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Ahmad Massoud: "Afghanistan kann noch gerettet werden, aber es bleibt wenig Zeit"

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Von Anelise Borges  & Sabine Sans
Ahmad Massoud: "Afghanistan kann noch gerettet werden, aber es bleibt wenig Zeit"
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In Afghanistan haben 2021 die radikal-islamischen Taliban nach dem Abzug der internationalen Truppen wieder die Macht übernommen. Fast 20 Jahre Krieg, fast 20 Jahre Engagement der Nato, der westlichen Weltgemeinschaft, einen demokratischen Staat zu schaffen, verpufften innerhalb kürzester Zeit. Nur Tage brauchten die Taliban, um das Land zurückzuerobern, die Macht zu ergreifen und viele Menschen in Panik zu versetzen. Vor allem Frauen fürchten nun um ihr Leben oder um ihre Zukunft. 20 Jahre kämpfte in Afghanistan eine US-geführte Militärallianz gegen die Taliban und terroristische Gruppen. Auch die Bundeswehr war im Einsatz. Die USA hatten Al-Kaida-Chef bin Laden und sein Gefolge für die Anschläge vom 11.9.2001 verantwortlich gemacht.

Euronews-Reporterin Anelise Borges traf am 13. September in Wien den Anführer der Nationalen Widerstandsfront Afghanistans Ahmad Massoud zu einem Interview für The Global Conversation. Er repräsentiert für viele einen generationenübergreifenden Kampf für Freiheit und Souveränität in einem Land, das in den vergangenen vier Jahrzehnten alles andere als das kannte.

Euronews-Reporterin Anelise Borges: Ihr Land hat sich grundlegend verändert - nach 20 Jahren ausländischer Truppenpräsenz ist Afghanistan nun wieder in der Hand der Taliban, Ihr eigenes Leben wurde auf den Kopf gestellt - Pandschir, die Provinz, aus der Sie stammen, wurde von den Taliban erobert. Erinnern Sie sich, wo Sie am 15. August 2021 waren? Was haben Sie an diesem Tag gemacht?

Ahmad Massoud, Anführer der Nationalen Widerstandsfront Afghanistans: Ich war in Kabul. Ich blieb bis zum letzten Augenblick in Kabul. Ich blieb in Kabul, viele Menschen blieben in Kabul mit einer Hoffnung: Trotz allem hofften wir auf einen friedlichen Übergang. Einen friedlichen Übergang von der Republik Afghanistan zu einer Übergangsregierung, die eine Situation des Friedens und des Dialogs herbeiführen würde, und dann vielleicht eine Wahl oder eine neue Regierung - an der die Taliban beteiligt sein könnten. Doch leider endete der Regierungszusammenbruch, - die Fehlkalkulation und die Absicht der Taliban, das Problem Afghanistan nicht durch Frieden und Dialog zu lösen, sondern Zeit zu verschwenden und es mit dem Gewehrlauf zu lösen, - in dieser Katastrophe.

Euronews: Sie haben versucht, mit den Taliban zu verhandeln, so wie es Ihr Vater in der Vergangenheit getan hat. Ich habe gehört, dass man Ihnen einen Posten in ihrer Regierung angeboten hat. Wie kam es dazu? 

Ahmad Massoud: Als ich ins Pandschir-Tal fuhr, war eine Sache ganz klar. Die Taliban machten Propaganda und sagten, dass "Herr Ashraf Ghani keinen Frieden wolle". Selbst der Opposition von Herrn Ghani, der wir angehörten, gefiel die Art und Weise nicht, wie er regierte. Es war klar, dass seine Art zu regieren zum Zusammenbruch führen würde. Als sich uns nun die Möglichkeit bot, unser eigenes Volk zu vertreten, habe ich zuerst den Weg des Dialogs, der Verhandlungen und des Gesprächs eingeschlagen. Dafür haben wir einige Anstrengungen unternommen. Zuallererst dachte ich, da die Taliban von der Scharia, dem Islam, der Religion sprechen, könnten die Gelehrten Afghanistans gute Botschafter und Vermittler sein. Ich habe sie - die Gelehrten - gebeten, als Botschafter und Vermittler zu fungieren. Sie taten ihr Bestes. Aber leider haben die Taliban nicht auf sie gehört. Zweitens dachte ich, dass die Gelehrten vielleicht nicht sehr diplomatisch sind, dass wir nicht sehr effektiv sind. Eine Delegation, eine politische Delegation wurde zu den Taliban geschickt. Ohne Ergebnis, sie lehnten ab. Und dann dachte ich, vielleicht sollte ich es selbst direkt versuchen. Ich habe mit verschiedenen Taliban-Vertretern gesprochen, um vielleicht einen Weg zu finden, die Gewalt zu beenden und Frieden zu schaffen.

