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Ex-Oligarch Chodorkowski erklärt warum Putin die Ukraine angegriffen hat

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Von Shona Murray  & Sabine Sans
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Ex-Oligarch Chodorkowski erklärt warum Putin die Ukraine angegriffen hat
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Sein Absturz war spektakulär: Früher war er Russlands reichster Mann, danach für ein Jahrzehnt im Gefängnis. Grundlage für die Verurteilung waren Anschuldigungen, von denen einige sagten, sie stammten direkt von Russlands Präsident Wladimir Putin. Michail Chodorkowski hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er sich einen politischen Umbruch in Russland wünscht und dass er aktiv daran arbeitet. Der ehemalige russische Oligarch ist zu Gast in The Global Conversation im Interview mit Euronews-Reporterin Shona Murray in Brüssel.

Guten und langen Kontakt mit Wladimir Putin

Die EU, die USA und Großbritannien haben beispiellose Sanktionen gegen die russische Regierung, den Energiesektor, vom Kreml kontrollierte Medien sowie über 900 Einzelpersonen, darunter viele Oligarchen, verhängt, die an der Finanzierung und Durchführung des russischen Krieges in der Ukraine beteiligt sind. Der ehemalige Oligarch Michail Chodorkowski, einst der reichste Mann Russlands und Eigentümer von Yukos Oil, sagt, Putins Untergang sei aufgrund seiner Aggression nun unvermeidlich. Chodorkowski lebt im Exil, nachdem er wegen Steuerhinterziehung, Veruntreuung und Betrug zehn Jahre lang in Russland im Gefängnis saß. Seine Haft wird als eine Botschaft an andere Oligarchen gesehen, sich aus der Politik herauszuhalten.

Euronews-Reporterin Shona Murray: Sie kennen Wladimir Putin gut, hatten früher engen Kontakt mit ihm. Was bewegt ihn im Moment und wie weit wird er mit diesem Krieg gehen?

Michail Chodorkowski, russischer Geschäftsmann: Was ich heute bei ihm sehe, ist eine Mischung aus Pragmatismus, d.h. dem Wunsch, mehr Wähler zu gewinnen und Emotionalität - ich meine, eine Art paranoide Angst vor dem, was im Nachbarland passiert, Angst vor den demokratischen Veränderungen, der Unabhängigkeit, die die Ukraine erlangt hat.

Putin löst seine Wahlprobleme mit Krieg

Euronews: Aber gleichzeitig haben wir den Angriff 2008 gesehen, seine Besetzung der Krim 2014. Haben diese Vorfälle mit dem jetzigen Krieg nichts zu tun, oder wurde der aktuelle Krieg, wie Sie sagten, von Covid und anderen Themen ausgelöst?

Michail Chodorkowski: Putin hat während seiner Präsidentschaft viermal seine Wahlprobleme durch Krieg gelöst. Das erste Mal war 1999 - dann 2008, 2014 und jetzt 2022. Die Covid-Isolation hat dazu beigetragen, seine Vorstellung zu formen, dass die Ukraine keinen Widerstand leisten wird, dass er dort auf keinen organisierten Widerstand treffen wird, dass einige Städte ihm vielleicht mit Blumen zujubeln werden!

"Die Staats- und Regierungschefs der großen europäischen Länder glauben immer noch, dass man sich mit Putin einigen kann, ohne ihm Stärke zu zeigen, d.h. aus einer - nach Putins Meinung - schwachen Position heraus. Und das ist ein dramatischer Irrtum, denn sie sprechen nicht mit einem Staatsmann, wie sie selbst welche sind, nein, sie sprechen mit einem Banditen."
Michail Chodorkowski
Kremlkritiker

Euronews: Es ist Putins Versagen, sagen Sie. Aber hat auch der Westen versagt? Wenn man bedenkt, was wir in den vergangenen zwei Jahrzehnten über Wladimir Putin erfahren haben, wie er versucht hat, die Krim zu erobern, wie er sich in Syrien eingemischt hat. War der Westen naiv in Bezug auf das, was Putin letztendlich tun würde?

Michail Chodorkowski: Die Staats- und Regierungschefs der großen europäischen Länder glauben immer noch, dass man sich mit Putin einigen kann, ohne ihm Stärke zu zeigen, d.h. aus einer - nach Putins Meinung - schwachen Position heraus. Und das ist ein dramatischer Irrtum, denn sie sprechen nicht mit einem Staatsmann, wie sie selbst welche sind, nein, sie sprechen mit einem Banditen. Und jeder Bandit, der glaubt, stark zu sein, und dem man Zugeständnisse abverlangt, wird versuchen, seine Opfer zu erledigen.

Euronews: Was ist Ihrer Meinung nach die Lösung? Emmanuel Macron und andere lernen vielleicht gerade, nicht mit Putin zu verhandeln. Was würden Sie ihnen vorschlagen, um diese Situation zu beenden?

