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Boykott der Fußball-WM in Europa 'verunsichert' die FIFA und Katar

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Von David Mac Dougall
Banner bei einem Spiel von Dortmund gegen Stuttgart am 22. Oktober 2022
Banner bei einem Spiel von Dortmund gegen Stuttgart am 22. Oktober 2022   -   Copyright  Martin Meissner/AP   -  

Die riesigen Banner sind mittlerweile ein vertrauter Anblick bei Spielen der deutschen Bundesliga.

Von den Fans entrollt und von Millionen von Fernsehzuschauern gesehen, ist "Boykott Qatar 2022" zu einem Slogan für Vereine, Fans und Spieler geworden, die sich gegen die Weltmeisterschaft in dem Emirat aussprechen und dabei auf die Menschenrechts- und Umweltprobleme im Gastgeberland hinweisen wollen.

"Je näher die Weltmeisterschaft rückt, desto intensiver wird die Botschaft", erklärt Stefan Schirmer von der Kampagne Boykottiert Qatar 2022.

"Wir haben den Eindruck, dass seit den letzten zwei oder drei Monaten die Dynamik zunimmt", so Schirmer, der in einem Mainzer Amateurverein Fußball spielt, gegenüber Euronews.

Schirmer beteiligt sich mit anderen Freiwilligen an der Kampagne, um die öffentliche Aufmerksamkeit auf die umstrittene Entscheidung zur Vergabe der Weltmeisterschaft an Katar zu lenken. Kürzlich hat das US-Justizministerium Katar vorgeworfen, an der Bestechung von FIFA-Delegierten beteiligt gewesen zu sein, um Stimmen zu erhalten, was Doha und die FIFA entschieden bestreiten.

Mit der Kampagne sollen auch die Bedenken hinsichtlich der Rechte von Frauen, der LGBT-Gemeinschaft und Gastarbeiter*innen, der Demokratie und der Umweltauswirkungen der Austragung eines Turniers in klimatisierten Stadien weiter publik gemacht werden.

Philipp Lahm, der ehemalige deutsche Nationalspieler, der sein Land vor acht Jahren als Kapitän zum WM-Titel in Brasilien führte, sagte kürzlich, dass er weder als Teil der offiziellen Delegation noch als Fan nach Katar reisen werde.

"Für mich ist ganz klar die Frage: Wie wird eine WM vergeben? Es gibt Kriterien, und Katar war nicht oben gestanden. Das darf in Zukunft nicht mehr passieren. An solche Länder, die die Kriterien nicht einhalten, darf eine WM nicht vergeben werden", sagte Lahm der Deutschen Presse-Agentur.

Parallele Kampagnen in Spanien und Frankreich - wo sich einige Städte weigern, Spiele öffentlich auszustrahlen - finden große Unterstützung.

Und das alles kurz vor dem Start des Turniers mit 32 Mannschaften am 20. November.

"Die FIFA und Katar sind besorgt, weil es dem Bild schadet, das sie in der Öffentlichkeit vermitteln wollen. Sie wollen, dass die Weltmeisterschaft ein fröhliches Fußballfest und alles schön ist. Aber sie sehen, dass sich in immer mehr Ländern immer mehr Menschen lautstark gegen diese Weltmeisterschaft aussprechen", so Stefan Schirmer von Boycott Qatar 2022.

Diplomatischer Streit zwischen Deutschland und Katar

Katar steht nicht nur unter Druck seitens der Fußballgemeinde. Im Oktober kritisierte die deutsche Innenministerin Nancy Faeser - in deren Ressort auch der Sport fällt - Berichten zufolge die Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft durch Katar, was zu einer offiziellen Beschwerde beim deutschen Botschafter in Doha führte.

Anfang November besuchte Faeser jedoch Katar und sagte, sie habe eine "Sicherheitsgarantie" für deutsche LGBT-Besucher erhalten, die an dem Turnier teilnehmen. Die Organisatoren haben wiederholt erklärt, dass alle Besucher ungeachtet ihrer Sexualität oder ihres Geschlechts willkommen geheißen und mit Respekt behandelt werden. Unverheirateten Paaren wird es nicht untersagt sein, eine Unterkunft zu teilen.

Einen Tag zuvor hatte Katars Außenminister Deutschland Doppelmoral gegenüber Katar vorgeworfen:  "Auf der einen Seite wird die deutsche Bevölkerung durch Regierungspolitiker falsch informiert, auf der anderen hat die Regierung kein Problem mit uns, wenn es um Energiepartnerschaften geht oder um Investitionen", so  Mohammed bin Abdulrahman Al Thani gegenüber der FAZ.

Der Staat Katar ist einer der größten Erdgasproduzenten der Welt und verkauft Erdgas im Wert von Milliarden Euro an europäische Länder. Im Jahr 2021 lieferte Katar 24 % der gesamten LNG-Importe Europas.

Katar sei in den zwölf Jahren seit der Auswahl als Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft einer systematischen Kampagne ausgesetzt gewesen, wie sie kein anderes Land erlebt habe. "Das nicht die Art von Beziehung, die wir zwischen zwei Ländern wie Deutschland und Katar sehen wollen", so der Außenminister.

"Es ist schon ironisch, wenn dieser Ton in Ländern in Europa angeschlagen wird, die sich selbst als liberale Demokratien bezeichnen. Das klingt, offen gesagt, sehr arrogant und sehr rassistisch", sagte er der Zeitung.