Euronews: Mit wem haben Sie gesprochen? Können Sie uns das erzählen? 

Ahmad Massoud: Ich habe mit Herrn Muttaqi (Amir Khan Muttaqi, amtierender Außenminister) gesprochen, ich habe mit Shahabuddin Delaware (amtierender Minister für Mineralien und Erdöl) gesprochen, ich habe mit Herrn Khias gesprochen, ich habe mit Herrn Anas Haqqani (hochrangiger Taliban-Führer) gesprochen, ich habe mit Herrn Khalil Haqqani (amtierender Minister für Flüchtlinge) gesprochen. Denn ich weiß, dass es innerhalb der Taliban Spaltungen gibt. Wenn ich also mit einer Seite sprach, hieß es manchmal: 'Nein, das sind nicht wir, das ist die andere Gruppe.' Wenn ich mit der anderen Gruppe sprach, sagten sie: 'Nein, nicht wir kämpfen, das ist die andere Gruppe.' Leider gab es immer diese Heuchelei.

Wo steht der Widerstand heute?

Euronews: Ein paar Tage nach dem Fall von Kabul haben Sie von Pandschir aus einen Kommentar für die Washington Post verfasst, ich zitiere: 'Ich bin bereit, in die Fußstapfen meines Vaters zu treten. Die Mudschaheddin-Kämpfer sind bereit, es wieder mit den Taliban aufzunehmen, wir haben Munitions- und Waffenvorräte, die wir seit der Zeit meines Vaters gesammelt haben.' Was ist aus diesem Versprechen, aus diesem Kampf geworden? Wo steht der Widerstand heute? 

Ahmad Massoud: Der Widerstand ist etwas, das die Taliban immer wieder bestreiten. Uns ist es gelungen, sie gefangenzunehmen, wir haben es sogar geschafft, ihre Hubschrauber abzuschießen, die harten Winter am Hindukusch zu überleben, wir haben es geschafft, ohne Hilfe von außen zu überleben.  

Euronews: Ist das eine freie Wahl? Oder schenkt die internationale Gemeinschaft Ihrer Sache einfach keine Aufmerksamkeit?

Ahmad Massoud: Kein vernünftig denkender Mensch würde sagen, dass wir nichts brauchen. Natürlich brauchen wir Unterstützung, natürlich brauchen wir Hilfe. Aber ich bin nach wie vor der festen Überzeugung, dass wir alle zusammenkommen müssen: die internationale Gemeinschaft und die afghanischen Eliten, die mit der derzeitigen Situation nicht zufrieden sind, um einen Weg für die Zukunft Afghanistans zu finden. 

Euronews: Sie streben also eine afghanische Lösung für Afghanistan an.

Ahmad Massoud: Auf jeden Fall, ja. 

Der Krieg gegen den Terror ist noch lange nicht vorbei

Euronews: Die USA wollten 'diesen endlosen Krieg beenden'. Aber dieser Krieg, der Krieg gegen den Terror, ist noch lange nicht vorbei. Es ist bekannt, was in der Region passiert. Sie haben vor den Gefahren der Rückkehr der Taliban gewarnt, dass Al-Kaida in Ihrem Land operiert und dass die Taliban vielleicht anderen Gruppen in Afghanistan Unterschlupf gewähren. Warum nimmt die Welt das einfach nicht zur Kenntnis? Warum unternimmt niemand etwas? 

