, Russland werde die Ukraine nicht angreifen.

Der Minister - den TF1 auch als "rechte Hand" des russischen Präsidenten bezeichnet - sagte zu einer möglichen Erkrankung des Präsidenten: "Putin erscheint jeden Tag in der Öffentlichkeit. Ich glaube nicht, dass jemand, der bei gesundem Verstand ist bei diesem Mann Symptome einer Krankheit entdecken kann."

Russlands Staatschef wird im Oktober 70 Jahre alt. Laut russischen Medien begleitet schon seit Jahren ein ganzer Trupp von Ärzten Putin auf seinen Reisen nach Sotschi. Zudem sorgte für Spekulationen, dass der Präsident oft an sehr langen Tischen weit entfernt von seinen Gesprächspartnern - auch von Lawrow - saß.

Als Begründung für den Krieg in der Ukraine erklärte Lawrow: "Wir tun, wozu wir gezwungen sind: Wir schützen die Bevölkerung und wir schützen die russische Sprache, die von den aufeinanderfolgenden Regimen in der Ukraine, sowohl unter Poroschenko als auch unter Selenskyj, direkt diskriminiert und angegriffen wurde. Wir schützen die Ukraine vor der Nazifizierung, die dort seit vielen Jahren mit direkter Duldung des Westens betrieben wird. Dem Westen war es egal, was mit der russischen Sprache, der russischen Bildung und den russischen Medien passierte, die per Gesetz verboten waren. Jahrelang haben wir an verschiedene Türen in Europa und den USA geklopft. Der Westen war völlig taub."

Die Journalistin Liseron Boudoul verwies auf ihre Erfahrungen vor Ort:  "Ich habe fast drei Monate im Donbas verbracht. Und alle Milizionäre, alle Militärs, die ich getroffen habe, haben mir gesagt, dass dieser Krieg andauern wird, dass er blutig sein wird. Ist diese Schlacht an der Donbas-Front die letzte? Wird die "russische Militäroperation" danach enden?"

Darauf antwortete Lawrow: "Gewiss, es sterben Menschen. Aber dass die Operation so lange dauert, wie wir jetzt beobachten, liegt in erster Linie daran, dass die russische Armee den Befehl erhalten hat, jeden Angriff, jeden Schlag gegen zivile Infrastruktur unter allen Umständen zu vermeiden. Nur militärische Infrastruktur, Ausrüstung und Personal sollten ins Visier genommen werden."

Und Lawrow weiter: "Wir handeln völlig anders als die ukrainische Armee und das ukrainische Neonazi-Bataillon, die Zivilisten einfach als menschliche Schutzschilde benutzen. Wenn Sie vor Ort waren, haben Sie wahrscheinlich gesehen oder gehört, wie diese ukrainischen Bataillone schwere Waffen in Wohngebieten, in der Nähe von Schulen, Krankenhäusern und in der Nähe von Kindergärten platzieren. Wahrscheinlich wissen Sie auch, wie sie regelmäßig Donezk, die Wohngebiete dieser großen Stadt, bombardieren und wie die Zivilbevölkerung darunter leidet. Unser offensichtliches Ziel ist es natürlich, die ukrainische Armee und die ukrainischen Bataillone aus den Gebieten Donezk und Luhansk zurückzudrängen. Über die restlichen Gebiete in der Ukraine, in denen es Menschen gibt, die die Verbindungen zu Russland nicht abbrechen wollen, werden die Menschen in diesen Regionen entscheiden. Ich glaube nicht, dass diese Menschen gerne unter die Herrschaft eines Neonazi-Regimes zurückkehren würden, das vollkommen russophob ist. Die Entscheidung liegt bei den Menschen selbst."

Der Präsident der Ukraine, der aus einer jüdischen Familie stammt, hat die Behauptung des Kreml, seine Regierung bestehe aus Neonazis und sei russophob mehrmals zurückgewiesen. Dem ukrainischen Präsidenten ist es gelungen, die Menschen nach dem Einmarsch Russlands in sein Land, im Widerstand zu vereinen. Viele gehen davon aus, dass die Ukraine die Propaganda-Schlacht gegen Russland bereits gewonnen hat.