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Fußball als Erlebnis für alle bei der Fußball-WM Katar 2022

Von Miranda Atty
Fußball als Erlebnis für alle bei der Fußball-WM Katar 2022
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Eines der wichtigsten Ziele der Fußballweltmeisterschaft Katar 2022 ist es, sicherzustellen, dass alle Menschen die gleichen Chancen haben, das Turnier zu genießen.

Barrierefreiheit und Teilhabe sind für die Organisatoren der Veranstaltung von großer Bedeutung, und man hofft, dass dieses Vermächtnis weit über den Anpfiff des Schiedsrichters zum Finale am 18. Dezember hinaus Bestand haben wird.

Ahmed Habib ist ein begeisterter Fußballfan, der es kaum erwarten kann, dass Katar 2022 beginnt: "Es ist alles bereit, damit die WM in Katar zu einer der barrierefreiesten Sportveranstaltung aller Zeiten wird. Schon seit langem ziehen wir Mitglieder der Behindertengemeinschaft in die Planung mit ein, um höchste Standards an den Austragungsorten zu schaffen. Aber die Veranstaltung soll auch eine Rolle bei dem Wandel spielen, das ganze Land barrierefreier zu gestalten."

Er arbeitet als Senior Media Content Specialist für den Obersten Rat für Organisation und Nachhaltigkeit, die Regierungsbehörde, die alles im Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft überwacht. Er hofft, dass die Weltmeisterschaft eine Plattform bietet, um eine neue Ära für das Land einzuläuten.

"Stadien wie hier in Katar gibt es nicht viele. Alle acht Stadien sind nagelneu und bieten Rollstuhlfahrern wie mir die Möglichkeit, in verschiedenen Bereichen des Stadions zu sitzen und die Spiele aus verschiedenen Sichtachsen zu verfolgen."

Sinnesräume als Rückzugsort

Für ein barrierefreies Stadion reicht es aber nicht aus, eine Reihe rollstuhlgerechter Sitzplätze zu installieren. Das Jubeln der Zuschauer ist einer der vielen Gründe, warum Menschen Sportveranstaltungen gerne live verfolgen. Aber das ist nicht für jeden etwas.

Das Education City Stadion ist mit einem Sinnesraum ausgestattet: eine Rückzugsmöglichkeit für junge Fans mit Autismus und anderen kognitiven Behinderungen, um ihre Ängste während des größten Sportereignisses der Welt abzubauen.

"Unser Beitrag ist wertvoll. Wir kennen unsere Bedürfnisse besser als jeder andere. Und wir sehen das große Ganze und bringen unsere persönlichen Erfahrungen ein."
Ghanimeh El-Taweel
Dozentin an der Hamad Bin Khalifa Universität

Die Renad-Akademie ist eine Schule in Doha für Kinder mit Autismus. Sie bietet Unterricht und spezielle Hilfen für Schüler sowie Schulungen und Unterstützung für Eltern an.

Sana Abu Majeed ist Ergotherapeutin und arbeitet an der Renad-Akademie. Sie wurde gebeten, an der Gestaltung des Sinnesraums im Education City Stadion mitzuwirken. Sie begann damit 2020, um ihn für den Arab Cup im vergangenen Jahr fertigzustellen.

"Die meisten Betroffenen werden von Geräuschen überwältigt, stören sich an der Beleuchtung und empfinden überfüllte Räume als sehr unangenehm. Hier kommt ein Sinnesraum ins Spiel. Diese Räume sollen die Menschen beruhigen und entspannen", erklärt sie.

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Ergotherapeutin Sana Abu Majeed in einem Sinnesraumeuronews

Qatar Disability Resource: Interessenvertreter für Behinderte zusammenbringen

Sabika Shaban gründete Qatar Disability Resource, um die Interessenvertreter für Behinderte im Land zusammenzubringen:

"Das Thema Zugänglichkeit an sich ist schon eine Herausforderung. Dabei geht es um sehr unterschiedliche Bedürfnisse. Barrierefreiheit bedeutet mehr als eine Rampe zu installieren und Schilder in Blindenschrift anzubringen. Das ist wichtig, aber es geht um mehr als das."

Ihr zufolge wurde bereits viel Arbeit an der Basis geleistet, um die Barrierefreiheit bei künftigen Fußballturnieren zu fördern.