Ahmad Massoud: Ich denke, dafür gibt es zwei Gründe: Wir leben nicht mehr in der Welt von 2001. Wir leben in einer Welt, in der die nationalen Interessen im Moment viel wichtiger sind als die globalen Interessen, die 2001 noch wichtig waren. Früher haben die Menschen eher langfristig als kurzfristig gedacht. Außerdem haben sich ein paar Dinge wirklich geändert. Erstens erinnerte sich die Generation, die näher an den Erfahrungen oder an der Ära nach dem Zweiten Weltkrieg war, an die Bedeutung des Kampfes für Freiheit und Demokratie und verstand sie. Sie sahen Freiheit, Demokratie und die moderne Welt nicht als selbstverständlich an. Sie wussten um das Blut, das vergossen, das dafür geopfert worden war. Deshalb stand die Welt während der sowjetischen Invasion an der Seite des afghanischen Volkes, die Welt stand Afghanistan im Kampf gegen den Terrorismus bei.

Die vergangenen 20 Jahre, die neuen Phasen und vor allem die neuen Generationen haben Europa verändert. Man sieht alles als selbstverständlich an: das Leben, die Demokratie, die Freiheit. Man hat das Böse vergessen, dem wir alle als Menschheit viel opfern, um es zu besiegen. Das ist also eine Sache. Und das ist meine persönliche Erfahrung, die ich seit vielen Jahren in Europa gemacht habe.

Die zweite Sache waren die vergangenen 20 Jahre Krieg in Afghanistan. Die Welt hat in diesen 20 Jahren alles getan, aber sie hat versagt. Und jetzt glaubt man, dass es keine Hoffnung mehr gibt. Aber Afghanistan ist noch zu retten, aber es bleibt wenig Zeit.

Wie kann man Afghanistan helfen?

Euronews: Wie kann man Afghanistan retten? Was muss geschehen, um Ihr Land zu retten? 

Ahmad Massoud: Die Welt muss den Taliban und den Forderungen der Taliban entschieden entgegentreten. Die Welt als kollektive Gruppe muss sich gemeinsam, nicht individuell mit den Taliban, sondern kollektiv mit Afghanistan auseinandersetzen - mit allen Seiten, allen Parteien, allen Sektoren des Landes - um wirklich eine Lösung für Afghanistan zu finden: eine politische Lösung oder einen Prozess, der die Situation in Afghanistan auf eine legitime Regierung vorbereitet.

Warum wird es jetzt funktionieren? Dafür gibt es einige Gründe. Erstens haben die Taliban nach einem Jahr an der Macht gezeigt, dass sie nicht in der Lage sind, zu regieren. Zweitens haben die Menschen erkannt, dass am Anfang viele hoffnungsvoll waren - sie nannten sie sogar Taliban 2.0, gemäßigte Taliban -, aber wir haben gesehen, dass das alles ein Trugschluss war. Sie sind dieselben. Drittens gibt es interne Spaltungen innerhalb der Taliban. Es gibt Gruppen, die mit der Situation nicht zufrieden sind. Aber sie sind in der Minderheit. Und schließlich ist es so, dass einige der Länder, die gegen die Anwesenheit amerikanischer internationaler Truppen in Afghanistan waren und deshalb die Taliban unterstützt haben, das jetzt nicht mehr tun. Das ist also eine Chance, die zum Erfolg führen kann.

Warum hat mein Vater, als er 2001 nach Frankreich kam, damals nachdrücklich die Unterstützung der afghanischen Regierung und den Kampf gegen den Terrorismus ohne die Anwesenheit internationaler Truppen empfohlen? Weil er wusste, dass die Anwesenheit internationaler Streitkräfte im Land, Afghanistan zu einem Schlachtfeld für andere Rivalen machen würde. Denn wir alle wissen, dass viele Supermächte einander nicht firm sind, dass sie ihre eigenen Spielchen treiben und ihre eigenen Pläne verfolgen. Wenn sie in einem Land präsent sind, wird das andere Land alles in seiner Macht Stehende tun, um etwas gegen seine Feinde zu unternehmen. Jetzt ist die Präsenz der internationalen Streitkräfte in Afghanistan gleich null. Daher besteht die Möglichkeit, gemeinsam etwas zu unternehmen und Druck auszuüben. Und vor allem die Menschen, die neue Generation und insbesondere die Frauen, wollen nicht, dass die Situation so weitergeht. 

"Wir werden uns also durchsetzen, wir werden Erfolg haben, aber wir brauchen jetzt die Aufmerksamkeit und Unterstützung der Welt, bevor es zu spät ist."
Ahmad Massoud
Anführer der Nationalen Widerstandsfront Afghanistans

Ahmad Schah Massoud: Ein Leuchtfeuer der Hoffnung

Euronews: Sie haben Ihren Vater erwähnt, der ein herausragendes Symbol für den Kampf für die Werte ist, die - Sie haben es selbst gesagt - Ihr Land mit dem Westen teilt. Wären die Dinge heute anders, wenn er noch leben würde? 

