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Gedenken an tödliches Flüchtlings-Drama im Ärmelkanal

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Von Julika Herzog  mit dpa, AFP,AP
Gedenkveranstaltung für die 27 ertrunkenen Flüchtlinge
Gedenkveranstaltung für die 27 ertrunkenen Flüchtlinge   -   Copyright  François Lo Presti / AFP

Ein Jahr nach dem Kentern eines Migrantenbootes im Ärmelkanal mit 27 Toten, dem tödlichsten Unfall bisher, gab es in Frankreich mehrere Protestmärsche und Gedenkveranstaltungen.

"Nicht auf der anderen Seite der Welt"

Anna Richel vom Flüchtlingshilfeverein 'Utopia 56' sagte in Dünkirche, wo die Namen der Verstorbenen am Strand verlesen wurden: "Es ist wichtig, sich zu erinnern, über sie zu sprechen, an ihre Familien zu denken und auch anzuprangern, denn solche Ereignisse können sich jederzeit wiederholen."

Das aufblasbare Boot hatte am 24. November 2021 bei der Überfahrt von Nordfrankreich nach Großbritannien Luft verloren, die hauptsächlich aus dem Irak stammenden Flüchtlinge stürzten ins Wasser. Ein Fischerboot entdeckte die im Ärmelkanal treibenden Leichen, darunter fünf Frauen und ein kleines Mädchen.

"Vor einem Jahr haben siebenundzwanzig Menschen ihr Leben verloren. Flüchtlinge, die das Eldorado im Vereinigten Königreich suchten, und hier starben. Das ist nicht auf der anderen Seite der Welt, es ist hier an der Küste von Dünkirchen passiert", sagt Martial Beyaert, der Bürgermeister von Grande-Synthe, nachdem er einen Gedenkkranz ins Meer geworfen hat. 

Hinweis auf Versagen bei Küstenwache

In Frankreich gibt es unterdessen Hinweise auf ein gravierendes Versagen der Küstenwache in besagter Nacht. Obwohl die Migranten sich über Stunden per Handy von ihrem sinkenden Boot an die Retter in Frankreich wandten, verwiesen diese sie an die britische Küstenwache, ohne Hilfe zu schicken, wie Recherchen der Zeitung "Le Monde" ergaben. Diese bestätigen die Vorwürfe der beiden Überlebenden der Katastrophe.

Frankreichs Staatssekretär für Meeresangelegenheiten, Hervé Berville, kündigte jüngst Konsequenzen an, sollte sich der auf Funksprüche und Ermittlungsakten gestützte Bericht bewahrheiten. Die strafrechtlichen Ermittlungen in Frankreich dauerten an und außerdem laufe bei der Küstenwache eine interne Untersuchung, sagte Berville.

Den Recherchen zufolge unterschätzte die französische Küstenwache die Notlage der Menschen und verwies sie anhand ihrer Positionsdaten nahe den britischen Gewässern an britische Helfer. Außerdem informierten die Franzosen die Briten über das havarierte Boot ohne nachzuhaken, ob diese Hilfe schicken. Weil in der Nacht etliche Flüchtlinge mit ihren Booten in Seenot gerieten und Rettungsschiffe von britischer und französischer Seite im Einsatz waren, entstand zudem Verwirrung, ob tatsächlich allen geholfen wurde.

Wie die "Le Monde" minutiös berichtete, ging der erste Hilferuf von dem Boot um 1.48 Uhr bei der französischen Küstenwache ein. Ein letztes Handytelefonat, bei dem die Migranten bereits im Wasser trieben und Schreie zu hören waren, brach gegen 4.30 Uhr ab.