"Die FIFA hat einige dieser Punkte hervorgehoben und ihnen mehr Bedeutung verliehen. Die Tatsache, dass bei jedem Schritt - z. B. bei der Planung von Stadien und der Gestaltung der Fanerlebnisse - viele repräsentative Stimmen zu Wort kommen, hat eine Art Präzedenzfall dafür geschaffen, dass sie bei allem, was in Zukunft geplant wird, eine Rolle spielen."
Sabika Shaban
Gründerin der Qatar Disability Resource

Eine prominente Stimme ist die von Ghanimeh El-Taweel. Sie ist Dozentin an der Hamad Bin Khalifa University und eine selbsternannte "Unruhestifterin", weil sie gerne Dinge und den Status quo infrage stellt.

El-Taweel war bei der Abnahme des Education City Stadions dabei und gab ihre Empfehlungen zur Änderung der Beschilderung, der Beleuchtung und der für Menschen mit Behinderungen vorgesehenen Wege ab.

"Wir haben auch die U-Bahn und die Straßenbahn bewertet. In der Straßenbahn haben sie unsere Empfehlung für eine Rollstuhl-Rampe umgesetzt. Man soll danach fragen, bevor man mit der Straßenbahn fährt, aber wir haben ihnen gesagt, dass sie jederzeit verfügbar sein sollte. Sie war hinter den Türen. Dafür besteht keine Notwendigkeit, also wird sich auch das ändern."

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Ghanimeh El-Taweel gab Empfehlungen zur Verbesserung der Bedingungen für Menschen mit Behinderungen im Education City Stadion abeuronews

Ghanimeh El-Taweel glaubt fest an das Motto "Nichts über oder ohne uns":

"Das bedeutet, dass wir von Anfang an mit am Tisch sitzen. Wir sind nicht nur hier, um ein Kästchen anzukreuzen: 'Oh, wir hatten Leute aus der Behindertengemeinschaft, die es sich angesehen haben, also ist alles gut'. Nein, wir sind von Anfang an dabei. Unser Beitrag ist wertvoll. Wir kennen unsere Bedürfnisse besser als alle anderen. Es geht um das Gesamtbild, wir bringen unsere persönlichen Erfahrungen ein."

Die Hoffnung ist, dass die Erfahrungen aus erster Hand zu einem angenehmen WM-Erlebnis für alle führen.

Straßenkinder-Weltmeisterschaft 2022

Fußball wird aufgrund der manchmal gezeigten Ballvirtuosität oft als das schöne Spiel bezeichnet. Aber für Street Child United geht die Schönheit des Fußballs weit darüber hinaus. Die Organisation nutzt den Sport als weltweite Plattform für Straßenkinder, um sie zu ermutigen, ihre Stimme zu erheben und die Chancen, Rechte und Unterstützung zu fordern, die sie verdienen.

"Fußball ist eine universelle Sprache. All diese jungen Menschen sprechen sie, die ganze Welt spricht sie! Kein Kind sollte auf der Staße leben und dort seinen Lebensunterhalt verdienen."
John Wroe
Mitbegründer und Geschäftsführer von Street Child United

Die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft stellt Katar ins Rampenlicht. Ein Teil dieser Aufmerksamkeit soll der Straßenkinder-Weltmeisterschaft 2022 zukommen: der Street Child Word Cup 2022. 

13 Mädchen- und 15 Jungenteams waren aus der ganzen Welt angereist. Die Einreise nach Katar war manchmal schwierig, der Zugang zu Ausweispapieren ein großes Problem.

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Straßenkinder-Weltmeisterschaft 2022euronews

Jede Geschichte und jeder Kampf ist einzigartig. Sandihya Shankar ist die Kapitän der indischen Mädchen:

"Es hieß, das Karunalaya-Heim kümmere sich um Kinder, man hat uns aufgegriffen und dorthin gebracht. Ich hatte keine offiziellen Ausweispapiere. Ich brauchte eine Geburtsurkunde, eine Aadhaar-Karte, eine Bescheinigung der Gemeinde, aber ich hatte nichts davon. Im Karunalaya-Heim halfen sie mir, die Aadhaar-Karte zu bekommen."

"Ich hatte Mühe, einen Reisepass zu bekommen. Sie brauchten die Sterbeurkunde meines Vaters, das Kastenzertifikat und die Geburtsurkunde, um die ich sehr kämpfen musste."
Sandihya Shankar
Kapitänin des indischen Mädchen-Mannschaft

Die Programmmanagerin der Qatar Foundation Brooke Reid richtet die Straßenkinder-Weltmeisterschaft im Oxygen Park aus:  "Eine wichtige Erkenntnis ist, dass diese jungen Menschen oft keinen Zugang zu Dingen haben, um ihre Situation zu verbessern, sei es der Zugang zu Bildung, das Recht auf eine Identität. Die Teilnahme an diesem Turnier gibt ihnen diese Möglichkeit. Im Team Bangladesch hatten drei der jungen Leute keinen Zugang zu Geburtsurkunden und damit zu Pässen, weil die dortige Rechtsstruktur das für Menschen, die auf der Straße leben und ihre Familien nicht kennen, nicht vorsieht. Durch die Lobbyarbeit von NGOs haben nun 1,5 Millionen junge Menschen in ganz Bangladesch Zugang zu diesen Papieren erhalten."