Ahmad Massoud: Auf jeden Fall. Wenn er am Leben wäre - zuallererst war er zu seiner Zeit mit seinen Fähigkeiten, seinen Möglichkeiten und allem, was er hatte, Teil einer legitimen Regierung und ein militärisches Genie. Er wusste in der allerletzten Phase seines Lebens und seines Kampfes gegen die Taliban. Bei verschiedenen Treffen, insbesondere mit der Presse, und auch bei einer Reise nach Europa erwähnte er, dass die Taliban nicht mehr in der Lage waren, uns militärisch zu besiegen. In diesem letzten Jahr seines Lebens wusste er, dass er militärisch nicht besiegt werden würde. Deshalb wollte er mit seinem Besuch in Europa eine neue Phase einleiten, eine neue Ära, eine neue Art von Prozess - wie ich es bereits erwähnte, dass alle Seiten zusammenkommen, um eine neue Regierung in Afghanistan zu bilden. Er wollte nicht Kabul einnehmen und seine eigene Regierung einsetzen. Das war nicht sein Ziel. Er hat sich im Grunde widersetzt, bis die gesamte afghanische Diaspora bereit war, zusammenzukommen und sich an der Bildung einer Regierung zu beteiligen, die alle akzeptieren und der alle zustimmen können. Und genau das hat er getan, und er konnte es durchhalten. Aber die Taliban wussten es, Al-Kaida wusste es und andere wussten es: Wenn er noch lebt, wird man nicht erfolgreich sein. Und Al-Kaida wusste, wenn er am Leben ist, kann man nicht dem Westen oder anderen Ländern schaden. Also haben sie ihn eliminiert und dann die Twin Towers angegriffen. Wenn Ahmed Shah Massoud nicht eliminiert, ermordet worden wäre, hätte sich die Tragödie von 9/11 nicht ereignet und wir wären nicht in dieser Situation. 

Euronews: Was für ein Vater war Ahmad Schah Massoud? Welche Erinnerung haben Sie an ihn? 

Ahmad Massoud: Ich erinnere mich an seine Freundlichkeit. Ich erinnere mich, dass er ein sehr strenger Lehrer war und mich Kunst, Poesie und Literatur lehrte. Er liebte persische Literatur, er liebte die Poesie des Sufismus. Und er war ein sehr starker Mann. Er hatte Charisma, er schuf eine Atmosphäre um sich herum, wenn man mit ihm zusammen war, war man beruhigt: 'Es wird nichts passieren, er ist hier'. Ich erinnere mich an sehr harte Zeiten, als das Pandschir-Tal komplett von den Taliban umzingelt war, sie kamen und wollten es erobern, es war eine sehr schwierige Zeit. Aber die Menschen im Pandschir-Tal waren glücklich, sie lächelten. Ich fragte mich, warum. Es gibt einen Ausspruch auf Dari (sagt etwas in Dari), der bedeutet: 'Er ist hier!', nach dem Motto: 'Er wird alles in Ordnung bringen!' Wenn er die Russen besiegt hat, dann kann er sicher auch all diesem Druck standhalten. So war er. Er war ein Leuchtfeuer der Hoffnung. Er war ein Leuchtturm der Liebe, er war sehr freundlich und sehr moderat.

Lohnt der Kampf für die Demokratie und die Freiheit?

Euronews: Sie waren 12, als Sie Ihren Vater verloren, Ihre Familie hat sehr gelitten. Ihr Leben verläuft nicht so wie das gewöhnliche Leben eines Mannes in ihrem Alter. Warum tun Sie das immer noch? Lohnt es sich noch, dafür zu kämpfen? 

Ahmad Massoud: Vor unserem Interview erzählten Sie mir, dass Sie sich sofort in Afghanistan verliebt haben. Ich stamme aus diesem Land. Ich bin gesegnet worden, manche Leute nennen es einen Fluch, aber ich fühle mich wirklich gesegnet, in diesem Land, mit diesem Volk geboren zu sein: ein Volk, das es verdient, sein Leben dafür zu geben.