Tim Sparv / Sparta Prague
Der ehemalige finnische Nationalmannschaftskapitän Tim Sparv, der jetzt Trainer bei Sparta Prag ist.Tim Sparv / Sparta Prague

Ehemaliger Kapitän setzt sich für die Rechte von Arbeiter:innen in Katar ein

Tim Sparv war einer der ersten und prominentesten europäischen Fußballspieler, der sich für die Rechte von Arbeitsmigrant*innen in Katar einsetzte.

Der ehemalige Kapitän der finnischen Nationalmannschaft, der seine Mannschaft bei der letzten Europameisterschaft anführte, wurde 2021 für seine Arbeit mit einem Preis der Spielergewerkschaft ausgezeichnet.

Sparv wurde auf das Thema aufmerksam, als sein Mannschaftskamerad Riku Riski sich Anfang 2019 aus ethischen Gründen weigerte, an einem Trainingslager in Katar teilzunehmen.

"Damals war ich Kapitän der Nationalmannschaft, und dann ist es auch eine Frage der Führung. Man kann sich nicht einfach verstecken, denn die Fragen der Journalist:innen beziehen sich nicht nur auf dein letztes Spiel. Also habe ich versucht, mehr herauszufinden und mich über die Situation in Katar zu informieren", so Sparv gegenüber Euronews.

Ich bin gespannt, wie Spieler, Verbände, Trainer und Mannschaften diese Gelegenheit nutzen.
Tim Sparv
Finnischer Fußballer

Die Zahl der Todesopfer unter den Arbeitsmigrant:innen seit der Vergabe der Fußballweltmeisterschaft an Katar im Jahr 2010 wird auf 6.500 geschätzt. Doch diese Zahl bezieht sich laut UN auf alle Todesfälle, nicht unbedingt auf Todesfälle im Zuge von Stadionbauprojekten. Katar gibt an, dass es 37 Todesfälle gab, die "direkt mit dem Bau der WM-Stadien zusammenhängen".

In einem kürzlich veröffentlichten Schreiben der FIFA an die an der Weltmeisterschaft teilnehmenden Länder wurden diese ermahnt, sich auf den Sport und nicht auf andere Themen zu konzentrieren.

Sparv, der jetzt Juniorentrainer bei Sparta Prag ist, glaubt, dass die FIFA durch die Welle der Feindseligkeit gegen die Organisation und die Weltmeisterschaft in Katar "verunsichert" sei.

"Als ich den Brief las, klang er in erster Linie sehr arrogant. Man hat das Gefühl, dass sie ein wenig verunsichert sind und es ihnen nicht gefällt, was hier passiert: dass Leute Stellung beziehen und ihre Meinung sagen."

Die europäischen Mannschaften reagierten mit einem eigenen Schreiben an die FIFA, in dem sie erklärten, dass sie immer noch Antworten auf Fragen zu den Rechten von Arbeitsmigrant*innen benötigen, und begrüßten die Zusicherungen der katarischen Regierung und der FIFA in Bezug auf die Sicherheit der Fans, einschließlich der LGBTQ+-Fans.

"Ich denke, es gibt auch einen Platz und eine Zeit für einen Boykott, und es ist eine letzte Phase, also gibt es andere Alternativen zu einem Boykott. Ich bin gespannt, wie Spieler, Verbände, Trainer und Mannschaften diese Gelegenheit nutzen, während sie in Katar sind, und sich mit diesen Themen auseinandersetzen", sagte Finnlands Tim Sparv.

"Es wäre sicherlich ein wenig enttäuschend, wenn sie nichts sagen würden. Das wäre eine verpasste Gelegenheit, die sie später bereuen würden".

Die Notlage der Bau- und Hausangestellten, die unter verzweifelten Bedingungen leben, ist seit Jahren gut dokumentiert.

Als Reaktion darauf hat die katarische Regierung die Arbeitsgesetze des Landes überarbeitet und einen Mindestlohn eingeführt.

Menschenrechtsorganisationen zufolge ist der Missbrauch von Arbeitsmigrant*innen in Katar jedoch nach wie vor weit verbreitet und die Arbeitsreformen sind noch nicht abgeschlossen. 

Nariman El-Mofty/Copyright 2022 The AP. All rights reserved.
Pakistanische Arbeitsmigranten während einer Pause auf der Corniche mit Blick auf die Skyline von Doha, Katar, am Mittwoch, 19. Oktober 2022.Nariman El-Mofty/Copyright 2022 The AP. All rights reserved.

Was genau ist mit dem "Boykott"-Aufruf gemeint?

Die Kampagne "Boycott Qatar 2022" hat sich nie Illusionen gemacht, dass sie das Turnier, das ein Moloch aus Sport, Marketing und Geopolitik ist, irgendwie stoppen könnte - "das ist ein Hirngespinst", sagt Stefan Schirmer.

Aber sie ermutigen die Menschen auf ihre eigene Weise zum Boykott.

"Ich werde mir kein einziges WM-Spiel ansehen, und in unserem Verein in Mainz haben wir sogar Freundschaftsspiele gegen andere Mannschaften während des Viertelfinales, des Halbfinales und des Finales organisiert", so Schirmer.

Die Initiator:innen hoffen, dass einzelne Fußballfans die Spiele im Fernsehen boykottieren und dass Kneipen, die normalerweise die Spiele zeigen, in diesem Jahr aus ethischen Gründen darauf verzichten.

"Wir wollen, dass Kneipen und Vereine kreativ sind und alternative Aktivitäten für die Fans anbieten."

"Der Boykott von Katar ist nur eine Ansammlung von kleinen Aktionen, aber zusammen können wir eine große Stimme haben, und das kann eine positive Wirkung haben."

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung hat Katar nicht auf die Bitte von Euronews um einen Kommentar zu Boykottkampagnen reagiert.