"Wir wollen Gleichberechtigung, dass Frauen sich sicher fühlen und Fußball spielen können, die am weitesten verbreitete Sportart. Es ist der Sport, der uns mit Glück, Liebe und Zufriedenheit erfüllt und der uns ein friedliches Umfeld bietet."
Jenifer Mena
Mitglied der kolumbianischen Mädchen-Mannschaft

Jenifer ist Mitglied des kolumbianischen Mädchenteams, das es bis ins Finale geschafft hat. Obwohl das Team sich gegen ein starkes Brasilien geschlagen geben musste, hat sie aus dieser Erfahrung viel gelernt. 

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Jenifer Mena ist Mitglied der kolumbianischen Mädchen-Mannschafteurronews

"Durch dieses Turnier habe ich erkannt, dass die Länder miteinander verbunden sind, dass wir dieselbe Geschichte haben. Wir wollen Gleichberechtigung, dass Frauen sich sicher fühlen und Fußball spielen können, die am weitesten verbreitete Sportart. Es ist der Sport, der uns mit Glück, Liebe und Zufriedenheit erfüllt und der uns ein friedliches Umfeld bietet", erklärt Jenifer.

Und die Jungenmannschaften? Am Ende setzte sich ein Ägypten knapp gegen Pakistan durch.

Aber es geht um so viel mehr als nur um Fußball. Ähnlich wie bei den Vereinten Nationen haben die Teams ihre eigenen Kongresse hinter verschlossenen Türen, um Themen zu erörtern, die gefährdete junge Menschen, die auf der Straße leben, direkt betreffen. Und für diese Kinder ist es vielleicht am wichtigsten, dass sie einen sicheren Raum vorfinden, in dem sie ihre persönlichen Erfahrungen teilen können.

"Interessant am Brasilien-Team war, dass ihre Straßenkultur der Kultur in Großbritannien sehr ähnlich ist, mit der Messergewalt, der Waffenkriminalität und solchen Dingen. Es war interessant, das zu erfahren."
Michael Tasker
Mitglied der englischen Jungen-Mannschaft

Am Ende des Turniers stellten die Jugendlichen ihre Wünsche in einer Generalversammlung vor. Sie fordern grundlegende Menschenrechte: Identitätsrechte, Schutz vor Gewalt, Zugang zu Bildung und Gleichberechtigung.

John Wroe ist Mitbegründer und Geschäftsführer von Street Child United.  Er ist davon überzeugt, dass man die Sichtweise auf Straßenkinder und ihre Behandlung verändern kann:

"Kein Kind sollte auf der Straße leben und dort seinen Lebensunterhalt verdienen. Wir suchen nach einer Zukunft für alle Kinder. Frei von Angst, frei von Gewalt, frei von Missbrauch. 2010 arbeiteten wir als Freiwillige bei einer Straßenkinderorganisation in Südafrika.

"... wenn wir die Art und Weise ändern können, wie Straßenkinder gesehen werden, können wir auch die Art und Weise ändern, wie Straßenkinder behandelt werden."
John Wroe
Mitbegründer und Geschäftsführer von Street Child United

Wir trafen einen Jungen namens Andile, der seit zehn Jahren auf der Straße lebte. Er war 14, als wir ihn trafen. Seit seinem vierten Lebensjahr lebte er  auf der Straße.

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Generalversammlung der Straßenkinder-Weltmeisterschafteuronews

Und wir spielten Fußball. Danach sagte Andile: 'Wenn die Leute mich auf der Straße sehen, sagen sie, ich sei ein Straßenkind. Aber wenn sie mich dann Fußball spielen sehen, sagen sie: Ich bin ein Mensch. Ich bin ein Mensch wie du.'

Damals entstand die Idee. Wir erkannten, dass man mit Fußball die Sichtweise auf Menschen wie Andile verändern kann. Und wenn wir die Art und Weise ändern können, wie Straßenkinder gesehen werden, können wir auch die Art und Weise ändern, wie Straßenkinder behandelt werden."

Die Straßenkinder-Weltmeisterschaft bringt Straßenkinder zusammen, sie tritt für greifbare Veränderungen ein. Sie ist der Beweis dafür, dass Fußball tatsächlich die Macht haben kann, Verhältnisse zu verändern.