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Marmolata: Reinhold Messner warnt vor weiteren Eis-Unglücken

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Von su  mit dpa
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Nach dem Abbruch am Marmolata-Gletscher am Sonntag gibt es neun bestätigte Opfer. Der Berg hat weitere menschliche Überreste freigegeben, Bergungstrupps hätten auch Ausrüstungsteile entdeckt, so die Behörden im norditalienischen Trentino. Acht Menschen wurden bei dem Unglück verletzt, darunter zwei Deutsche.

"Nach dem tragischen Abbruch des Marmolata-Gletschers in Italien stellt sich die Frage: Müssen wir solche Vorfälle in der Schweiz befürchten? Ein Blick auf die Walliser Alpen, auf den Triftgletscher oberhalb von Saas Grund."

14 Rettungskräfte und zwei Hunde suchten am frühen Morgen das Gebiet am Boden ab, was in den vergangenen Tagen wegen Lawinengefahr nicht möglich war. Dann wurde mit Hubschraubern und Drohnen weitergesucht. Inzwischen wird das Gebiet mit technischem Gerät überwacht, um weitere Bewegung der Gletschermassen zu erkennen.

Angesagte Gewitter könnten die Oberfläche freimachen und eine bessere Sicht ermöglichen.

Genetiker der Gendarmerie (RIS, Reparto Investigazioni Scientifiche/Abteilung für wissenschaftliche Untersuchungen) aus Parma sind nach Canazei gekommen, um das genetische Material zu untersuchen, das den Überresten der Opfer entnommen wurde.

VERMEIDBARE KATASTROPHE?

Hätte das Unglück vermieden werden können?

Staatsanwalt Sandro Raimondi (Staatsanwaltschaft Trient), hat eine Akte wegen "schuldhafter Katastrophe" angelegt, aber meint: „Wir können zum jetzigen Zeitpunkt Vorhersehbarkeit und Fahrlässigkeit oder Unvorsichtigkeit ausschließen“.

Der Gletscher habe sich aber vor dem Unglück sehr wohl verändert, so Bergführer vor Ort.

Carlo Budel, Bergführer:

"Der Gletscher war in einem sehr schlechten Zustand, schon im Juni lag kein Schnee mehr darauf. Letztes Jahr, als ich am 1. Juni zur die Hütte kam, brauchte ich einen halben Tag, um reinzukommen, alles war mit Schnee bedeckt. Dieses Jahr habe ich die Haupttür (der Hütte) in nur 30 Minuten geöffnet."

Am Samstag (09/07) trauert die gesamte Gemeinde des Val di Fassa, mit einer Messe für die Opfer, zelebriert vom Erzbischof von Trient und dem Bischof von Vicenza.

Schon seit 30 Jahren sehen wir mit bloßem Auge, wie die Gletscher schmelzen. Dazu muss man kein Wissenschaftler sein
Reinhold Messner
Alpinist

MARMOLATA-GLETSCHER VERSCHWINDET

Die Marmolata ist der höchste Berg der Dolomiten und Teil der Marmolatagruppe und der Marmolata-Gletscher ist der größte in den Dolomiten. Experten zufolge hat der Gletscher zwischen 1905 und 2010 bereits mehr als 85 Prozent seines Volumens verloren. Und wird laut dem Glaziologen des Wissenschaftsmuseums MUSE in Trient, Christian Casarotto, in maximal 30 Jahren verschwunden sein ("Telenuovo"). 

Der Südtiroler Reinhold Messner, der als erster Alpinist alle 14 Achttausender der Welt bestiegen hatte, kennt Eistürme an Abbruchkanten, sogenannte Seracs wie den, der in der Marmolata abbrach - etwa vom Himalaya ("Heute"): "Die können so groß sein wie Wolkenkratzer oder Häuserzeilen". Er mahnt, Touren auf Eis nur mit Bergführer zu machen. Vorfälle wie an der Marmolata "werden wir häufiger sehen", warnt er. "Heute gibt es viel mehr Fels- und Eisabbrüche als früher." Und: "Schon seit 30 Jahren sehen wir mit bloßem Auge, wie die Gletscher schmelzen. Dazu muss man kein Wissenschaftler sein."

su mit dpa