Neue Kirchenglocken für Mossul: Hoffnung kehrt in die zerstörte Stadt zurück

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Von Shafia Khawaja  & Euronews  mit AFP
Der irakische Botschafter Wadee al-Batti läutet die Glocken in Villedieu-les-Poêles
Der irakische Botschafter Wadee al-Batti läutet die Glocken in Villedieu-les-Poêles   -   Copyright  Euronews

Gabriel, Michel und Raphael: Diese drei Glocken werden bald in die Kirche des Klosters Unserer Lieben Frau der Stunde (Notre-Dame de L'Heure) in Mossul zurückkehren. Die nordirakische Stadt wurde 2017 weitestgehend vom Islamischen Staat zerstört.

Hergestellt wurden die Glocken in einer der letzten französischen Gießereien in Villedieu-les-Poêles in der französischen Normandie. Sie wiegen zwischen 110 und 270kg und sollen als Symbol für die multireligiöse Stadt dienen, die nach der IS-Herrschaft wiederaufgebaut wird.

Eine der drei Glocken, die bereits gereinigt und gestimmt worden war, läutete am Montag zum ersten Mal unter den Schlägen des irakischen Botschafters in Frankreich, Wadee al-Batti, sowie der Generaldirektorin der UNESCO, Audrey Azoulay, und dem Dominikanerprovinzial Nicolas Tixier.

UNESCO-Generaldirektorin und irakischer Botschafter weihen neue Glocken ein

Der Generaldirektorin der UNSECO, Audrey Azoulay, ist es wichtig, den Irak beim Wiederaufbau Mossuls zu unterstützen: „Es war die Stadt im, die auf sehr starke, sehr symbolische Weise die Vielfalt repräsentierte: Die Vielfalt der Religionen und der Kulturen. Es war auch eine Stadt der Bildung mit vielen Universitäten, eine Stadt der Buchhandlungen mit der Rue des Libraires (Al-Najafi-Straße). Es gibt also viele gute Gründe, diesen Geist von Mossul wieder aufleben lassen zu wollen“.

Das erneute Läuten der Glocken bedeute Hoffnung für den irakischen Botschafter Wadee al-Batti: „Als Christ habe ich viele Erinnerungen an diesen Glockenturm: Er hat während meiner Kindheit und meiner Schulzeit meinen Lebensrhythmus bestimmt“, so al-Batti, der seit kurzem auch Botschafter bei der UNESCO ist. Das erneute Läuten der Glocken sei für ihn "ein Sieg des Lebens: der Sieg des Zusammenseins gegen Terrorismus und Gewalt".

Die UNESCO beaufsichtigt den Wiederaufbau der Altstadt von Mossul, nachdem sie während der Kämpfe gegen den Islamischen Staat zerstört wurde – ein Projekt von über 100 Millionen Euro.

Der Wiederaufbau verläuft schleppend

Fünf Jahre nach dem der Irak den Sieg über den IS verkündet hat, baut sich die Stadt so gut wie möglich wieder auf. Mossul war von den Dschihadisten einst zur Hauptstadt ernannt worden. Viele der 1,5 Millionen Einwohner befinden sich noch immer unter prekären Lebensbedingungen.

Trotz mehrerer Gelegenheitsjobs reicht für viele Menschen das Geld nicht, um über die Runden zu kommen. Mossul liegt in der Provinz Ninive, wo jeder dritte Erwerbstätige arbeitslos ist und 40% der Bevölkerung in Armut leben.

Das Internationale Hilfskomitee (ICR) betonte, dass die wirtschaftlichen Bedingungen für viele Familien nach wie vor „katastrophal“ seien und wies auf einen „alarmierenden Anstieg“ der Kinderarbeit hin. Rund 90% der befragten Haushalte "haben ein Kind oder mehr, das arbeitet", gab die Nicht-Regierungsorganisation bekannt, nachdem sie rund 410 Haushalte und 265 Kinder befragt hatte. Etwa 75% von ihnen haben einen "informellen und gefährlichen Job, wie das Sammeln von Müll und Schrott oder Arbeiten auf dem Bau".

Die nordirakische Stadt kehrt nur langsam wieder zurück zur Normalität: Bäckereien, Cafés und Restaurants haben zwar wieder geöffnet, aber öffentliche Krankenhäuser sind immer noch zerstört. Viele Gebäude weisen halb eingestürzte Dächer oder Einschusslöcher auf, die von den verheerenden Kämpfen und Luftangriffen zeugen. 

Überlastete Schulen

Auch wenn der Wiederaufbau weitergeht, bleiben drei Probleme bestehen: "Fehlende Arbeitsplätze, Schulen, denen es an Ressourcen fehlt und überlastete Lehrer", erklärt Noor Taher, die Kommunikationsleiterin des Norwegischen Flüchtlingsrats (NRC). Laut Taher steige die Arbeitslosigkeit und viele Kinder brechen die Schule ab.

Trotz des Baus von 350 Schulen in den letzten zwei Jahren seien 1.000 Schulen erforderlich, um den "Engpass" im Bildungssektor zu überwinden, sagte Bürgermeister Amin al-Meemari. 

Das Kloster Unserer Lieben Frau der Stunde war die erste Mädchenschule und erste Schule für Lehrerinnen im Irak. Es wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von Dominikanerbrüdern erbaut.

Das Anbringen und die Wartung der Glocken werden von Irakern übernommen, die vor Ort vom Besitzer der Glockengießerei, Paul Bergamo, ausgebildet werden. Die Installation soll bis zum 6. März 2023 erfolgen. Die vollständige Fertigstellung des Wiederaufbaus des Klosters ist für Ende nächsten Jahres geplant.