"Vergiftete Geschenke": Kenia kämpft mit Textilmüll der Welt

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Von euronews
Müllsammler in Kenia
Müllsammler in Kenia   -   Copyright  AFP   -  

Der Gikomba Markt im kenianischen Nairobi ist Umschlagplatz für gebrauchte Kleidung aus der ganzen Welt. Die Händler hier verkaufen westliche Markenkleidung für einen Bruchteil ihres ursprünglichen Preises. Eine scheinbar unendliche Menge von Säcken mit Hemden, Hosen und Accesoires wartet auf Kundschaft.

Gebrauchte Textilien aus dem Ausland sind ein echter Wirtschaftsfaktor in Kenia. Auch John Mwangi in Nariobi verdient so seinen Lebensunterhalt: "Mit dem Geld aus dem Wiederverkauf kann ich dann kaufen, was ich brauche im Leben. Ich habe nie mit etwas anderem gehandelt. Wenn das hier aufhört, bin ich aufgeschmissen."

Textilmüll der Welt als Problem für Kenia

Das Recylcing westlicher Kleidung in Kenia lässt die Berge des weltweit produzieten Abfalls schrumpfen - zumindest in den Ursprungsländern. Doch die Menge der Kleidung minderer Qualität schafft hier in Afrika neue Müllprobleme, wie Beobachter feststellen.

Denn was die Händler auf dem Markt nicht zu Geld machen können, wird verbrannt oder landet auf der Müllkippe. Hier suchen die Ärmsten der Armen, wie Damaris Wanijiru, nach Kleidung, um ihrerseits vielleicht etwas zu verdienen, um die Kinder durchzubringen. Sie hat vier davon.

"Wir suchen im Abfall nach Kleidung, dafür müssen wir ihn sortieren. Dann nehmen wir das Beste und waschen die Stücke. Die Kinder tragen einen Teil, wir selbst auch. Und es gibt Menschen, die uns etwas davon abkaufen. So verdienen wir Geld und kleiden uns in das, was übrig bleibt."

Das United Nations Environment Programme (UNEP) kritisiert die Bekleidungsindustrie für die Auswirkungen ihrer Produktion auf die Umwelt. Deren Anteil am Treibhauseffekt liege bei acht Prozent, und ist damit auch für den Klimawandel mit verantwortlich. Jedes Jahr werden weltweit noch tragbare Kleidungsstücke im Wert von 460 Miliarden US-Dollar weggeworfen.

Greenpeace: Modelabels müssen Verantwortung übernehmen

Janet Chemitei arbeitet für die Umweltschutzorganisation Greenpeace. Sie sagt, reichere Länder nutzten Staaten wie Kenia als Kippen für Müll, den diese gar nicht recyclen könnten.

"Die Kleidung besteht aus Synthetikfasern, gemacht aus Erdöl, was der Umwelt auch bei uns hier nicht gut tut, auf lange Sicht. Wir in Kenia wollen, dass die Unternehmen dafür zur Rechenschaft gezogen werden und die Produktion von Fast-Fashion einstellen."

Greenpeace hat einen Bericht dazu vorgelegt, mit dem vielsagenden Titel "Poisoned Gifts", also "Vergiftete Geschenke": Demzufolge handelt es sich bei importierter Second-Hand-Ware nicht nur um Müll, sondern auch um eine Gefahr für die lokale Textilindustrie. Rund 74.000 werden Jahr für Jahr nach Kenia importiert - bis zu 40 Prozent lande schließlich auf dem Müll.

USA schicken Berge gebrauchter Textilien

Wegen bestimmter Handelsabkommen mit den USA sei es für viele Länder südlich der Sahara schwer möglich, die Einfuhr zu verweigern. Ironischerweise trägt das entscheidende Abkommen den Titel "African Growth and Opportunies Act", also so viel wie "Gesetz für Wachstum und Chancen Afrikas":

Nach Einschätzung des Thinktanks Council on Foreign Relations liegen die Vorteile klar auf seiten der USA. Denn die Staaten Afrikas importieren mehr Waren aus den USA als sie dorthin exportieren.

Die Vereinten Nationen suchen nach Lösungen und ermutigen nicht nur die kenianische Wirtschaft, neue Lösungen für die Nutzung von Texteilabfall zu finden. Africa Colect Textiles hat sich genau das auf die Fahnen geschrieben.

Ideen für Kenia: aus Baumwollhemden werden Teppiche

Die in Nairobi ansässige Organisation importiert selbst mehr als 200 Millionen Kilogramm gebrauchter Textilien im Jahr. Alex Musembi ist einer der Gründer.

"Einem Bericht zufolge, den ich gelesen habe, sind rund 30 Prozent des Abfalls, der aus dem globlaen Norden zu uns kommt, tatsächlich Müll. Das ist das Problem. Das Textilproblem ist ein Mülproblem."

Africa Collect Textiles betreibt Upcycling. Aus gebrauchten Textilien werden Teppiche, Federmäppchen und andere Produkte, die dann in die Schweiz, nach Deutschland und in die Niederlande exportiert werden. 50.000 Euro macht das Unternehmen so im Jahr und beschäftigt 16 Angestellte in Vollzeit.

35 Drop-Off-Punkte hat die Organisation eingerichtet. Dort lassen Menschen aus Nairobi Kleidung, die sie nicht mehr brauchen. Allerdings werden ausschließlich Stücke aus Baumwolle angenommen.

Unternehmer in Kenia fordern Fonds zur Müllbewältigung

Auch Musembi will, dass Modelabels für ihre Produkte Veranwortung zeigen müssen.

"Ich spreche da von Nike, Adidas oder Tommy Hilfiger, H&M und so weiter. Sie sollten einen Fonds aufsetzen. Von jedem Euro, den sie einnehmen muss ein Anteil in da hinein gehen, für Unternehmen wie Africa Collect Textiles, die versuchen, mit dem ganzen Müll hier umzugehen."

Doch selbst wenn ein solcher Fonds zustande kommen sollte: In Kenias Flüssen allein ist mehr Textilmüll zu finden als African Collect Textiles je wird verabeiten können.