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"Seine eigene Meinung": Außenministerium in Kiew distanziert sich von Botschafter Melnyk

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Von Alexandra Leistner
Der ukrainische Botschafter Melnyk legt während zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 77 Jahren in Berlin einen Kranz nieder.
Der ukrainische Botschafter Melnyk legt während zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 77 Jahren in Berlin einen Kranz nieder.   -   Copyright  Markus Schreiber/AP

Update: Das ukrainische Außenministerium hat sich von den Aussagen Melnyks distanziert. In einer Erklärung hieß es, der Botschafter habe in Bezug auf Bandera seine eigene Meinung kundgetan und nicht die der Regierung.

Weil Melnyk auch bestritten hatte, dass Bandera an Massakern polnischer Zivilisten teilverantwortlich war, tauschen sich auch die Außenminister Polens und der Ukraine zu dem Sachverhalt aus. Zbigniew Rau gab auf Twitter bekannt, er habe sich mit seinem ukrainischen Kollegen Kuleba besprochen und danke ihm für ein schnelles öffentlichen Einschreiten nach den "falschen geschichtlichen Aussagen" Melnyks.

In der Erklärung von Außenminister Kuleba heißt es: "_Wir sind überzeugt, dass die Beziehungen zwischen der Ukraine und Polen jetzt ihren Höhepunkt erreicht haben.

Die Ukraine ist Polen dankbar für seine beispiellose Unterstützung im Kampf gegen die russische Aggression. Es gibt keine Themen, die uns trennen, denn sowohl Kiew als auch Warschau verstehen die Notwendigkeit, angesichts gemeinsamer Herausforderungen die Einheit zu wahren.

Die Meinung, die der Botschafter der Ukraine in Deutschland, Andrij Melnyk, in einem Interview mit einem deutschen Journalisten geäußert hat, ist seine eigene und spiegelt nicht die Position des Außenministeriums der Ukraine wider."

Der ukrainische Botschafter in Deutschland ist für seine umstrittenen Wortmeldungen bekannt - auch schon vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine Ende Februar. Mehr als ein Mal hat sich Andrij Melnyk für seine scharfen Worte auch schon entschuldigt.

Kritik und Vorwürfe an die deutsche Bundesregierung macht der 46-Jährige per Twitter, besonders lautstark wurde es in der Debatte um Lieferungen schwerer Waffen für sein Land. 

Melnyk mag Diplomat sein, seine Sprache in sozialen Netzwerken ist wenig diplomatisch. So boykottierte er ein Solidaritätskonzert des deutschen Bundespräsidenten für die Ukraine - die von ihm kritisierten Künstler:innen russischer Herkunft, die dort auftraten, waren Kritiker des Ukraine-Kriegs - Melnyk aber hatte "keinen Bock auf große russische Kultur".

Mit modernen Waffen will Melnyk Russland "in den Hintern treten", zum Bild einer Schnecke mit einer Patrone auf dem Rücken macht er sich über die zögerlichen Lieferungen aus Deutschland lustig.

Die Unterzeichner:innen der Forderung deutscher Prominenter eines Waffenstillstandsabkommens für die Ukraine nannte Melnyk "pseudo-intellektuelle Loser".

Seine Tweets sind gespickt mit roten Ausrufezeichen, Emojis und Text in Großbuchstaben, man hört Herrn Melnyk beim Lesen förmlich brüllen.

Der polnische Außenminister Rau dankt seinem Kollegen aus der Ukraine für ein "schnelles öffentliche Eingreifen".

Rücktrittsforderungen

In einem Interview in der Sendung Jung & Naiv, die am Mittwochabend live auf YouTube ausgestrahlt wurde, wurde Melnyk zu dem Nationalisten Stepan Bandera befragt. Kurz nach Amstantritt hatte Melnyk am Grab Banderas' in München Blumen niedergelegt - es gab Kritik, aber keine Konsequenzen.

In dem Gespräch mit Jung&Naiv-Journalist Tilo Jung, weigerte sich der Ukraine-Botschafter, Bandera als Massenmörder einzustufen. "Es gibt keine Belege, dass Bandera-Truppen hunderttausende Juden ermordet haben, es gibt keine Belege", so Melnyk.

Tatsächlich sehen einige Ukrainer:innen in Bandera eine Art Nationalheld, weil er gegen die Sowjetherrschaft kämpfte, bei anderen gilt er als Kriegsverbrecher und NS-Kollaborateur. Auch die Bundesregierung sieht Bandera sehr kritisch.

In den sozialen Netzwerken gab es viel Kritik für Melnyks Aussagen über Bandera. In Tweets wird der Botschafter der Ukraine als "Holocaustleugner" und "Antisemit" bezeichnet - auch die Ausweisung des Diplomaten wird gefordert.

"Spielt den pro-russischen Propagandisten in die Karten"

"Wenn die Bundesregierung den Kampf gegen #Antisemitismus ernst meint, muss sie den ukrainischen Botschafter #Melnyk spätestens nach diesen Aussagen ausweisen. Andernfalls muss man davon ausgehen, dass der Kampf gegen Antisemitismus lediglich ein politisches Instrument darstellt", schreibt der EU-Abgeordnete Bernhard Zimniok.

Grünen-Politiker Peter Heilrath notiert: "Man kann übrigens @MelnykAndrij|s Äußerungen zu #Bandera für unerträglich halten und trotzdem #Melnyk|s allgemein zornige Ausdrucksweise im Ringen um Waffenlieferungen für legitim halten und selbstverständlich den Kampf der #Ukraine um Selbstbestimmung unterstützen."

"Jeder deutsche #Politiker, #Sportler, #Künstler, #Journalist, der sich öffentlich so über einen bekannten Faschisten und vermutlichen Massenmörder wie #Bandera geäussert hätte, würde in Deutschland vor Gericht gestellt und -zu Recht- geächtet werden. #Melnyk", schreibt Regisseur Tom Bohn.

Ein Mitarbeiter der Online-Plattform Liberta Celéstin twittert: "Andrij #Melnyk ist unerträglich und kontraproduktiv für den Kampf der Ukrainer und spielt den pro-russischen Propagandisten hierzulande in die Karten. Wer als Botschafter hierzulande NS-Kollaborateure als Helden bezeichnet, gehört des Landes verwiesen." Nach der Veröffentlichung eines Kommentar-Artikels auf der Seite blockierte Melnyk das Medium auf Twitter, wie ein Foto der Redaktion offenbar zeigt.

"Wer den ukrainischen Faschisten Stepan Bandera verehrt, dessen Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) an der Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg beteiligt war, kann für Demokratinnen und Demokraten kein Partner sein. #Melnyk", meint der ehemalige Bundestagsabgeordnete Andi Wagner.

"Der ukrainische Botschafter verleugnet einen Teil seiner Geschichte beim Interview mit Tilo Jung. Er spielt den Unwissenden. Was für eine Geschichtsverleugnung. Was für eine Geschichtsverklitterung. Was für eine Heuchelei", schreibt Musiker Igor Levit.

Der 1909 geborene Bandera wurde während des Zweiten Weltkriegs von den Nazis in Sachsenhausen festgehalten. 1959 wurde er von einem KGB-Agenten in München - wo er im Exil lebte - ermordet.

Jedes Jahr wird in der Ukraine bei Fackelmärschen an Bandera erinnert.

Das Interview von Tilo Jung beim Sender Jung & Naiv