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Protokolle von Notrufen in Seoul veröffentlicht - 2 Stunden vor der Tragödie

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Von Alexandra Leistner  mit AFP
Trotz eindeutiger Warnungen, hat die Polizei in Südkorea nicht genug getan, um die Massenpanik zu verhindern, bei der mindestens 156 Menschen ums Leben kamen.
Trotz eindeutiger Warnungen, hat die Polizei in Südkorea nicht genug getan, um die Massenpanik zu verhindern, bei der mindestens 156 Menschen ums Leben kamen.   -   Copyright  JUNG YEON-JE/AFP   -  

Nach einer Massenpanik, bei der mehr als 150 Menschen ihr Leben verloren, haben die Behörden in Seoul erhebliche Versäumnisse eingeräumt. 

Der nationale Polizeichef Yoon Hee-keun sagte, die Polizei habe gewusst, "dass sich schon vor dem Unfall eine große Menschenmenge versammelt hatte, die eine dringende Gefahr signalisierte".

Unter Tränen entschuldigte sich auch der Bürgermeister von Seoul, Oh Se-hoon. Er fühle sich "unendlich verantwortlich für diesen Unfall".

Kurz nach der Massenpanik war der Druck auf die Behörden gewachsen. In sozialen Netzwerken kritisierten viele, dass zu viele Menschen in die Gegend rund um die U-Bahn-Station Itaewon und die Gassen rundherum gelassen worden waren. 

Südkoreanische Medien veröffentlichten Abschriften der Anrufe, die bei Rettungskräften teilweise bereits Stunden vor der Tragödie eingingen. "Es gibt zu viele Menschen hier, die geschubst, getreten und verletzt werden. Es ist chaotisch. Sie müssen das unter Kontrolle bringen", sagte eine Person gegenüber der Polizei um 20.09 Uhr Ortszeit - fast zwei Stunden bevor die große Massenpanik losging.

Ablauf der Ereignisse - Stunde für Stunde

7. Oktober: 100.000 Menschen erwartet

Zwei Tage vor der Katastrophe rechnet die Polizei mit 100.000 Menschen, die im Stadtteil Itaewon Halloween feiern wollen. Sie plant, 200 Sicherheitsbeamt:innen ein zusetzen.

Da es sich um eine "inoffizielle" Veranstaltung handelt, planen die lokalen Behörden keine Verstärkung.

29. Oktober: 20.30 Uhr: Erste Warnungen

Am Samstagnachmittag, dem 29. Oktober, strömen Zehntausende von Menschen, viele von ihnen in Halloween-Kostümen, in die engen Straßen von Itaewon.

Um 20.30 Uhr Ortszeit ist die Gasse, in der es später zu dem Massengedränge kommt, überfüllt. Einige Partygäste verletzten sich bereits aufgrund der dichten Menschenmenge. "Ich habe die Polizei verständigt, aber niemand hat sich gemeldet", sagte der Angestellte einer Diskothek gegenüber örtlichen Medien. Er habe vor der Katastrophe zweimal mit der Polizei gesprochen.

Um 21.16 Uhr geht eine Frau, die Aufnahmen ihres Telefons live ins Internet überträgt, zu einer Polizeistation, die 10 Meter von der Gasse entfernt liegt. Sie warnt, dass die Menschenmenge gefährlich dicht sei. Die Polizei ignoriere sie, sagt sie in einem Video - das sie später wieder löschte.

Der nationale Polizeichef Yoon Hee-keun gibt am 1. November zu, dass die Polizei "mehrere Warnungen" erhalten hatte, auf die nicht angemessen reagiert wurde.

29. Oktober - ab 22:15 Uhr: Notrufe, zehntausende

Um 22.00 Uhr fallen einige Menschen am oberen Ende der schrägen Gasse plötzlich hin, wie Augenzeugen berichteten. Diejenigen, die sich unten auf der Straße befinden, können nicht ausweichen, eine dichte Menschenmenge kommt ihnen entgegen.

Die Menschen fallen um "wie Domino-Steine", sagt ein Augenzeuge, den die AFP zitiert. Sie stürzen auf die vor ihnen gehenden Personen, die schnell ebenfalls eingeschlossen, zertrampelt oder zerquetscht werden.

Immer mehr Anrufe von Opfern, die von Atembeschwerden berichten, gehen bei der Polizei ein - bis 22.43 Uhr, als die Behörden einen "Notfalleinsatzbefehl von ersten Stufe" ausrufen, sind es mehr als 81 Anrufe.

29. Oktober - vor Mitternacht: "Überall Leichen"

Südkoreas Präsident Yoon Suk-yeol beruft eine Sitzung des Katastrophenschutzteams ein. Vor Ort bemühen sich Helfer und Passanten, die Opfer aus den Leichenbergen in der Gasse zu ziehen.

"Wir zogen an ihnen, aber wir konnten (sie) nicht herausziehen, weil all diese Menschen zusammengepfercht waren und das ein großes Gewicht erzeugte", sagte Jarmil Taylor, der oben in der Gasse in das Gedränge geraten war, gegenüber AFP. "Überall lagen Leichen", sagte der US-Soldat, der mit zwei Kameraden an den Rettungsarbeiten beteiligt war.

Erst weit nach Mitternacht gelang es den Helfern, alle Personen herauszuholen.

Dane Beathard sagte der Nachrichtenagentur AFP: "Die Leute, die da drin festsaßen, konnten schon lange nicht mehr atmen.

30. Oktober: Die Masse auflösen

1 Uhr

Die Polizei versucht, die Menschenmenge aufzulösen, doch das Gedränge ist zu dicht. Um 1 Uhr wird den Restaurants, Bars und Geschäften befohlen, zu schließen.

Zu diesem Moment versuchen Rettungskräfte und freiwillige Helfer:innen verzweifelt, Menschen wiederzubeleben. "Da lagen über 50 Menschen, aber ich konnte sie nicht ansehen, weil die Szene so schrecklich war", sagte Choi, eine Frau, die bei der Wiederbelebung von Opfern geholfen hatte.

2 Uhr

Gegen 02.00 Uhr untersagt Präsident Yoon den Zugang zu Itaewon mit Ausnahme von Polizist:innen und medizinischem Personal.

3 Uhr

Gegen 3 Uhr morgens meldet die Feuerwehr 120 Tote, warnte jedoch, dass die Zahl der Toten aufgrund der vielen Verletzten, die sich in kritischem Zustand befinden, noch weiter steigen dürfte.

Weil die U-Bahn schnell überlastet ist, werden Busse geschickt, um das Gebiet zu evakuieren.

30. Oktober 9.45 Uhr: Eine "rigorose" Untersuchung

Am Sonntag um 9.45 Uhr wendet sich Präsident Yoon in einer Fernsehansprache an die Nation. Er sagt, die Katastrophe hätte "nicht passieren dürfen" und verspricht eine "rigorose" Untersuchung.

Am Dienstag, 1. November 2022, sind 156 Tote bestätigt, darunter offenbar sehr viele junge Frauen. Die Massenpanik ist eine der größten Tragödien in der Geschichte des Landes.