Michail Chodorkowski: Vor kurzem, ungefähr vor einem Monat, war ich von Herrn Borrell überrascht. Er ist ein europäischer Beamter, ich hätte nie erwartet, dass er so harte Worte findet. Aber er hat das Richtige gesagt: Dieser Konflikt wird nicht am Verhandlungstisch gelöst, sondern auf dem Schlachtfeld. Später wird es natürlich Verhandlungen geben, und am Ende wird der Krieg durch Verhandlungen beendet werden. Aber den ersten Lösungsansatz wird man auf dem Schlachtfeld finden. Dazu gibt es keine Alternative!

Euronews: Und was heißt das? Bedeutet das, dass sich die NATO offiziell oder formell in der Ukraine engagiert? Ist das Ihrer Meinung nach die einzige Lösung? Ansonsten wird der Krieg weitergehen oder sich ausweiten. Was meinen Sie dazu?

Michail Chodorkowski: Die NATO hat heute die große Chance, der Ukraine bei der Verteidigung ihrer Souveränität zu helfen, indem sie sich mit Waffenlieferungen an diesem Krieg beteiligt und ukrainische Soldaten ausbildet, anstatt auf ihrem eigenen Territorium zu kämpfen. Wenn diese Gelegenheit nicht genutzt wird, spreche ich folgende Warnung aus: In einigen Jahren, vielleicht sogar schon früher, wird die NATO direkt in diesen Krieg verwickelt sein, weil er auf dem Territorium eines der NATO-Staaten stattfinden wird. Diejenigen, die glauben, dass man sich irgendwie mit dem Aggressor einigen kann, wiederholen die Fehler vieler ihrer Vorgänger. Millionen Europäer haben diese Fehler bereits vor 70 Jahren mit ihrem Leben bezahlt.

Ist der Westen auf dem richtigen Weg, was die militärische Unterstützung angeht?

Euronews: Wie beurteilen Sie die Situation in Bezug auf die Leistung der NATO, das Verhalten der NATO-Mitgliedstaaten? Wir haben erlebt, wie in Deutschland darüber gestritten wurde, dass deutsche Waffen anfangs nicht direkt in die Ukraine, sondern zunächst an andere Länder geliefert wurden. Meinen Sie, dass die Bemühungen deutlich verstärkt werden müssen, oder sind wir auf dem richtigen Weg, was die militärische Unterstützung der Ukraine angeht?

Michail Chodorkowski: Ich bin davon überzeugt, dass Sanktionen 2014 eine Rolle hätten spielen können. Jetzt können sie die Aggression nicht stoppen, aber sie können das Regime schwächen, sodass es keine weiteren Aggressionen geben wird. Aber aktuell wird das Problem auf dem Schlachtfeld gelöst. Wenn die NATO möchte, dass das Problem auf dem Territorium der Ukraine gelöst wird, dann sollte sie (die NATO) eine viel systematischere Unterstützung leisten. Ich muss lachen, wenn ich höre, wie einige Beamte sagen: Wenn wir der Ukraine fünf, zehn oder zwanzig weitere Waffen zur Verfügung stellen, können sie einen Gegenangriff starten. Wovon reden Sie da? Heute übertrifft die Artillerie von Putins Armee die Leistungsfähigkeit der ukrainischen Armee um das 20-fache! Das 20-Fache! Die Dominanz von Putins Luftwaffe ist absolut.

Euronews: Eine letzte Frage: Sie haben vorher gesagt, dass dieser Krieg zum Untergang von Wladimir Putin führen wird. Der Krieg selbst betrifft Sie persönlich, Ihre Familiengeschichte hat Wurzeln in der Ukraine - Ihre Großmutter, Zeit, die Sie in Ihrer Kindheit dort verbracht haben. Können Sie sich vorstellen, nach dem Ende von Wladimir Putins Regierung als Teil des politischen Wiederaufbaus, als politische Persönlichkeit nach Russland zurückzukehren?

Michail Chodorkowski: Politiker zu sein liegt nicht in meiner Natur. Ich habe immer gerne Geschäfte gemacht. Und nach meiner zehnjährigen Gefängniszeit bin ich mehr an sozialen Aktivitäten interessiert. Ich glaube, dass Russland nicht von dieser Zarenfigur angeführt werden sollte, die von Natur aus auf der Suche nach einem ausländischen Feind ist. Für das Russland nach Putin ist es sehr wichtig, ein föderaler Staat zu werden und ein funktionierendes Parlament aufzubauen, das die Interessen der russischen Regionen vertritt. Wenn zu diesem Zeitpunkt (beim Aufbau des Parlaments) meine Unterstützung als Manager, als Fachmann mit einschlägiger Managementerfahrung benötigt wird, werde ich natürlich versuchen, meinem Land zu helfen. Aber wenn die jüngere Generation diese Aufgabe bewältigt, wird mich das sehr glücklich machen.