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"Die Russen kommen": Finnland diskutiert Verbot für Touristen-Visa

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Von euronews
Russischer Reisebus an finnischem Grenzübergang
Russischer Reisebus an finnischem Grenzübergang   -   Copyright  AFP (Videostandbild)   -  

Finnland ist einer von fünf EU-Staaten, die mit Russland über eine gemeinsame Landgrenze verfügen. Gerade jetzt im Sommer rollen viele russische Reisebusse an. Ungeachtet der zahlreichen Sanktionen gewährt Finnland Menschen aus dem Nachbarland zwecks Urlaubsaufenthalt nach wie vor Einreisegenehmigungen. Und das gefällt vielen nicht.

Russland hatte Mitte Juli seine COVID-bedingten Grenzbeschränkungen gelockert, d. h. zum ersten Mal seit der Zeit vor der Pandemie können Russen mit einem Schengen-Visum seither die Grenze legal mit dem Bus oder dem Auto überqueren - und das, obwohl ihnen die Einreise in die EU in Flugzeugen und Zügen verboten ist. 

"Die Russen kommen", sagte Juho Pesonen, Professor für Tourismuswirtschaft an der Universität von Ostfinnland.

"Der Einkaufstourismus war schon immer einer der Hauptgründe, warum russische Touristen nach Finnland kommen, selbst wenn es nur für einen Tag ist", sagte er Euronews. 

Die Zahlen sind nicht schwindelerregend: Bislang gab es im Juli rund 176.000 Grenzübertritte. Das ist viel weniger als vor der Pandemie und vor der Invasion in die Ukraine:, Im Juli 2019 wurden fast 950.000 Grenzübertritte erfasst, mit Zehntausenden von Russen, die jeden Tag kamen.

Lappeenranta, die wichtigste Stadt im Südosten Finnlands, hat vor der Pandemie dank der Kaufkraft der Russen täglich eine Million Euro eingenommen.  

Politische Reaktion in Finnland

Innerhalb der wichtigsten politischen Parteien in Finnland gibt es eine breite Unterstützung dafür, den russischen Tourismus zu stoppen, indem keine neuen Visa ausgestellt werden. Dies wird jedoch durch die schätzungsweise 100.000 Russen, die bereits im Besitz eines finnischen Schengen-Visums sind, und Hunderttausende weitere, die von anderen Ländern ausgestellte Schengen-Visa besitzen, etwas untergraben.

Die finnische Regierung scheint darauf warten zu wollen, dass die EU einen gemeinsamen Standpunkt zu diesem Thema einnimmt, anstatt einseitig zu handeln, und da Premierministerin Sanna Marin derzeit im Sommerurlaub ist, ist es unwahrscheinlich, dass ihr Nachfolger einen entscheidenden Schritt unternimmt.

Der Politiker der Oppositionspartei, Kai Mykkänen, sagte, es sei immer noch wichtig, dem russischen Volk durch Visasanktionen eine Botschaft zu übermitteln.

"Dies ist keine Schwarz-Weiß-Frage, und wir haben intern über das Für und Wider gesprochen", sagte Mykkänen, der Fraktionsvorsitzende der Mitte-Rechts-Partei Nationale Koalition.

Pendeln über die Grenze

Die Grenze zwischen Finnland und Russland ist 1340 km lang und weitgehend unbewacht; es gibt nur eine Handvoll offizieller Grenzübergänge.

Vor der COVID waren die in der Nähe der Grenze lebenden Russen daran gewöhnt, für Wochenendausflüge oder Einkaufstouren in finnischen Supermärkten und Kaufhäusern nach Finnland zu kommen.

In den Spitzenjahren 2012-2014, als der Rubel gegenüber dem Euro relativ stark war, fuhren so viele Russen über die Grenze, dass es sogar eine Website gab, auf der schlecht geparkte russische Autos in Lappeenranta dokumentiert wurden.

Einige finnische Unternehmen wollten zweifellos von diesem neuen russischen Zustrom profitieren. Ein Bild in den sozialen Medien, auf dem 10-kg-Säcke Zucker auf Paletten offenbar auf russische Kund:innen warteten, die in ihrer Heimat unter sanktionsbedingten Engpässen litten, sorgte für empörte Kommentare.

"Viele Menschen sind über die Russen verärgert", sagte der Professor Juho Pesonen von der Universität Ostfinnland.

"Aber natürlich müssen sich die Unternehmen auf diese neue Situation einstellen, und das Problem für viele ist, dass niemand weiß, was nächste Woche, nächsten Monat, nächstes Jahr passieren wird. Es gibt keine Möglichkeit, die politische Strategie Russlands oder Finnlands vorherzusagen.

"Wenn wir uns die Russen ansehen, die nach Finnland kommen, dann sind viele im Einkaufstourismus tätig. Als Unternehmer wäre es klug, die Produkte zu verkaufen, nach denen die Russen suchen, wie Kaffee oder Zucker", fügte er hinzu.  

"Die größte Herausforderung ist, dass die Schließung der Möglichkeit für Russen, hierher zu kommen, Wut auf uns hervorrufen könnte, während unser Ziel ist, Wut auf Putins Regime und den Krieg zu erzeugen", sagte er Euronews.

"Aber wenn man all dies in Betracht zieht, ist es richtig, den Russen zu zeigen, dass auch sie als Nation eine Verantwortung für die Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Regimes und seiner Politik haben, solange das Ausmaß der Verletzungen in der Ukraine stattfindet", fuhr Mykkänen fort. "Wir können nicht weiterhin normale Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern haben."

10.000 Via im Juli - Supermarkt fürchtet um Kundschaft

Ein grenznaher Supermarkt in der finnischen Ortschaft Nuijamaa müsste auf Einnahmen verzichten, sollte die russische Kundschaft fernbleiben. Das will Marktleiter Mohamad Darwich unbedingt verhindern: „Das ist die abwegigste Idee überhaupt, denn was gewinnt man, wenn man die normalen Menschen aus Russland aussperrt, die nichts mit den Entscheidungen der Führung zu tun haben?", sagt Darwich.

Im Juli haben die finnischen Behörden mehr als 10.000 Visaanträgen aus Russland stattgegeben. Von St. Petersburg sind es nur rund drei Stunden Fahrt bis zu Grenze.

„Ich wäre sehr traurig und enttäuscht, denn ich mag Finnland sehr und bin gerne hier. Das ist ein wunderbares Land. Die Natur, die Seen. Ich wäre enttäuscht", sagt ein russischer Urlauber über ein mögliches Einreiseverbot.

„Ukrainische Staatsangehörige werden getötet: Zivilpersonen, Frauen, Kinder. Andererseits verbringen russische Staatsangehörige ihren Urlaub in der Europäischen Union. Das ist ein unhaltbarer Zustand“, so der finnische Parlamentsabgeordnete Jukka Kopra.

Der Kreml betonte, man würde eine Einreisebeschränkung sehr negativ auffassen.